Von PETER HÜNERMANN, 23.04.07, 20:43h
Das Jesus-Buch des Papstes, von Benedikt XVI. als Ausdruck seines persönlichen Suchens, nicht als lehramtliches Dokument veröffentlicht, hat ein immenses Echo ausgelöst. Es ist die Rede von einem „Zeichen der Zeit“: Der Papst erneuere den Wahrheitsanspruch des christlichen Glaubens und trete damit gegen die „Blindheit der Vernunft“ und gegen die Herrschaft der scheinbaren Selbstverständlichkeiten an. Zudem weise er die wissenschaftliche Theologie, speziell die Bibelforschung, in die Schranken.
Doch was will der Papst selbst? Nach eigenem Bekunden möchte er den Jesus der Evangelien als den wirklichen Jesus, als den „historischen Jesus im eigentlichen Sinn“ darstellen. Dazu trifft er aus dem reichen Schatz der biblischen Texte eine Auswahl und lässt eine beeindruckende Abfolge von Bildern Jesu entstehen. Auffallend ist allerdings, dass er die Praxis Jesu - seine Zuwendung zu den Armen, den Kindern, den Kranken, den Sündern - unerwähnt lässt. Dem entspricht freilich die Zielrichtung des gesamten Buches: Es geht dem Papst wesentlich um die Göttlichkeit Jesu.
Hier liegt der Schwerpunkt seiner Argumentation, in die er die Ergebnisse der theologischen Forschung auf eine ihm eigene Weise einbezieht: Im Vorwort unterstreicht der Papst einerseits, die historisch-kritische Methode sei für die Auslegung des christlichen Glaubens unverzichtbar. Andererseits müsse sie ihrer Grenzen wegen überstiegen werden. Sie führe nämlich nur zu hypothetischen Einzelergebnissen. Demgegenüber müsse man bei der Auslegung auf die Einheit der ganzen Heiligen Schrift achten.
Ratzinger erhebt Einspruch
Als Beispiel für den Umgang Ratzingers mit der Forschung soll die Frage nach der Entstehung des Johannes-Evangeliums dienen. Ratzinger übernimmt zwar die Datierung des Textes an das Ende des ersten Jahrhunderts. Das vierte Evangelium ist also deutlich jünger als die übrigen drei. Sobald aber nun die Wissenschaft, vom zeitlichen Abstand der Texte ausgehend, auch Unterschiede in der theologischen Aussage thematisiert oder die Frage nach der Authentizität überlieferter Jesus-Worte stellt, erhebt Ratzinger Einspruch. „Wenn man unter »historisch« versteht, dass die mitgeteilten Reden Jesu sozusagen den Charakter einer Tonband-Nachschrift haben müssen, um als »historisch« anerkannt zu werden, dann sind die Reden des Johannes-Evangeliums nicht »historisch«, aber dass sie auf diese Art von Wörtlichkeit nicht Anspruch erheben, bedeutet keineswegs, dass sie sozusagen Jesus-Dichtungen sind, die man im Kreis der Johannes-Schule allmählich entworfen hätte.“ Als „wirklichen Anspruch“ des Evangeliums bezeichnet es der Papst, „Jesu Selbstzeugnis richtig wiedergegeben zu haben“. So präsentiert er Bezeichnungen Jesu, die für das Johannes-Evangelium typisch sind (zum Beispiel „der Sohn“ oder „Ich bin es“, als Selbstaussagen des historischen Jesus).
Hieraus ergibt sich eine kritische Anfrage an Ratzinger, den Theologen. Erschüttert es wirklich den Glauben, wenn die Forschung bestimmte Zitate heute nicht mehr als „historische Jesus-Worte“ beurteilt, sondern als Ausdruck für das theologische Bemühen der biblischen Autoren? Die Evangelien bezeugen nachdrücklich, wie die Jünger nach dem Karfreitag nur langsam zum Glauben an die Auferstehung kommen. Das Geheimnis Jesu Christi geht ihnen nur Schritt für Schritt auf. Das ist ein Verstehensprozess, in dem sie erst die rechten Worte finden, die Zusammenhänge des Glaubens begreifen müssen. Die Paulus-Briefe und die johanneischen Schriften zeigen unterschiedliche Ausprägungen des Christusverständnisses. Die Titel und Selbst-Bezeichnungen Jesu - sollten sie davon eine Ausnahme machen?
Ein zweiter Kritikpunkt: Die Diskussionen um die „historisch-kritische Methode“ in der Bibelauslegung haben bei katholischen und evangelischen Theologen das Bewusstsein dafür geschärft, dass es bei ihren Analysen des Neuen Testaments nicht einfach um die Untersuchung irgendwelcher menschlichen Worte geht, sondern um unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens. Sie verstehen ihre Arbeit als theologische Arbeit, nicht als simple „neutrale“ Beobachtung. Insofern fängt die Theologie nicht erst nach der Exegese an, sondern die exegetischen Resultate gehören ins Ganze der theologischen Arbeit. Genau dieses Ineinander aber hebt der Papst bei seiner Kritik an der modernen Exegese auf.
Insgesamt präsentiert sich sein Buch als gedankenreiche biblische Jesusmeditation. Sie liest sich leicht und spannend, vermittelt immer wieder Anregungen zum betenden Verweilen. Im Vorwort erwähnt der Papst begeisternde Jesus-Bücher aus seiner Jugendzeit. Das Echo auf sein eigenes Buch deutet darauf hin, dass ihm ein ähnlicher Wurf gelungen sein könnte, obwohl er eben keine „Leben Jesu“-Darstellung geschrieben hat, sondern den Zwiespalt zwischen dem „historischen Jesus“ und dem „Christus des Glaubens“ aufheben will. Es wäre in der Tat dringend zu wünschen, dass diese Kluft überwunden und die Bereitschaft zum Glauben an die christliche Botschaft durch Aufweis ihrer Glaubwürdigkeit gefördert wird.
In einer Bildungsgesellschaft werden Ergebnisse der Wissenschaft oft grob vereinfacht, häufig polemisch zugespitzt medial verbreitet. Daraus schließen viele Menschen leichtfertig, „die Theologie“ erkläre etwa die Evangelien weitgehend zu Produkten religiöser Fantasie, als handelte es sich nicht um ernst zu nehmende Wahrheiten. Das Buch des Papstes hat mit seinen tiefsinnigen Glaubensreflexionen, seiner Ernsthaftigkeit und Bestimmtheit schon in den ersten Tagen seiner Verbreitung einen bedeutenden Beitrag zum Aufbrechen der oben genannten Meinung bewirkt. Dafür darf man dankbar sein.
Selbstkritisch werden sich Exegeten und Theologen angesichts dieses Buches und seiner Wirkungen fragen müssen, wie sie ihre Forschungsergebnisse vor Missverständnissen schützen und ihre Einsichten angemessen auf dem „Marktplatz“ verbreiten können.
| JETZT BESTELLEN! 4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%. |
|
Anzeige

Frankfurter Rundschau
Zwickauer Neonazi-Trio - BKA löscht ErmittlungsdatenDSDS - Dieter, verschone uns

EXPRESS
3:0-Sieg gegen Schalke - Currywurst-Prämie! Fohlen scharf auf TitelDSDS nach Recall-Abbruch - Kann Ole die Jury diesmal überzeugen?

Spiegel Online
Euro-Rettung: Finanz-Guru Soros attackiert Merkels KrisenpolitikMiss Germany 2012: Die Schönste kommt aus dem Norden