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Chaos in Afghanistan

Von WILLI GERMUND, 18.04.07, 20:54h

Die Kämpfe erreichen erstmals seit seit der Vertreibung der Talibanmilizen im Jahr 2001 wieder die Nähe der Hauptstadt Kabul - die Nato redet die Lage schön - und verlangt gleichzeitig zusätzliche Truppen.

Kabul - Rund 300 radikalislamische Talibankämpfer haben seit Dienstagabend eine Straße 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kabul in der Provinz Kapisa unterbrochen. Die Behörden des Landes schlossen deshalb am Mittwoch aus Sicherheitsgründen den internationalen Flughafen von Kabul. Das Kampfgebiet liegt in der Nähe des Ortes Serobi an der Strecke von Kabul nach Jalalabad, in dem Mitarbeiter des Siemens-Konzerns, darunter auch Deutsche, mit der Instandsetzung eines Wasserkraftwerks beauftragt sind. Außerdem sind in Serobi vorübergehend Soldaten der deutschen Bundeswehr stationiert.

Die Kämpfe in Afghanistan erreichen damit zum ersten Mal seit der Vertreibung der Talibanmilizen aus Kabul im November 2001 die Nähe der Hauptstadt. Die afghanische Armee und die natogeführten ausländischen Sicherheitskräfte Isaf scheinen von der Attacke völlig überrascht worden zu sein. Sie hatten sich zuletzt vor allem auf den Süden des Landes konzentriert. Der deutsche General Bruno Kasdorf, Chef des Stabes im Isaf-Hauptquartier in Kabul, sagte dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ erst Anfang April: „Wir sehen bislang nichts von einer Frühjahrsoffensive der Talibanmilizen.“ Die Nato-Vertreter in Afghanistan gingen in den vergangenen Tagen sogar noch weiter. „Es gibt keinen Krieg in Afghanistan. Es gibt höchstens Scharmützel“, behauptete General Kasdorf.

In der Hauptstadt Kabul mehren sich die Stimmen, die einen militärischen Sieg gegen die radikalislamischen Talibanmilizen ausschließen. In der Provinz Uruzgan mögen niederländische Truppen tagsüber Zugang zu Dörfern in der Umgebung der Stadt Tarin Kowt haben. Nachts kommen die Taliban.

„Drei Fünftel des Landes sind ruhig“, sagt Kasdorf - und gibt damit zu, dass in 40 Prozent des Territoriums andere Zustände herrschen. Der Versuch, die gefährliche Situation schönzureden, hindert die Nato-Spitze in Afghanistan nicht daran, zusätzliche Truppen zu verlangen. „Es ist kein Geheimnis, dass wir gerne mehr Soldaten im Süden hätten“, sagte Nicholas Lunt, Nato-Sprecher in Kabul, dieser Zeitung. US-General Dan McNeill, der gegenwärtige Isaf-Kommandeur, macht sich berechtigte Hoffnungen auf vier weitere Bataillone. Noch in diesem Jahr sollen zwei aus den USA und zwei aus Europa kommen.

Die Hoffnungen der deutschen Bundesregierung, mit der Entsendung der Aufklärungs-Tornados nach Mazar-i-Sharif dem Verlangen der Alliierten nach einer deutschen Beteiligung am Kampfeinsatz im Süden zu entgehen, dürften sich damit nicht erfüllen. „Es ist eine der obersten Prioritäten des Nato-Generalsekretärs, die Einsatzbeschränkungen für Afghanistan aufzuheben“, erklärte Lunt.

Die Entsendung der deutschen Tornados nach Afghanistan besitzt für den Nato-Sprecher in diesem Zusammenhang wenig militärische, aber große politische Bedeutung: „Sie sind ein sehr wichtiges Symbol für die Bereitschaft Deutschlands, sich zu engagieren.“ Die Bilder, die mit den deutschen Flugzeugen gemacht werden, können frühestens nach ein- bis eineinhalb Stunden ausgewertet werden. Der Grund: Die Tornados sind nicht in der Lage sie aus der Luft zur Bodenstation zu übermitteln.



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