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Seelenstriptease im Netz

Von Lara Fritzsche, 20.04.07, 09:56h, aktualisiert 20.04.07, 10:56h

Liebeskummer, Arbeitsstress, sexuelle Vorlieben - Im Internet scheint unsere Bekenntnissucht keine Grenzen zu kennen. Warum wir der ganzen Welt unsere intimsten Geheimnisse verraten...

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Immer mehr Menschen nutzen das Internet um ihre intimsten Geheimnisse zu verraten.
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Immer mehr Menschen nutzen das Internet um ihre intimsten Geheimnisse zu verraten.
Nach einigen Nachfragen am Telefon mehr findet die 18-jährige Bloggerin Jana es dann doch irgendwie komisch, dass die fremde Frau so viel weiß. Aber auch erst dann. Vorher sei ihr gar nicht so richtig bewusst gewesen, wie viel sie im Internet von sich preisgibt. „Auch deshalb“, meint der Sozialpsychologe und Medienforscher Bernad Batinic von der Johannes Kepler Universität Linz, „weil es alle machen“. „Wir geben an, was andere auch angeben, fügt Batinic hinzu. „Wie intim manches ist, merkt man erst, wenn man sich bewusst macht, wie gehemmt man eigentlich mit fremden Menschen im realen Leben umgeht. Und was da die Norm ist.“

Im Internet gibt es eine andere Norm: Fast jeder erzählt auf der Internetplattform „Myspace“ Privates aus seinem Leben. Im Steckbrief, der zu jeder Profil-Seite gehört, geben die User an, was ihr Sternzeichen ist, ob sie Kinder wollen, ob sie eine Beziehung führen, ob gleichgeschlechtlich oder nicht, was sie beruflich machen und welchen Bildungsgrad sie haben. Mit Eintragungen im Blog oder dem Online-Stellen von Fotos kann man noch mehr über sich verraten. So viel man will. Und immer mehr Menschen wollen das. Auch weil es einfacher geworden ist. Man braucht keine eigene Homepage mehr als persönliche Bühne, es reicht ein Profil in einem Netzwerk. Das ist einfacher und kostenlos. Allein bei „Myspace“ sind mehr als 160 Millionen Menschen weltweit registriert. Ständig wächst die Gemeinde. Im vergangenen halben Jahr kamen fast 65 Millionen Menschen neu dazu.

Dass aber vor allem Menschen, denen die Kommunikation in der realen Welt schwerfällt, im Internet nach Freunden suchen, ist ein Vorurteil. Astrid Schütz, Professorin für Persönlichkeitspsychologie der Universität Chemnitz, hat in einer Studie herausgefunden, „dass die weitverbreiteten Ansichten, private Homepages seien für sozial ängstliche Personen ein besonders attraktives Medium, weitgehend der empirischen Grundlage entbehren“.

Ebenso kam bei dem Forschungsprojekt heraus, dass es nicht auffällig narzisstische Menschen sind, die sich im Internet darstellen. Auch dieses Vorurteil sei nicht belegbar, so Schütz. Im Gegenteil: Die Professorin macht einen positiven Charakterzug der Internet-Community aus. Homepage- und Profil-Besitzer seien besonders offen für neue Erfahrungen. Und es gibt immer mehr offen herzige Menschen. Denn sämtliche Internet-Communitys wachsen. Wie zum Beispiel das StudiVZ, ein Netzwerk für Studenten vornehmlich aus Deutschland, das inzwischen 1,8 Millionen registrierte Mitglieder verzeichnet. Auch dort geht es um Selbstdarstellung via Fotos und Textbeiträgen. Auf der Videoplattform „YouTube“ geht es weiter. Hier kann der normale Bürger mittels Video etwas über sich preisgeben. Jeden Tag werden 65 000 neue Filme hochgeladen und 100 Millionen abgerufen und angeschaut. „Broadcast yourself“ lautet der „Youtube“-Slogan: sende dich selbst.

Auch das größte deutsche Portal, „MyVideo“, hat knapp sieben Millionen Abrufe pro Tag. Und dabei sind es längst nicht mehr nur Bands, die sich mit ihrer „Myspace“-Seite vorstellen oder Künstler, die auf „Youtube“ mit einem Video auf sich aufmerksam machen wollen, sondern die Lehrerin, der Bäcker, die Schülerin, der Student, die Managerin oder der Automechaniker. Alle haben plötzlich was mitzuteilen.

„Alle wollen etwas von sich preisgeben“, bestätigt der Sozialpsychologe und Medienforscher Bernad Batinic von der Johannes Kepler Universität Linz. Eine kollektive Enthemmung gebe es, weil im Netz sämtliche Statusmerkmale fehlten. „Jeder User scheint gleich zu sein, Doktortitel, Anzug und Krawatte, Alter oder Größe sieht man nicht, dadurch ist die Kommunikation erleichtert. Sie wird vom Einzelnen als offener und ehrlicher empfunden“, so Batinic. Das ist sie meist auch. „Viele spielen zeitweise mit einer anderen Identität, langfristig bastelt ein Großteil nur an seinem echten Profil. Die Leute wollen sich selbst darstellen, nicht einen anderen“, sagt Batinic.

So wie die Vloggerin Inken Helldorfer aus Frankfurt am Main - Vlogger sind Video-Blogger. Zwar vloggt die 29-jährig Kunststudentin unter dem Pseudonym Elsa Seefahrt, in die Kamera hält sie aber ihr eigenes Gesicht, und die Geschichten sind auch alle selbst erlebt.

Mehrmals die Woche stellt sie kurze Sequenzen online: Sie sitzt vor der weißen Tür ihres WG-Zimmers, die Klinke im Rücken, den Ikea-Schrank zur Linken und erzählt aus ihrem Leben. Von einem Fernsehabend, vom Törtchenbacken, von einem Besuch im Einrichtungshaus. Ihr zuhören ist wie einer Freundin zuhören, die zwar nichts Spannendes erlebt hat, aber unbedingt quatschen will. Die Leute lieben es, Elsa Seefahrt wurde von der Internet-Community unter die drei besten Video-Podcaster Deutschlands gewählt. So richtig neu ist der Seelenstriptease aber nicht. Schon seit Jahren kann man in Internetforen wie beispielsweise dem der Frauenzeitschrift „Brigitte“ Zeuge intimer Lebensgeschichten werden. Der Mann betrügt die Frau mit deren Schwester, die Frau merkt mit 42 plötzlich, dass sie bisexuell ist. Doch die Frau, die sich nach 15 Ehejahren in ihre Kollegin verliebt hatte und nun ihr ganzes Leben im Forum ausbreitete, blieb unerkannt.

Das ist vorbei. Egal wie intim die Details werden - auf den zahlreichen Profilseiten im Internet steht inzwischen meist der richtige Name über den Einträgen. Es geht um Selbstdarstellung. Und es geht darum, ein Publikum zu finden für die dramatischen Akte im eigenen Leben sowie um grenzenlose Kommunikation. Jeder kann ein Freund werden, auch der Nachbar am Tresen. Eine Telefonnummer braucht man dafür nicht rausgeben, der Name reicht und schon kann man die Person im Internet wiederfinden: über das „Myspace“-Profil, den StudiVZ-Account, über Videos oder über Google.

Der offenherzige Umgang mit intimen Infos kann auch zum Problem werden, meint der Medienforscher Bernad Batinic. Denn eine Info kann im Internet schnell mit einer anderen verknüpft werden. „Die Leute unterschätzen die Möglichkeiten im Netz. Ganz schnell findet man alle verschiedenen Profile und wenn man sie zusammennimmt, weiß man plötzlich alles.“

Eine repräsentative Umfrage im Auftrag einer Hamburger PR-Agentur ergab, dass zwar 68 Prozent der Bundesbürger einen Internetanschluss haben, aber nur sechs Prozent von ihnen etwas mit dem Begriff Web 2.0 anfangen können. Dabei ist die Grundidee des Web 2.0 sehr einfach: Es geht darum, das Internet persönlicher zu machen und interaktiv zu gestalten. Dies leistet die „Soziale Software“. Sie fördert die Kommunikation und Zusammenarbeit der Internetnutzer. Offenbar aber sind sich nicht alle Nutzer dessen bewusst, täglicher Gast im sozialen Netzwerk Internet sind sie vielleicht trotzdem.

Kurt weiß auch erst seit kurzem, was Web 2.0 bedeutet. Einen Blog hat der 37-Jährige aber schon lange. Er wird auf der Arbeit gemobbt und berichtet dort online darüber. „Ich will mich nicht verstecken“, „ich will allen klarmachen, wie sich so was anfühlt“, erklärt er in seinem ersten Beitrag. Darauf folgen viele weitere. Er beschreibt, wie er in der Mittagspause alleine in den Räumen zurückbleibt, er erzählt von der Sekretärin, die Anrufe nicht zu ihm durchstellt, und von dem einen Mal, als ihm auf dem Weg nach Hause im Auto die Tränen kamen.

Davor, dass Kollegen den Blog lesen könnten, hat er keine Angst. „Nein“, antwortet Kurt, „die sollen ruhig sehen, was sie anrichten.“ Und der Rest der Welt sowieso.

Adressen:

www.myspace.com

www.youtube.com

www.studivz.de

Die Geschichten von Elsa Seefahrt gibt es unter

www.maingold.com/tag/elsa-seefahrt



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