Von HARALD BISKUP, 22.05.07, 22:27h
1.Wie viele Gebetsräume gibt es für die 3,4 Millionen Muslime in Deutschland?
Den Muslimen in Deutschland (2,4 Millionen von ihnen sind türkischer Herkunft) stehen etwa 2600 Gebetsstätten zur Verfügung. Die meisten Moscheen sind in den 70er und 80er Jahren in Gewerbegebieten und Hinterhöfen errichtet worden, äußerlich oft nicht als islamische Gotteshäuser erkennbar. Seit Anfang der 90er Jahre sind etwa 100 bis 150 „klassische“ Moscheen mit Kuppel und Minarett gebaut worden. Die größte deutsche Moschee entsteht derzeit in Duisburg-Marxloh.
2.Welche Organisationen unterhalten Moscheen?
Die weitaus meisten Moscheen in Deutschland - etwa 900 - wurden mit erheblicher finanzieller Unterstützung der „Ditib“ geplant und gebaut, der „Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion“. Die vom Verfassungsschutz beobachtete „Milli Görüs“ unterhält in Deutschland etwa 320 Moscheen. Vom NRW-Innenministerium wird die Gruppierung als „größte islamistische Organisation“ in Deutschland eingestuft. Sie soll auf ihre Mitglieder massiven Druck ausüben, etwa indem sie für Kinder und Jugendliche Ferienfreizeiten, Korankurse und Hausaufgabenbetreuung anbietet, um sie „von den Fallen der fremden Kultur und dem unmoralischen Lebenswandel fernzuhalten“. Zum Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ) gehören bundesweit etwa 240 Moscheen und Koranschulen .
3.Nimmt die Ditib Einfluss auf die ihr angeschlossenen Moscheen?
Die Ditib ist ein Ableger des Amtes für religiöse Angelegenheiten in Ankara „Diyanet“. Die Türkei sieht in der Ditib eine Art verlängerten Arm, während die hiesigen Ditib-Funktionäre auf ihre angebliche Unabhängigkeit verweisen. Die Verzahnung mit der obersten Religionsbehörde der Türkei ist gleichwohl eng: Der Ditib-Vorsitzende Sadi Arslan gehört der Türkischen Botschaft in Berlin im Range eines Botschaftsrats an. Da die in Deutschland wirkenden Imame wie Beamte von der Türkei aus entsandt und besoldet werden, ist der Einfluss des Staates und seiner Behörden beträchtlich. So gibt Diyanet auch die Richtung der Freitagspredigten vor. Allerdings gilt Diyanet-Präsident Ali Bardakoglu als reformorientiert: Unter seiner Ägide sind die ersten weiblichen Muftis ernannt worden, und er lässt Mohammed-Aussprüche auf frauenfeindliche Passagen untersuchen.
4.In welcher Sprache finden die Predigten beim Freitagsgebet statt?
In den vor allem von Türken besuchten Moscheen wird überwiegend auf Türkisch gepredigt. In den Gebetsräumen der anderen muslimischen Einwanderer-Gemeinden ist das Bild differenzierter. Die etwa 70 000 Libanesen und die Gläubigen aus anderen arabischen Staaten verrichten ihre Gebete auf Arabisch, Muslime aus Bosnien-Herzegowina, aus dem Iran und aus Marokko beten sowohl in ihren Landessprachen als auch auf Arabisch.
5.In der deutschen Diskussion um den Bau von Moscheen spielt auch die Haltung der Türkei zur dortigen christlichen Minderheit eine wichtige Rolle. Ist in der Türkei das Recht auf freie Religionsausübung gewährleistet?
Nur theoretisch. In der Praxis begünstigt die religiös orientierte Regierung von Premier Recep Tayyip Erdogan eindeutig den sunnitischen Islam. Im Umgang mit den nicht- muslimischen Minderheiten verstößt der Staat gegen den in der türkischen Verfassung garantierten Gleichheitsgrundsatz und die religiöse Neutralität.
Die Zahl der Christen in der Türkei wird auf 100 000 bis 150 000 geschätzt. Die größte christliche Bevölkerungsgruppe unter den 72 Millionen Türken bilden die 70 000 Armenier. Verstreut über das ganze Land leben 32 000 Katholiken, die vier verschiedenen Riten angehören. Dazu kommen 20 000 Protestanten und 16 000 orthodoxe Christen. Gerade sie fühlen sich von staatlicher Willkür besonders bedrängt.
6.Was für einen Rechtsstatus haben die christlichen Kirchen?
Keinen offiziellen. „Wir existieren nur als Privatpersonen, nicht als Repräsentanten einer Institution“, sagte Ruggero Francescini, katholischer Erzbischof von Izmir. Religiöses Leben ist auf Gottesdienste beschränkt. Mehrere christliche Kirchen haben den Menschenrechtsausschuss der türkischen Nationalversammlung aufgefordert, den Kirchen „das Recht zuzuerkennen, Immobilien zu erwerben“. Weiter wird verlangt, den Kirchen Gebetsstätten und Gebäude zurückzugeben, „die ihnen aus verschiedenen Gründen entzogen worden sind“.
7.Dürfen in der Türkei Kirchen gebaut werden?
Im Zuge der „EU-Harmonisierung“ und mit Blick auf einen möglichen Beitritt der Türkei zur Europäischen Union hat der Staat das Baurecht ge ändert und den Bau christlicher Kir chen ermöglicht. Allerdings werden Genehmigungen regional unter schiedlich gehandhabt, und die Be hörden haben einen großen Ermes sensspielraum. Der katholische Kir chenhistoriker Rudolf Grulich ver weist zwar darauf, dass es ange sichts der extremen Minderheitensi tuation eher zu viele Kirchen gebe. Anders sei das aber an der Mittel meerküste, wo 20000 deutsche „Residenten“ leben. Für sie müsse der Staat Gebetsräume schaffen.
8.Welchen Einschränkungen unterliegt das religiöse Leben?
Im Prinzip ist es frei. Glocken dürfen geläutet, Kreuze als religiöses Symbol gezeigt werden. Konvertiten müssen allerdings, vor allem auf dem Land, mit sozialer Ächtung rechnen. Die meisten Übertritte vom Islam zum Christentum geschehen heimlich, zumal die Religionszugehörigkeit im Personalausweis vermerkt wird.
9.Welche Änderungen bei der Verwirklichung der Religionsfreiheit müssen der Türkei mit Blick auf einen möglichen EU-Beitritt abverlangt werden?
Die Türkei muss sich an EU-Normen halten. Die christlichen Kirchen sind als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen. „Wir müssen das Recht erhalten, Schulen, Krankenhäuser und Seminare zu betreiben“, fordert Luigi Padovese, Bischof von Iskenderun.
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