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„Die sanfteste aller Möglichkeiten“

Erstellt 18.04.07, 17:47h

Im Interview spricht der Direktor des Ägyptischen Museums Berlin, Professor Dietrich Wildung, über den Streit um Nofretete. Für den Spezialisten verhält sich Zahi Hawass diplomatisch. Wildung lehnt den Transport der Büste ab.

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Dietrich Wildung
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Für den Direktor des Ägyptischen Museums Berlin verhält sich Zahi Hawass äußerst diplomatisch.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Wildung, wie ernst sind Drohungen von Zahi Hawass zu nehmen, zukünftig keine Artefakte mehr nach Deutschland auszuleihen, wenn die Nofretete nicht als Leihgabe nach Ägypten kommt?

DIETRICH WILDUNG: Zahi Hawass hat ja nicht von sich aus den Wunsch geäußert, die Nofretete in Kairo ausstellen zu dürfen, sondern er reagiert auf eine deutsche Initiative, die Nofretete nach Ägypten zurückzuschicken. Wenn ein privater, mit öffentlichen Mitteln geförderter Verein in Hamburg solche vermeintlich gutmenschlichen Initiativen lostritt, kann ich von Zahi Hawass nicht erwarten, dass er sagt: „Wir wollen sie gar nicht.“ Er hat als öffentliche Reaktion jedoch die sanfteste aller denkbaren Möglichkeiten gewählt - den Leihgaben-Boykott. Hawass weiß nur zu gut, dass aus Deutschland seit vielen Jahren keine Leihgesuche mehr gestellt wurden. Das nenne ich gute Diplomatie, und ich bin ihm dankbar, dass er eine so elegante Antwort darauf gegeben hat.

Die Diskussion „Nofretete als Leihgabe nach Kairo“ hat eine lange und politisch komplexe Historie. Warum haben Sie nicht schon vor Jahren der zum Teil heftigen, polemischen Debatte mit dem Hinweis ein Ende gemacht, dass die Nofretete aus konservatorischen Gründen nie mehr reisen kann und darf?

WILDUNG: Wir wissen erst seit relativ kurzer Zeit über den inneren Aufbau der Büste so genau Bescheid. Aus computertomographischen Untersuchungen geht hervor, dass die Nofretete entgegen bisheriger Darstellungen nicht aus Kalkstein besteht, sondern lediglich aus einem Kalksteinkern, auf den vor allen auf den beiden Schultern, an der Krone, aber auch im Gesicht, Gipsauflagen aufmodelliert worden sind. Also ein Rohling, dessen Oberflächen durch Gipszufügungen vom Bildhauer gestaltet worden sind. Durch Röntgenschnittbilder wissen wir nun von einer kritischen Zone, wo der Gips direkt auf dem Kalkstein aufliegt und natürlich nicht überall optimal anbindet. Es gibt dünne Hohlräume zwischen Gips und Kalkstein. Das ist ein Befund, der allergrößte Vorsicht gebietet. Vibrationen und Erschütterungen sind zu vermeiden. Dieses Risiko war vor einigen Jahren noch gar nicht bekannt. Der einzige Transport, der Nofretete noch bevorsteht, sind die gerade 200 Meter von ihrem gegenwärtigen Standort im alten Museum ins wiederaufgebaute neue Museum im Oktober 2009.

Vor Jahren haben Sie die Diskussion, ob die Nofretete für einige Monate nach Kairo gehen darf, mit der Bemerkung quittiert: Weiß ich, ob wir sie wiederbekommen?“ Zahi Hawass hat geantwortet: „Sind wir Piraten?“ Glauben Sie ernsthaft, Ägypten würde einen internationalen Eklat provozieren und die Büste einbehalten?

WILDUNG: Ich brauche mir ein solches Szenario gar nicht auszumalen. Weder Zahi Hawass noch die ägyptische Regierung haben diesen Wunsch je offiziell auf politischer Ebene formuliert. Die gegenwärtige Diskussion geht absurderweise auf die Initiative eines deutschen Vereins zurück, der sich mit uns nie unterhalten hat. Ägypten agiert nicht. Dass es reagieren muss, ist selbstverständlich.

Im Parlament soll Hawass angekündigt haben, er werde einen offiziellen Ausleihantrag stellen. Sollte der abschlägig behandelt werden, würde er die Arbeit deutscher Archäologen in Ägypten einschränken. Ist das nur Rhetorik?

WILDUNG: Ich kann mich dazu nicht äußern, weil ich dazu nur die Medienberichte kenne. Dr. Hawass sah bislang keinen Anlass, mich direkt anzusprechen. Ein solches Anliegen müsste ohnehin zwischen der ägyptischen und der deutschen Regierung verhandelt werden. Also bleiben wir hier ruhig und unaufgeregt. Auch haben sich meine Kollegen in Ägypten bislang nicht besorgt gemeldet. Sie und ich wissen aufgrund langjähriger Erfahrungen in und Beziehungen zu Ägypten und zu Zahi Hawass, wie bestimmte Aussagen zu bewerten sind, wenn sie an bestimmten Orten geäußert werden.

Wäre es nicht in der Tat eine honorige diplomatische und historische Geste gewesen, die Nofretete für einen Gastauftritt nach Kairo zu schicken?

WILDUNG: Wir haben keinerlei Grund, uns auf die Anklagebank setzen zu lassen oder uns einen Schuldkomplex von selbsternannten Gutmenschen einreden zu lassen. Was durch diese Hamburger Kampagne losgetreten worden ist, hat leider genau das Gegenteil von guter Diplomatie bewirkt. Es bringt Sand in ein Getriebe, das wunderbar läuft.

Können Sie den Wunsch nachvollziehen, die Königin der Königinnen auch einmal den Ägyptern zu zeigen?

WILDUNG: Der Wunsch ist nachvollziehbar. Aber es sollte nicht der Eindruck entstehen, als ob es einen triftigen Grund gäbe, die Beziehungen zwischen Deutschland und Ägypten nachhaltig zu verbessern. Den gibt es nicht. Sie sind ausgezeichnet. Deutschland investiert jährlich mehrere Millionen Euro in die ägyptische Archäologie, in die Bewahrung kulturellen Erbes durch Restaurierungsprojekte, durch Ausgrabungen.

Interview: Rüdiger Heimlich

Die Langfassung des Interviews ist unter  www.ksta.de/Kultur zu lesen.



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