Schriftgröße

Begegnung mit schrägen Vögeln

Von Emmanuel van Stein, 23.05.07, 11:50h

Landpartie im Westmünsterland: Die Themenrouten für Radler kann man auch tageweise abstrampeln.

Bild: EVS
Bild vergrößern
Bunten Pfauen, hier im Anholter Bärenwald, begegnet man unterwegs im Westmünsterland. BILD: EVS
Bild: EVS
Bild verkleinern
Bunten Pfauen, hier im Anholter Bärenwald, begegnet man unterwegs im Westmünsterland. BILD: EVS
Die Themenrouten für Radler im Westmünsterland kann man auch tageweise abstrampeln.

VON EMMANUEL VAN STEIN

Mitten im Naturschutzgebiet Zwillbrocker Venn an der deutsch-niederländischen Grenze steigt der Geräuschpegel plötzlich urkomisch an; als ob in dem ehemaligen Hochmoor eine Ladung Lachsäcke explodiert wäre. In einer der Aussichtskanzeln verschaffen wir uns Gewissheit und beobachten fliegende Kichererbsen. Genauer gesagt tummelt sich hier von Mitte März bis August eine der größten Lachmöwenkolonien Mitteleuropas. Vielleicht amüsieren sich die 15 000 Vögel ja über ihre Nachbarn, die langbeinigen rosa Flamingos, die vor Jahren aus Tiergärten ausgebüxt sind und seither auf einer Insel im See brüten. Die Jungtiere überwintern zusammen mit dem Rest der Population im Rheinmündungsgebiet. Angesichts der für das Westmünsterland untypischen Fauna hat man vor fünf Jahren einen mehr als 80 Kilometer langen, gut ausgeschilderten Radwanderweg angelegt. Die „Flamingo-Route“ führt von Vreden aus durch eine einzigartige Natur- und Kulturlandschaft: vorbei an der besterhaltenen Barockkirche im Münsterland und der Biologischen Station Zwillbrock bis hinter die Grenze. In Vreden fasst das Hamaland-Museum den kulturgeschichtlichen Hintergrund zusammen.

In der Stadt gibt es großartige Kleinigkeiten zu entdecken. Zum Beispiel das „Erste Deutsche Scherenschnittmuseum“ im Alten Rathaus. Hermann Gebing präsentiert rund 600 erlesene Exponate (aus 300 Jahren) einer mehr als 14 000 Exemplare umfassenden Sammlung, die er auf seinen Weltreisen zusammentrug: filigrane Arbeiten aus unterschiedlichsten Materialien. Auch im Schuhhaus Wessels gerät man ins Staunen: Der Spezialist für Übergrößen zeigt die weltweit größte Sammlung von Miniaturschuhen. Über 50 Jahre lang hatte ein Schuhindustriemeister naturgetreue Verkleinerungen historischen Schuhwerks angefertigt.

Gutes Schuhwerk benötigt, wer im Westmünsterland die Gärten und Parks durchstreift, die meist zu prächtigen Burgen und Schlössern gehören. Etwa in Velen, wo der „Tiergarten“ des Schlosses im letzten Sommer nach 250 Jahre alten Plänen des berühmten Landschaftsarchitekten Conrad von Schlaun umgestaltet wurde. Das märchenhaft gelegene Schloss aus dem 14. Jahrhundert diente bis 1987 als Zollschule. Seither beherbergt ein Sporthotel in den historischen Zimmern bewegungshungrige Gäste.

In der Nähe von Isselburg, wo das Münsterland seine Nase tief in das Gebiet des Niederrheins steckt, steht eine der größten Wasserburgen der Region. Inmitten einer gepflegten Parkanlage - mit symmetrisch angelegten Barockgärten, altem Baumbestand, Rhododendron- und Azaleenrabatten - ruht die aus der Römerzeit stammende Wehranlage (heute Hotel und Museum) auf dicken Pfählen, die einst in den sumpfigen Untergrund gerammt wurden. Die Fürsten zu Salm-Salm, seit Jahrhunderten Besitzer der Feste, hatten die Wasserburg Anholt zu einem Schloss in niederländischem Barockstil ausgebaut.

Führungen durch die wertvolle Bibliothek und die fürstliche Kunstsammlung lassen den Besucher glauben, er befinde sich in einem Museum. Glanzstücke sind das Marmorzimmer mit einer China-Porzellan-Kollektion aus dem 17. / 18. Jahrhundert sowie Gemälde von Jan van Goyen, David Teniers und Murillo. „Diana mit Aktäon und Kallisto“ soll das einzige in deutschen Privatbesitz befindliche Gemälde Rembrandts sein. Das Eichenholz des mächtigen Treppenhauses war in einem früheren Leben ein Nahe-Staudamm im Hunsrück.

In zwei Kilometer Entfernung ließ Fürst Leopold zu Salm-Salm 1893 in Erinnerung an seine Hochzeitsreise eine Landschaft des Vierwaldstätter Sees nachbilden. Mit den Felsen Rigi und Pilatus und dem „Schweizer Haus“, in das sich das Paar verliebt hatte. Damals wurden Gestein und Holz per Schiff und Pferdekarre aus der Schweiz an den Niederrhein verfrachtet. Man gönnte sich ja sonst nichts.

So entstand das angeblich erste Fertighaus auf deutschem Boden. Zum 100. Geburtstag wurde der Englische Garten zum Biotopwildpark erweitert. Und so wandert man auf schattigen Wegen zwischen Volieren und Tiergehegen vorbei am 1999 eingerichteten „Anholter Bärenwald“. Das „Schweizer Haus“ auf einer künstlichen Felseninsel im See - hier betteln fette Karpfen tranig um Futter - ist eine beliebte Gaststätte. Weiter geht es mit dem Rad über die Grenze zum Shoppen und Schauen nach Winterswijk und zurück über Südlohn nach Borken. Das obligatorische Schloss finden wir in Gemen in einer zum Verweilen einladenden westfälischen Parklandschaft: Das Wasserschloss Gemen ist heute eine viel gebuchte Jugendbildungsstätte. Sagenhaft erscheint eine „Radtour ins Borkener Sagenland“ zu den Stätten launiger Geschichten, zu den Elendsweiden, zum „Sarg im Rott“, ins „Paradies“ und in die „Hölle“.

Nach dem Schnupperbesuch im Weseker Apothekergarten (zugleich ein Duft- und Tastgarten für Blinde) entspannt der Gast im Freizeitpark Pröbsting, einem großen Naherholungsgebiet mit Stausee, Bootsverleih, Angelsteg und Sandstrand. Den Geräuschpegel erzeugen hier keine Lachmöwen sondern ausgelassen spielende Kinder.



Den Kölner Stadt-Anzeiger im Abonnement erhalten JETZT BESTELLEN!
4 Wochen Kölner Stadt-Anzeiger zum Vorzugspreis. Sie sparen mehr als 35%.

REISEWETTER


Anzeige


Bildergalerien



RHEINLAND WETTER


Service


Extra


Dienste