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Der Kolonialismus wirkt immer noch

Von GERT VON PACZENSKY, 09.05.07, 21:32h

Ägypten und Deutschland im Zwist über die Büste der Nofretete: Berlin macht konservatorische Bedenken gegen eine Ausleihe geltend. Aber auch die rechtliche Lage, mit der sich unser Autor befasst, ist umstritten.

Berlin macht konservatorische Bedenken gegen eine Ausleihe geltend. Aber auch die rechtliche Lage, mit der sich unser Autor befasst, ist umstritten.

Es ist beschämend, wie in der neu aufgelebten Debatte über Nofretete versucht wird, das deutsche Publikum an der Nase herumzuführen.

Die Büste der Königin war 1912 das Star-Objekt eines deutschen Ausgrabungstrupps unter Professor Borchardt im ägyptischen Tell El Amarna gewesen. Seit 1913 befindet sie sich in Berlin. Versuche der Ägypter, sie wenigstens eine Zeit lang als Leihgabe in Kairo ausstellen zu dürfen, wurden von Kulturstaatsminister Neumann, dem Chef der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Lehmann, und dem Direktor des ägyptischen Museums, Wildung, mit arrogantem Hohn zurückgewiesen. Höhnischer hätte sich Kaiser Wilhelm II. wohl auch nicht geäußert. Die kolonialistische Mentalität von damals wirkt verblüffend weiter.

Das Stück, mit dem sich das Berliner Museum ziert und das es als sein Eigentum ausgibt, ist, sagt die Stiftung Kulturbesitz, aufgrund „eindeutiger und völkerrechtlich klarer, offiziell anerkannter Verträge nach Berlin gekommen“. Wie wäre es,

wenn diese Verträge vorgelegt würden? Wo sind sie denn? So sicher sind die Berliner damals keineswegs gewesen. Von 1913 an haben sie den Nofretete-Kopf zehn Jahre lang geheim gehalten, während sie alles andere aus dieser Grabung ausstellten - warum wohl? Aus gutem Gewissen?

In Wirklichkeit konnte

Ägypten zwar seiner antiken Schätze beraubt werden, nach denen Deutsche, Briten, Franzosen und andere im Lande herumgruben. Aber die entsprechenden schönen Verträge abschließen konnte es nicht. Es gab gar keinen ägyptischen Staat. Da die entsprechenden Geschichtskenntnisse den erwähnten deutschen Kulturbeamten fehlen, hier eine Kurzchronik.

Anfang des 16. Jahrhunderts geriet das Land unter türkische Herrschaft. 1798 kam Napoleon mit einer großen französischen Expedition. Sie bediente sich an den antiken Schätzen, doch 1801 erschienen die Briten und nahmen ihnen das meiste ab. Als Besatzer etablierten sie sich endgültig 1882 - zollten aber weiter Lippenbekenntnis zur türkischen Oberhoheit. 1914 proklamierte Großbritannien sein „Protektorat“. Dann gewährte es den Ägyptern eine stark eingeschränkte Unabhängigkeit, 1936 etwas mehr. Ab 1922 setzten die Briten Könige ein, zunächst Fuad I. Aber wirklich unabhängig wurde Ägypten erst nach dem 2. Weltkrieg, und die britischen Truppen zogen erst 1955 aus der Kanalzone ab.

Khedive Mohammed Ali, ein Albaner, war unter der türkischen nominellen Oberherrschaft Vize-König. Er und seine Nachfolger kümmerten sich nicht um die Türkei oder auch um die Ägypter, sondern um seine eigenen Interessen. Er und seine Nachfolger verschenkten oder verkauften ganze archäologische Sammlungen an Ausländer. Die Antikenverwaltung überließen die Briten durchweg den Franzosen, die

freilich unter britischer Oberhoheit handelten.

So ist klar, dass Grabungen, die Erlaubnis dafür und die Genehmigung des Abtransports der Funde nicht der ägyptischen Verwaltung zu verdanken waren, sondern der britischen Besatzungsmacht mit französischer Beteiligung. Wieso hätte das die Ägypter binden sollen? Was Nofretete anbelangt, so protestierten sie auch, sobald sie von ihrem Auftauchen in Berlin erfuhren.

Die Besatzer hatten für Funde ein Teilungsverfahren festgelegt; die Entscheidung, was an wen ging, traf jeweils ein Franzose! Die zuständige Behörde hatte zwar begonnen, etwas mehr auf ägyptische Interessen zu achten, und daher sollten die besten Stücke im Lande bleiben. Aber bei der Teilung, die Nofretete nach

Berlin brachte, hatte der französische Beamte entweder nicht aufgepasst oder nicht aufpassen wollen, und sehr schnell kursierte auch der Verdacht, die Deutschen hätten den Nofretete-Schädel durch eine Lehmschicht so unkenntlich gemacht, dass seine Bedeutung nicht

zu erkennen war. Zu diesem Verdacht passte natürlich auch, dass die Funde zwar sogleich in Berlin ausgestellt wurden, nicht aber der Kopf Nofretetes - er blieb, wie gesagt, zehn Jahre lang verborgen. Ausgräber Borchardt befürchtete ägyptische Repressalien. Mit Grund.

Die Harmlosigkeit, mit der die zuständigen Deutschen heute auftreten, findet keine Deckung in den Akten des Auswärtigen Amtes der damaligen Zeit, auf die ich in meinem Buch „Nofretete will nach Hause“ mehrfach Bezug genommen habe. Schließlich hatten ja sogar Beamte der deutschen Botschaft Zweifel daran geäußert, dass alles mit rechten Dingen zugegangen sei, gestützt auf Angaben von Mitgliedern des deutschen Instituts in Kairo.

So schrieb der Gesandtschaftsrat Pilger erst telegraphisch, dann brieflich (12. und 14. Oktober 1925) an das Auswärtige Amt, Äußerungen von Mitarbeitern des Deutschen Archäologischen Institutes in Kairo hätten ihn stutzig gemacht, ob die ägyptische Meinung nicht stimme, der Nofretete-Kopf sei „bei der Teilung in Täuschungsabsicht mit anderen Stoffen unkenntlich gemacht worden, so dass der Wert nicht erkennbar gewesen sei.“ Sowohl Professor Wreszinski (Mitglied der Deutschen Orientgesellschaft, Mitarbeiter des Institutes) als auch der Assistent des Institutes, Rusch, hätten ihm gesagt, „dass die von der Gegenseite behauptete Täuschung tatsächlich erfolgt sein könnte“. Dass Ausgräber Borchardt das bestritt, wird weder wundern noch als Beweis in eigener Sache gelten können. Nach heutiger deutscher Darstellung gibt es angeblich keine ägyptische Anfrage, ob Nofretete nicht vorübergehend ausgeliehen werden könnte. Der Chef der dortigen Altertümerverwaltung ist dem deutschen Museumsdirektor anscheinend nicht offiziell genug.



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