Schriftgröße

„Hexenjagd wie im Mittelalter“

Von GERD HÖHLER, 19.04.07, 20:03h, aktualisiert 19.04.07, 20:14h

Fünf Tatverdächtige haben den Mord an drei Christen in einem Bibelverlag in der Türkei gestanden. Türkische Politiker fürchten derweil bereits um das internationale Ansehen ihres Landes.

Bild: dpa
Bild vergrößern
Polizisten bergen am Tatort ein Opfer des Anschlags auf den christlichen Verlag in Malatya.
Bild: dpa
Bild verkleinern
Polizisten bergen am Tatort ein Opfer des Anschlags auf den christlichen Verlag in Malatya.
Bild: dpa
Bild verkleinern
Schwere Vorwürfe erhob der protestantische Geistliche Ihsan Özbek
Bild: dpa
Istanbul/Köln - Fünf Tatverdächtige haben den Mord an drei Christen in einem Bibelverlag in Malatya (Türkei) gestanden. Für den Überfall gaben sie religiös-nationalistische Motive an, wie türkische Medien am Donnerstag berichteten. In Deutschland reagierten der Rat der Muslime und die Türkisch Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) mit Entsetzen und Abscheu auf das Verbrechen. Die Polizei meldete am Donnerstag fünf weitere Festnahmen. Alle seien Männer „derselben Altersgruppe“, sagte Provinzgouverneur Halil Ibrahim Dasöz.

Bei dem Anschlag waren am Mittwoch zwei türkische Mitarbeiter des kleinen christlichen Verlags Zirve und ein Deutscher brutal ermordet worden. Der 46 Jahre alte Tilmann G. hatte in Malatya für eine Beraterfirma als Übersetzer gearbeitet. Vertreter der protestantischen Kirchen in der Türkei erhoben unterdessen schwere Vorwürfe gegen Staat, Parteien und Medien. „Einige (...) zeigen mit einer kein Ende findenden Feindschaft auf die Christen und hetzen unser Volk auf“, sagte Bedri Peker, Präsident des Bundes der Protestantischen Kirchen der Türkei.

Verlag publizierte Bibeln

Der Verlag publizierte Bibeln und andere christliche Schriften. Der bei dem Anschlag getötete Deutsche wurde als der 46-jährige Tilman G. identifiziert. Er lebte seit 2003 mit einer offiziellen Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in Malatya und arbeitete als Übersetzer für die Dienstleistungsfirma „Silk Road Consulting“, die in der Türkei Übersetzungen und Sprachunterricht anbietet. In welcher Beziehung Tilman G. zu dem christlichen Verlagshaus stand, war zunächst unklar. Er war verheiratet und hatte drei Kinder.

Türkische Politiker verurteilten das Verbrechen. Ministerpräsident Tayyip Erdogan äußerte sich „tief betroffen“, dass die Türkei Schauplatz einer solchen Tat geworden sei und versprach, „alle Anstrengungen, Licht in den Fall zu bringen“, zu unternehmen. Außenminister Abdullah Gül verurteilte das Verbrechen „auf das Schärfste“ und sagte: „Es bereitet uns großes Unbehagen, dass das Ansehen der Türkei im Ausland beschädigt wird.“ Schock spiegelte sich auch in den Schlagzeilen vieler türkischer Zeitungen am Donnerstag: „Der Alptraum geht weiter“, titelte die Zeitung „Milliyet“ und erinnerte an die Ermordung des armenischen Bürgerrechtlers Hrant Dink, der Ende Januar einem Komplott nationalistischer Fanatiker zum Opfer gefallen war. Das liberale Massenblatt „Sabah“ schrieb, ebenfalls unter Anspielung auf den Mord an Dink, vom „Hochverrat Nummer zwei“.

Viel Selbstkritik

Die Zeitung „Cumhuriyet“ meldete: „Fundamentalistische Brutalität in Malatya“. Selbstkritisch äußerte sich „Hürriyet“: Der Chefredakteur der großen türkischen Zeitung, Ertugrul Özkök, schrieb in einem Leitartikel, die Türkei habe für das Verbrechen „kollektive Verantwortung“, weil sie bewaffneten Fanatikern das Feld überlassen habe. In Istanbul demonstrierten etwa 150 Menschen. Sie entzündeten Kerzen und entfalteten ein Plakat mit der Aufschrift: „Wir alle sind Christen.“

Der christliche Pfarrer Behnan Konütgan, der die Opfer persönlich kannte, warf den Behörden vor, Angst vor christlichen Missionaren zu schüren. „Jeder, der sich offen als Christ zeigt, ist in Gefahr“, sagte Michael Ragg vom internationalen katholischen Hilfswerk Kirche in Not. Ihsan Özbek, der Vorsitzende eines Vereins protestantischer Freikirchen in Ankara, zu dem die Gemeinde in Malatya gehört, sprach laut dpa von einer „Hexenjagd wie im Mittelalter“. In der Türkei, so hieß es, sei „seit langem eine Saat der Intoleranz, des Rassismus und der Christenfeindlichkeit“ gestreut worden. Christen würden als „Vaterlandsverräter, Separatisten und potenzielle Straftäter“ hingestellt.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

Newsticker


Anzeige


Umfrage

Protestieren Sie gegen ACTA?
Bundesweit sind Proteste gegen das internationale Handelsabkommen ACTA geplant. Es sieht unter anderem vor, Urheberrechtsverletzungen strenger zu ahnden. Kritiker befürchten Zensur und Überwachung vor allem im Internet. Beteiligen Sie sich am Protest?

Bildergalerien


Jahresrückblick


ksta-blogs.de


Kölner Stadt-Anzeiger auf dem iPad


Neue Videos – Politik/Nachrichten




Meistgelesene Artikel


Kolumne


Hintergrund


Die andere Meinung


Mein ksta.de


Forum


Brutto / Netto Rechner

Optimieren Sie Ihr Gehalt:
Bruttogehalt (Euro mtl.) Steuerklasse

Dienste