Von GERD HÖHLER, 19.04.07, 20:03h, aktualisiert 19.04.07, 20:14h
Bei dem Anschlag waren am Mittwoch zwei türkische Mitarbeiter des kleinen christlichen Verlags Zirve und ein Deutscher brutal ermordet worden. Der 46 Jahre alte Tilmann G. hatte in Malatya für eine Beraterfirma als Übersetzer gearbeitet. Vertreter der protestantischen Kirchen in der Türkei erhoben unterdessen schwere Vorwürfe gegen Staat, Parteien und Medien. „Einige (...) zeigen mit einer kein Ende findenden Feindschaft auf die Christen und hetzen unser Volk auf“, sagte Bedri Peker, Präsident des Bundes der Protestantischen Kirchen der Türkei.
Verlag publizierte Bibeln
Der Verlag publizierte Bibeln und andere christliche Schriften. Der bei dem Anschlag getötete Deutsche wurde als der 46-jährige Tilman G. identifiziert. Er lebte seit 2003 mit einer offiziellen Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung in Malatya und arbeitete als Übersetzer für die Dienstleistungsfirma „Silk Road Consulting“, die in der Türkei Übersetzungen und Sprachunterricht anbietet. In welcher Beziehung Tilman G. zu dem christlichen Verlagshaus stand, war zunächst unklar. Er war verheiratet und hatte drei Kinder.
Türkische Politiker verurteilten das Verbrechen. Ministerpräsident Tayyip Erdogan äußerte sich „tief betroffen“, dass die Türkei Schauplatz einer solchen Tat geworden sei und versprach, „alle Anstrengungen, Licht in den Fall zu bringen“, zu unternehmen. Außenminister Abdullah Gül verurteilte das Verbrechen „auf das Schärfste“ und sagte: „Es bereitet uns großes Unbehagen, dass das Ansehen der Türkei im Ausland beschädigt wird.“ Schock spiegelte sich auch in den Schlagzeilen vieler türkischer Zeitungen am Donnerstag: „Der Alptraum geht weiter“, titelte die Zeitung „Milliyet“ und erinnerte an die Ermordung des armenischen Bürgerrechtlers Hrant Dink, der Ende Januar einem Komplott nationalistischer Fanatiker zum Opfer gefallen war. Das liberale Massenblatt „Sabah“ schrieb, ebenfalls unter Anspielung auf den Mord an Dink, vom „Hochverrat Nummer zwei“.
Viel SelbstkritikDie Zeitung „Cumhuriyet“ meldete: „Fundamentalistische Brutalität in Malatya“. Selbstkritisch äußerte sich „Hürriyet“: Der Chefredakteur der großen türkischen Zeitung, Ertugrul Özkök, schrieb in einem Leitartikel, die Türkei habe für das Verbrechen „kollektive Verantwortung“, weil sie bewaffneten Fanatikern das Feld überlassen habe. In Istanbul demonstrierten etwa 150 Menschen. Sie entzündeten Kerzen und entfalteten ein Plakat mit der Aufschrift: „Wir alle sind Christen.“
Der christliche Pfarrer Behnan Konütgan, der die Opfer persönlich kannte, warf den Behörden vor, Angst vor christlichen Missionaren zu schüren. „Jeder, der sich offen als Christ zeigt, ist in Gefahr“, sagte Michael Ragg vom internationalen katholischen Hilfswerk Kirche in Not. Ihsan Özbek, der Vorsitzende eines Vereins protestantischer Freikirchen in Ankara, zu dem die Gemeinde in Malatya gehört, sprach laut dpa von einer „Hexenjagd wie im Mittelalter“. In der Türkei, so hieß es, sei „seit langem eine Saat der Intoleranz, des Rassismus und der Christenfeindlichkeit“ gestreut worden. Christen würden als „Vaterlandsverräter, Separatisten und potenzielle Straftäter“ hingestellt.
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