Von TIM STINAUER, 20.05.07, 22:00h, aktualisiert 21.05.07, 21:21h
Kölns Polizisten steht ein enormer Kraftakt bevor. Weil die Kriminalität in der Stadt weiter hoch ist, die Unfälle mit Verletzten zahlreich und die Aufklärungsquoten teilweise viel zu gering sind, greift Klaus Steffenhagen jetzt durch: „Unser Ziel, 2010 sicherste Millionenstadt zu sein, erreichen wir mit den bisherigen Maßnahmen nicht“, fürchtet der Polizeipräsident und hat deshalb das Programm „Sicherheit Plus“ ins Leben gerufen.
Kern des Konzepts ist eine hundert Mann starke Sondertruppe, die sich aus Beamten verschiedener Wachen und Kommissariate zusammensetzt. Diese neue Einheit soll ausschließlich jene Delikte bekämpfen, die der Polizei gerade am meisten Probleme bereiten. Im Augenblick ist das die Beschaffungskriminalität. Laut Steffenhagen leben etwa tausend Drogenabhängige in Köln, die ihre Sucht durch kriminelle Taten finanzieren. „Jeder verursacht täglich einen wirtschaftlichen Schaden von circa 1000 Euro. Das macht insgesamt eine Million Euro pro Tag“, rechnet der Polizeipräsident vor. Die meisten brechen in Wohnungen ein, begehen Raubüberfälle oder stehlen Navigationsgeräte und Handys aus Autos. Nur jeden 25. Diebstahl aus einem Fahrzeug konnte die Polizei voriges Jahr aufklären. Nun soll die Sondertruppe helfen, die Beschaffungskriminalität zu senken. Steffenhagen betonte, dass parallel dazu auch die Betreuungsangebote für Süchtige verstärkt werden müssten. Die Sondertruppe sei flexibel und könne „lageangepasst reagieren“, sollten sich andere Kriminalitätsschwerpunkte auftun, sagte Steffenhagen.
Doch das ist nicht alles. Der Polizeipräsident verlangt auch von seinen Streifenbeamten eine höhere Aufmerksamkeit. Denn beim landesweiten Vergleich fällt auf: In kaum einer anderen Stadt in NRW ahnden die Polizisten aus eigenem Antrieb so wenig Verstöße wie in Köln. In Bochum etwa verzeichnet die Statistik pro hundert Verkehrsunfälle 1950 Maßnahmen von Polizisten. Das sind vorwiegend Tempomessungen, aber auch das Einschreiten eines einzelnen Streifenbeamten, der einen Fußgänger bei Rot die Straße überqueren sieht. In Köln stehen hundert Unfällen gerade mal 640 Maßnahmen gegenüber - ein Drittel so viel wie in Bochum und etwa halb so viele wie in Dortmund. Dass eine stärkere Überwachung und Ahndung womöglich geboten ist, um die Verkehrsteilnehmer zu sensibilisieren, beweist ein Blick in die Unfallstatistik: In den ersten vier Monaten des Jahres verunglückten in Köln 15 Prozent mehr Verkehrsteilnehmer als im gleichen Zeitraum 2006, unter den Radfahrern sogar 30 Prozent mehr.
Eine behördeninterne Auswertung ergab laut Steffenhagen, dass seine Beamten 2006 insgesamt 260 000 Einsätze wahrgenommen haben. Umgerechnet hat somit jede Streifenwagenbesatzung, jede Fußstreife oder jeder Motorradpolizist pro Schicht eineinhalb Einsätze erledigt - ein rein statistischer Wert wohlgemerkt. „Denn natürlich ist das Einsatzaufkommen in einer Freitagnacht an den Ringen erheblich höher als an einem Dienstagvormittag“, so Steffenhagen. Und dennoch: „Legt man die durchschnittliche Bearbeitungszeit pro Einsatz zugrunde und berücksichtigt, dass die Beamten auch andere Aufgaben erledigen müssen, bleiben statistisch pro Schicht vier Stunden übrig, in denen die Beamten nach unserer Feststellung auch keine Maßnahmen selbst initiieren“, berichtete der Polizeipräsident. „Und diese vier Stunden müssen wir nutzen.“ Steffenhagen will seinen Beamten zwar nicht konkret vorschreiben, wie viele Verkehrsverstöße sie pro Schicht ahnden sollen, aber er fordert: „Sie sollen mit offenen Augen durch den Tag gehen und Fehlverhalten konsequent ahnden.“ Allen Beamten müsse klar sein: „Jede Maßnahme kann eine Bewusstseinsänderung herbeiführen. Es geht nicht um Abkassieren.“
Ein weiteres Ziel der Behördenführung ist es, die so genannten „Einsatzrektionszeiten“ zu verkürzen, also den Zeitraum zwischen einem Notruf und der Ankunft des Streifenwagens am Tat- oder Unfallort. Wenn Leben in Gefahr ist, wenn es Verletzte gibt oder der Täter noch in der Nähe ist, dann sind Kölns Polizisten im Schnitt in weniger als vier Minuten vor Ort - und erreichen damit im landesweiten Vergleich Platz 13 von 50 Behörden. Einen hinteren Platz belegt die Kölner Polizei allerdings bei Einsätzen, in denen Eile eher nicht geboten ist. Dazu Polizeidirektor Uwe Reischke: „Wir konnten noch nicht herausfinden, warum das so ist.“
Trotz aller Anstrengungen, die Kriminalität und die Unfallzahlen zu senken, weiß Steffenhagen: „Alleine packt es die Polizei nicht.“ Derzeit werde mit der Stadt ein Kooperationsvertrag ausgehandelt. Der soll zum Beispiel festlegen, welche weiteren Präventivmaßnahmen ergriffen werden könnten.
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