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Arbeitsloser qualvoll verhungert

Von HARALD BISKUP, 19.04.07, 22:00h, aktualisiert 19.04.07, 23:30h

Hungertod in Deutschland? Unvorstellbar! Doch in Speyer wurde nun die völlig abgemagerte Leiche eines arbeitslosen jungen Mannes gefunden - nachdem das Amt die Zahlungen eingestellt hatte.

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Das Elend hauste ganz zentral: In diesem Haus in Speyer lebte der Arbeitslose mit seiner Mutter
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Das Elend hauste ganz zentral: In diesem Haus in Speyer lebte der Arbeitslose mit seiner Mutter

Speyer - „Wir wussten gar nicht, dass hier noch jemand wohnt“, sagt der Vorarbeiter Uwe Marnet, der im Obergeschoss des verwahrlosten Gründerzeithauses an der Landauer Straße Arbeitsgerät abstellt. Mit einem Blick, der Hilflosigkeit und wohl auch so etwas wie Scham ausdrückt, deutet er auf die Zweizimmerwohnung im Parterre, in der Polizisten die völlig abgemagerte Leiche von Sascha K. gefunden haben. Einen Heidenlärm hätten seine Leute veranstaltet, „da hätte sich normalerweise doch mal jemand beschweren müssen“. Normalerweise. Die Verhältnisse in der Sozialwohnung, in der Sascha K. und seine 48-jährige Mutter Elisabeth wohnten, beide Hartz-IV-Empfänger, waren aber alles andere als normal. Vermutlich haben die beiden monatelang ohne ausreichende Nahrung und ohne Kontakte dahinvegetiert. „Leben“, sagt Nachbar Horst Beck, „kann man das ja nicht nennen.“

"Da ist irgendwas in ihm implodiert"

Durch die schweren schmutzig grauen Gardinen kann man vom verwilderten Hof, in dem eine Kinderschaukel und Stangen zum Teppichklopfen vor sich hin rosten, einen Blick in die abgekapselte Welt von Elisabeth und Sascha S. werfen. Zwei Sessel und eine Couch, eine Schrankwand mit Fernseher. Auf Spitzendeckchen ist fein säuberlich allerlei Schnickschnack drapiert. Kein Chaos, alles wirkt wohlgeordnet. Im Polizeiprotokoll ist vermerkt, es seien keinerlei Lebensmittelvorräte gefunden worden.

„Unfassbar, dass jemand zwei Häuser weiter einfach verhungert.“ Michael Heise, ein Maler und Lyriker, der auf der anderen Straßenseite wohnt, ist immer noch fassungslos. Am Abend legt er mit zwei Bekannten Blumen vor dem Haus ab und zündet rote Grablichter an. Saschas Tod zeige, „dass da irgendetwas in ihm implodiert ist“. Deswegen nennt er das unauffällige Haus, das früher eine Zufluchtsstätte für misshandelte Frauen und Mädchen beherbergte, „eine Art Tatort“. Eigentlich eine gutbürgerliche Gegend in der Innenstadt von Speyer, der alten Bischofsstadt mit dem Kaiserdom, den Helmut Kohl vom nahen Oggersheim aus gern Staatsgästen zeigte. Eine lebensfrohe Stadt knapp über der 50 000-Einwohner-Marke, die sich ihrer urigen Weinlokale rühmt und sich gern Wohlfühl-Stadt nennen lässt.

Johannes Tillmann, der als Familienrichter von Berufs wegen mit dem Problem der Verwahrlosung konfrontiert ist, hat der Fall in seiner unmittelbaren Nachbarschaft natürlich auch erschüttert. Im Fall von Elisabeth K, und ihrem Sohn bekomme die amtliche Bezeichnung „Bedarfsgemeinschaft“ für Hartz-IV-Empfänger „einen seltsamen Klang“, findet er. „Aber wie soll man jemandem nachlaufen, der keine Ansprüche geltend macht und bei dem es keinerlei Anhaltspunkt geben hat, dass etwas schief gelaufen ist?“. Er kenne eine Menge Leute, „die einfach nicht die Kurve kriegten, um sich an öffentliche Stellen zu wenden. Die lassen sich einfach hängen.“

Besonders engmaschiges soziales Netz

Diese Beschreibung von Lebensuntüchtigkeit trifft nach allem, was man bislang weiß, ziemlich exakt auf Elisabeth K. und ihren Sohn zu. Vor drei Tagen habe er sich noch nicht vorstellen können, dass jemand in Deutschland verhungert, „und hier in Speyer zweimal nicht“, betont Bürgermeister Hanspeter Brohm. Das Netz an Hilfsangeboten sei besonders engmaschig, „aber so hart es klingen mag“, sagt der CDU-Mann, „die Passivität der beiden hat den Tod des jungen Mannes verursacht“. Hätte es nur den „kleinsten Fingerdeut“ gegeben, dass da etwas nicht stimmt, versichert er, hätte man „das ganze Instrumentarium an Unterstützung“ in Gang gesetzt.

Rechtlich mache er sich keinerlei Vorwürfe, „moralisch fühle ich mich in der Verantwortung, aber zugleich auch ohnmächtig und zornig“. Elisabeth K., die mit starken Mangelsymptomen in eine Klinik gebracht wurde, sagte, ihr Sohn habe hin und wieder angedeutet, nicht mehr leben zu wollen. Bei einem Beileidsbesuch am Krankenbett habe ihn erschüttert, dass Elisabeth K. ihm emotionslos erklärt habe, „wie einfach es ist zu verhungern“.

Ihr Sohn K. hat es der für Arbeitslose zuständigen „Gesellschaft für Arbeitsmarktintegration“ (GFA) vermutlich nicht leicht gemacht. GFA-Bereichsleiter Hans Grohe, ein erfahrener Berufsberater, beschreibt den jungen Mann als „antriebsarm“ und „schwer zu motivieren“. Sascha K. sei ein absoluter Einzelgänger gewesen. Sein Berufswunsch Verkäufer sei aufgrund seiner Fähigkeiten „nicht realistisch gewesen. Sämtliche Praktika, die die „Fallmanager“ dem Sonderschüler nach dem Berufsgrundschuljahr angeboten hätten, habe er ausgeschlagen. Das Verhältnis zu seiner Mutter sei gespannt gewesen.

Der letzte „dokumentierte Kontakt“ mit der GFA habe Mitte September 2006 stattgefunden. Damals sei eine „psychologische Begutachtung“ vereinbart worden; und obwohl man Sascha und seine Mutter darauf hingewiesen habe, dass Sanktionen drohten, falls er sich wiederum verweigere, erschien der junge Mann nicht. Daraufhin wurden die „Regelleistungen“ zunächst gekürzt und zum 1. Dezember ganz eingestellt. „Irgendeine Auffälligkeit war für uns nicht erkennbar“, sagt Grohe. Nun überlegt man, ob als Konsequenz aus dem tragischen Tod in Fällen, in denen der Kontakt zu einem Leistungsempfänger abbricht, der städtische Sozialdienst informiert werden soll.

Draußen genießen die Menschen die Frühlingssonne in den Straßencafés der zur Flaniermeile mutierten Hauptstraße. In Speyer müsse niemand hungern „und verhungern schon gar nicht“, sagt eine junge Frau und schleckt genüsslich die Sahnehaube von ihrer Tasse ab.



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