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Kölner Staatsanwalt bangt um sein Leben

Von DETLEF SCHMALENBERG, 27.04.07, 21:14h, aktualisiert 28.04.07, 00:07h

Aus Angst vor einem Anschlag ist der Kölner Oberstaatsanwalt Jürgen Botzem abgetaucht. Botzem fürchtet sich vor einem Rotlichtpaten, der aufgrund seiner Ermittlungen zu neun Jahren Haft verurteilt wurde. Der Menschenhändler kommt bald vorzeitig frei.

Der eine: ein vielfach vorbestrafter Schwerkrimineller, verurteilt wegen Menschenhandel und Zuhälterei, berüchtigt für seine außerordentliche Brutalität. Er wird jetzt aus dem Gefängnis entlassen, er darf sein Leben in Freiheit verbringen. Der andere: Oberstaatsanwalt, bekannt geworden wegen seiner Erfolge im Kampf gegen die Organisierte Kriminalität, geschätzt im Kollegenkreis. Er ist auf der Flucht, aus Angst vor einem Anschlag ist er psychisch krank geworden.

Verkehrte Welt. „Ich bin abgetaucht“, sagt der Kölner Oberstaatsanwalt Jürgen Botzem. Er halte sich im Ausland auf, seine Frau habe er mitgenommen. Aus Sicherheitsgründen wechsele er ständig seinen Aufenthaltsort, bestätigte der ehemalige Topermittler am Freitag in einem Telefonat dem „Focus“. Der Grund: Vor kurzem erhielt Botzem die Mitteilung, dass sein Erzfeind, der türkische Rotlichtpate Necati A., nach verbüßter Zwei-Drittel-Haftstrafe vorzeitig aus der Haft entlassen und abgeschoben werden soll.

Seitdem ist der Kölner Ermittler „verschwunden“. Er fürchtet, dass sich der Gangsterboss an ihm rächen will. Denn Botzem war es, der den türkischen Bandenchef für neun Jahre ins Gefängnis gebracht hat. Schon seit vier Jahren wird der Fahnder deshalb rund um die Uhr bewacht.

Denn im Sommer 2003 hatte ein V-Mann der Polizei von einem Mordkomplott gegen den Staatsanwalt berichtet. Anhänger von A. hätten einen „Erol“ aus Duisburg beauftragt, den hartnäckigen Ermittler umzubringen. Botzem erhielt Personenschutz, sein Haus wurde mit Panzerglas zur Festung ausgebaut. Die Suche nach dem Auftragskiller namens „Erol“ blieb zwar erfolglos, doch für Botzem gilt seitdem „Sicherheitsstufe eins“.

Anfangs soll er sein Leben im Ausnahmezustand spöttisch als „Theater“ abgetan haben. Bald schon aber erlebten ihn Kollegen als müde und deprimiert. Nach internen Streitigkeiten wollte ihn der Behördenleiter zudem versetzen. Seit Oktober 2004 ist Botzem wegen psychischer Probleme dienstuntauglich geschrieben. „Das ist kein Leben mehr, das ist die Hölle, ein Gefängnis“, wurde er kürzlich zitiert.

Seine Sorge, Opfer eines Anschlages zu werden, hat sich in den letzten Jahren immer mehr gesteigert. Denn bei abgehörten Gesprächen im Gefängnis soll A. wiederholt Rache für seine Verurteilung geschworen haben.

„Wenn ich rauskomme, werde ich ein paar Leute Dings machen“, hat er laut Polizeiprotokoll beispielsweise einmal gesagt. „Ich bin nachtragend, ich schwöre, ich hab' mir Liste gemacht“, ergänzte er. Auf Botzem, der die Ermittlungen gegen ihn leitete, habe er einen besonderen Hass. Aber auch die Kripo-Beamten, die ihn enttarnten, und Konkurrenten aus dem kriminellen Milieu stünden auf seiner Liste. „Ich werde alle wegmachen, die mir Stress machen. Ich schwöre es.“

Wegen dieser im Aufenthaltsraum der Justizvollzugsanstalt Wuppertal abgehörten Aussagen beantragte die Staatsanwaltschaft im vergangenen Jahr beim Landgericht Köln die Sicherungsverwahrung für A. Im Extremfall hätte das lebenslange Haft für den Gangsterchef bedeuten können. Doch es kam nicht zur Verurteilung. A. habe mit seinen Bemerkungen nur angeben wollen, argumentierten seine Anwälte. Zudem hatten die vom Gericht bestellten Dolmetscher gesagt, dass einige türkische Zitate des Angeklagten im Polizeiprotokoll falsch übersetzt worden waren. Die Staatsanwaltschaft zog ihren Antrag daraufhin zurück.

Ein Entlassungsschreiben für A. liege bereits vor, bestätigte am Freitag ein Sprecher der Staatsanwaltschaft. Er komme aber erst frei, wenn die türkische Botschaft seinen abgelaufenen Reisepass verlängert hat. Dies würde wohl „in Kürze geschehen“.



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