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„Ich bin ein glücklicher Mensch“

Erstellt 06.05.07, 20:21h

Der Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk hat auf seiner Lesereise Station in Köln gemacht. Der türkische Autor stellte im ausverkauften Schauspielhaus sein autobiographisches Buch „Istanbul“ vor. Vorab stellte er sich zum Gespräch.

Bild: Grönert
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Orhan Pamuk bei der Matinee in Köln.
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Orhan Pamuk bei der Matinee in Köln.
Der türkische Autor stellte im ausverkauften Schauspielhaus sein autobiographisches Buch „Istanbul“ (Hanser) vor. Vorab stellte er sich zum Gespräch.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Orhan Pamuk, Sie sind jetzt zum ersten Mal nach Übergabe des Nobelpreises auf Lesetour. Wie fühlt es sich an?

ORHAN PAMUK: Sehr gut. Ich genieße diese Tage in Deutschland. Es hatte ja vor einiger Zeit in der Türkei politische Spannungen und Mordfälle gegeben, worauf ich in die USA gereist bin, um meinen Geist zur Ruhe kommen zu lassen. Ich konnte da friedlich, introvertiert und in einer etwas melancholischen Weise sehr intensiv an meinem neuen Roman arbeiten. Aber ich habe die ganze Zeit über davon geträumt, meine Deutschland-Tour nachzuholen. Meine Vorstellung war, dass ich mich im Frühling wieder der Öffentlichkeit öffnen und meine Leser und Freunde treffen würde. Und genau so ist es gekommen. Ich bin sehr froh.

Hat sich Ihr Leben nach dem Nobelpreis sehr verändert?

PAMUK: Weder meine Arbeitsweise noch meine Vorstellung von Literatur hat sich geändert. Wie andere Leute ein Pils brauchen, um das Leben fortsetzen zu können, brauche ich die Literatur. Natürlich hat mir der Nobelpreis mehr Leser beschert und auch eine viel größere Aufmerksamkeit der Medien. Was immer ich sage, wird stärker dramatisiert als zuvor. Manchmal ist das sehr schmeichelhaft, manchmal nicht. Ich bin jetzt sichtbarer als früher. Als mich der Anruf in New York erreichte, dass ich den Nobelpreis bekommen sollte, habe ich allen Freunden am Telefon gesagt: Das wird mein Leben nicht verändern. Das stimmte nicht ganz. Richtig lautet der Satz: Es wird meinen Charakter nicht verändern und auch meine Arbeitsweise nicht. Ich will mich aber überhaupt nicht beklagen.

Sie stellen derzeit Ihre Memoiren vor und haben einen neuen Roman fast abgeschlossen. Wie groß ist der Unterschied des Schreibens?

PAMUK: Der ist sehr groß. Für einen Roman muss ich Szenen erfinden, die überzeugend sind. Der Charakter muss stimmen, der Ort, die Atmosphäre. Das nimmt viel Zeit in Anspruch, viel mehr Zeit als das Verfassen von Memoiren. Denn bei einer Autobiographie muss man sich nur erinnern und dann klären, was man weglässt, weil einem ja so vieles einfällt. Ich hätte über denselben Zeitraum, also über meine Kindheit und Jugend, noch zehn andere Bücher mit ganz anderen Geschichten schreiben können.

Fällt es Ihnen nicht schwer, all die Details im Gedächtnis aufzufinden?

PAMUK: Mir macht es großen Spaß, mich zu erinnern, nur wird jetzt, im Alter von 55 Jahren, die Erinnerung ein wenig schwächer. Darum dachte ich mir, dass es an der Zeit sei, dieses Kapitel meines Lebens zu schreiben. Vieles habe ich nicht in das Buch aufgenommen. Zum Beispiel meine Besuche im Fußballstadion. Ich erinnere mich daran, wie der Wind den Zigarettenrauch der Männer in meine Augen trieb und ich deshalb oft während eines Fußballspiels Tränen vergoss. Oder dass die Eckfahnen von demselben Wind, der mir den Rauch zuführte, sanft hin und her gewendet wurde.

„Istanbul“ ist sicher Ihr persönlichstes Buch. Wie waren die Reaktionen in Ihrer Familie?

PAMUK: Oh! Mein Bruder, der zwei Jahre älter ist, hat sich zunächst sehr aufgeregt. Das lag aber nicht an dem Inhalt des Buches, sondern daran, dass die türkischen Medien die Tatsache übertrieben haben, dass wir uns als Kinder auch einmal geprügelt haben. Die Medien erweckten den Eindruck, als würde das in der Türkei sonst nie passieren. Aber tatsächlich ist es normal bei uns, dass der ältere Bruder den jüngeren auch einmal verhaut. Und als ich meiner Mutter mitteilte, dass ich darüber schreiben wolle, sagte sie mir: Wenn du schreibst, dass du verprügelt worden bist, ist das nicht gut für dich. Aber ich wollte in diesem Buch aufrichtig sein. Vielleicht schreibe ich demnächst über die Schwierigkeiten, so ein Buch zu schreiben.

Diese Autobiographie endet mit ihrem Entschluss, Schriftsteller zu werden. Gibt es eine Fortsetzung?

PAMUK: Ja, ich werde noch drei Bände schreiben. Und in jedem werde ich das Persönliche ergänzen um einen Diskurs. Im aktuellen Band schreibe ich auch über Istanbul, im nächsten über die Literatur.

Vermissen Sie Istanbul, wenn Sie auf Reisen sind?

PAMUK: Nein, denn ich habe die Stadt in meinem Kopf, schließlich lebe ich dort seit über 50 Jahren. Ich vermisse meine Familie, meine Freunde, meine Bibliothek, meine Gewohnheiten und den Blick aus meinem Fenster.

In „Istanbul“ sagen Sie, dass Sie anders als Autoren wie Conrad, Nabokov oder Naipaul den Wechsel der Kulturkreise nicht brauchen.

PAMUK: Ja, das ist eine schöne Ironie. Seitdem ich das geschrieben habe, habe ich zwar nicht den Kulturkreis gewechselt, aber ich bin seitdem so oft in fremden Ländern wie nie zuvor in meinem Leben. Dafür gab es viele Gründe - politischen Druck, den Nobelpreis, meine Lehrtätigkeit in New York und die vielen freundlichen Einladungen.

Damit entsprechen Sie einem sehr früh von Ihrer Mutter geäußerten Wunsch: Orhan, verreise!

PAMUK: Das stimmt. Als ich vor zwei Monaten die Türkei verließ, sagte sie mir: Ich bin froh, dass man dich in der Öffentlichkeit so angegriffen hat, denn sonst wärst du doch hier geblieben. Sie versucht immer, die positive Seite zu entdecken.

In „Istanbul“ erklären Sie uns „Hüzün“, die sehr spezifische Melancholie der Stadt. Nehmen Sie diese mit auf Reisen?

PAMUK: Ja. Aber wenn ich morgens schreibe, dann ist es egal, ob ich in der Hölle oder in Istanbul oder in Paris bin. Meine Zufriedenheit hängt davon ab, ob meine tägliche Dosis Literatur mich glücklich gemacht hat oder nicht. Ich wähne mich derzeit in der Mitte meiner literarischen Karriere, nicht meines Lebens. Ich hoffe, noch die Bücher schreiben zu können, von denen ich träume. Ich bin ein glücklicher Mensch, denn mein Glück hängt davon ab, Bücher schreiben zu können.

Sie werden oft als politischer Autor gesehen. Gefällt Ihnen das?

PAMUK: Nein. Ich bin Schriftsteller und kein Politiker. Ich habe keine politische Agenda, allerdings einen moralischen Standpunkt. Und ich denke, dass die Zukunft der Türkei und Europas eine gemeinsame sein sollte. Das sage ich auch ab und zu. Aber ich möchte nicht, dass die Politik mich dominiert.

Dann nur diese Frage zur Politik: Was erwarten Sie von den bevorstehenden Wahlen in der Türkei?

PAMUK: Ich lebe lange genug in diesem Land, um mit einer Wahl nicht irgendeinen Optimismus zu verbinden. Gleichwohl ist die Wahl eine gute Sache, weil sie Teil der Demokratie ist. Aber Demokratie erschöpft sich nicht in der Wahl. Dazu gehört auch die Achtung der Menschenrechte und die Freiheit der Rede. Dazu gibt es keine Alternative - und die Türkei, glaube ich, lernt dies gerade auf schmerzhafte Weise.

Das Gespräch führte

Martin Oehlen



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