Erstellt 24.05.07, 10:38h
Lässig steht der junge Mann am Billardtisch, zieht an seiner Zigarette und plaudert seine moralischen Grundsätze aus: „Ich würde einem Freund niemals Geld wegnehmen. Aber vielleicht die Freundin.“ Der lässige junge Mann ist John Graham Mellor, der sich 1975 den Künstlernamen Joe Strummer zulegte, mit The Clash erst England und dann die USA eroberte und 2002, kurz vor Weihnachten, die Bühne final verlassen musste.
Nach der knapp 700 Seiten dicken Biografie des Journalisten Chris Salewicz („Redemption Song“), die vergangenes Jahr in England erschien, setzt Regisseur Julien Temple der Punkrock-Ikone Joe Strummer mit „The Future is Unwritten“ nun ein filmisches Denkmal. Es ist formal allerdings eher ein kleinteiliges Puzzle als ein Monument aus einem Guss. Temple verschneidet Original-Töne des Musikers - Auszüge aus Interviews und aus seiner BBC-Radioshow „Joe Strummers London Calling“ - mit wackeligen Heimvideos, Konzert- und Backstage-Szenen, von Strummer selbst gezeichneten Cartoons und einer etwas verwirrenden Fülle von Zeitzeugen-Interviews.
Der langjährige Schulfreund Dick Evans kommt dabei ebenso zu Wort wie die erste und die zweite Frau Strummers und die ehemaligen Bandkollegen Mick Jones (Gitarre) und Topper Headon (Schlagzeug), die von Strummer 1982 faktisch aus der Band gedrängt wurden und das in der Rückschau kaum noch übel nehmen. Dazu kommen salbungsvolle Worte prominenter Clash-Fans wie Johnny Depp, Martin Scorsese und Steve Buscemi, mit dem Strummer in seinem Leben nach The Clash in dem wundervollen Film „Mystery Train“ zusammenspielte.
Zwei Drittel des streng chronologischen Films konzentrieren sich auf Strummers Karriere mit The Clash und die in der Londoner Hausbesetzer-Szene verwurzelte Vorläufer-Band The 101's, im ewigen Spannungsfeld von Idealismus und Kommerz. Temple lässt in seiner Montage wenig Zweifel daran, dass The Clash die Frage „Should I stay or I should I go?“ eher zu spät gestellt haben. In einem entlarvenden Gegenschnitt zeigt der Regisseur den gleichen Clash-Song („Career Opportunities“) in zwei Versionen: einmal in einer kraftstrotzenden Garagenfassung, zirka 1977, mit ausflippenden Fans auf der Bühne, auf Augenhöhe mit den Musikern; dann Jahre später in einer aufgeblasenen Inszenierung in einem Fußballstadion. Dazu sagt Joe Strummer aus dem Off: „Wir hatten uns in die Leute verwandelt, zu deren Vernichtung wir ursprünglich angetreten waren.“
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