Von TOBIAS KAUFMANN, 19.04.07, 22:05h
Wenn man mich, gerade bei Auswärtsspielen, so behandeln würde, wie es momentan fast an der Tagesordnung ist - ich wüsste nicht, ob ich noch weiter zum Fußball gehen würde. Der Mann, der das sagt, ist darauf angewiesen, dass Menschen zum Fußball gehen. Sie bezahlen sein Gehalt. Trotzdem ist Frank Rost, der Torwart des Hamburger SV, einer der wenigen Profis, die sich deutlich im Sinne der aktiven Fans äußern. Denn gerade Anhänger des Gastvereins gelten vielen Klubs weniger als Kunden denn als kollektives Sicherheitsrisiko. Entsprechend werden sie behandelt.
Das fängt schon damit an, dass man als Gästefan in vielen Stadien die schlechtesten Plätze zugewiesen bekommt, sagt Johannes Stender, Sprecher des Bündnisses Aktiver Fußballfans, das sich gegen Rassismus im Fußball engagiert - aber auch gegen die Repression, der sich Fans ausgesetzt sehen. Früher haben wir uns in der Gruppe gerne die Stadt noch ein bisschen angesehen, in die wir für ein Spiel fuhren. Das ist heute nicht mehr möglich, klagt Stender. Es sei denn, man verzichtet darauf, als Fan erkennbar zu sein.
Wem dieser Preis zu hoch ist, der muss für die Auswärtsfahrt einiges auf sich nehmen. Vor und nach dem Spiel werden Fans zwangsweise auf direktem Weg ins Stadion und wieder zurück von Polizei eskortiert und gefilmt. Fehlverhalten Einzelner wird kollektiv geahndet: durch Kesselbildung und Personalienfeststellung, die ausreichen kann, um einen Fan in die Kartei Gewalttäter Sport zu bringen. Wer darin erst mal verzeichnet ist, kommt nur schwer wieder heraus - und gilt als potenzielles Sicherheitsrisiko, dem vorbeugend etwa die Aus- oder Einreise untersagt werden kann.
Zudem beklagen Fangruppen die aus ihrer Sicht oft willkürliche Verhängung von Stadionverboten, die den Betroffenen drei bis fünf Jahre vom Besuch ihres Klubs ausschließen. Gerade auswärts fühlen sie sich von den oft in Konfliktsituationen ungeschulten Mitarbeitern privater Sicherheitsfirmen schlecht behandelt, die für die Klubs das Hausrecht durchsetzen. Man würde sich vieles von dem, was Fan-Alltag ist, als Normalbürger nie gefallen lassen, sagt Stender. Hauptkritikpunkt der Fans sind die Formen kollektiver Sonderbehandlung rund ums Spiel. Auf Fan-Homepages liest man Vergleiche wie diesen: Als Bayern-Torwart Oliver Kahn wegen Raserei der Führerschein entzogen wurde, habe ja auch niemand daran gedacht, dem ganzen Team die Fahrerlaubnis zu entziehen. Solchen Gefahren sind Fans ausgesetzt - wer im falschen Moment am falschen Ort ist, werde wie ein Krimineller behandelt.
Dass es Schläger gibt, dass Feuerwerkskörper fliegen und dass alkoholisierte Krawallmacher eine Gelegenheit, von Polizisten provoziert zu werden, gerne annehmen, das bestreitet Stender nicht. Auch vonseiten der Fans muss Deeskalation betrieben werden. BAFF und andere Fanverbände wie Pro-Fans oder Unsere Kurve beklagen Grundsätzliches: zum Beispiel, dass sie im Konfliktfall Polizei und Sicherheitsdiensten schutzlos gegenüberstehen, weil ein Stadionverbot ohne Anhörung verhängt werden kann. Dabei kollidieren das Hausrecht des Vereins und der Rechtsrahmen des Staates, denn jede ungeprüfte Aussage der Polizei über das angebliche Fehlverhalten eines Fans selbst außerhalb des Stadiongeländes reicht für Maßnahmen des Klubs aus. So kommt es, dass die Zahl der Stadionverbote in den letzten Jahren gestiegen ist, obwohl die Gewalt eher abgenommen hat.
Das sehen auch Anwälte wie Hannes Honecker mit Sorge. Der Geschäftsführer des Republikanischen Anwältinnen- und Anwaltsvereins sitzt, wie Frank Rost, im Beirat des Fanrechtefonds. Aktive Fans haben ihn gegründet, um Betroffenen Gerichtsprozesse finanzieren zu können. Wir wollen uns nicht vor denjenigen stellen, der mit Leuchtkugeln auf andere Zuschauer zielt. Wir wollen, dass friedliche Fußballfans nicht länger kriminalisiert und für Vergehen anderer bestraft werden, heißt es auf der Homepage des Projekts. Unsere Kurve hat darüber hinaus ein neues Konzept für Stadionverbote - mit Anhörungs- und Bewährungsmöglichkeiten.
Bei Frank Rost stoßen die Gruppen auf Verständnis. Ich habe selbst einige Male miterlebt, wie Fans von Ordnern und Polizisten regelrecht provoziert werden. Und das nur, weil vielleicht ein paar Chaoten darunter sind. Er spricht von Sicherheitswahn und Beschränkung der Freiheit des Einzelnen. Das sind die Zeichen der Zeit, ist aber der völlig falsche Ansatz.
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