Von MARIANNE QUOIRIN, 23.05.07, 21:58h, aktualisiert 23.05.07, 22:19h
Essen - Er gilt als Star unter Deutschlands Chirurgen. Professor Christoph-Erich Broelsch genießt Ansehen im Ausland, im eigenen Land hat er sich mit seiner forschen Art aber auch Feinde gemacht, besonders unter weniger erfolgreichen Kollegen. Seit fünf Jahren hat er wiederholt das Interesse auf sich konzentriert, weil er unorthodoxe Vorschläge machte, wie man mit Geld die Knappheit an Spenderorganen beheben könnte. „Genügt reine Liebe“, so lästerte er auch auf einem internationalen Transplantationskongress in Essen 2002 zum Thema Lebendspende, „um das Leben für das Wohlergehen eines anderen zu riskieren?“
Seit einigen Tagen sorgt Professor Broelsch aber auch für Schlagzeilen. Seit bekannt wurde, dass die Staatsanwaltschaft Essen gegen ihn und einen Oberarzt der Uni-Klinik Essen ermittelt, bieten sich ehemalige Patienten oder deren Angehörige als Zeugen an. Die Vorwürfe der Ermittler wiegen schwer: Verstoß gegen das Transplantationsgesetz und der Verdacht der Vorteilsannahme und Erpressung. Beide Ärzte sollen versucht haben, an der gesetzlichen Warteliste vorbei eine Leber gegen Geld zu übertragen. Auch sollen OP-Termine zu 5000 und 10 000 Euro beschleunigt vergeben worden sein. Die Universität Essen hat inzwischen ein Disziplinar-Verfahren eingeleitet, aber von einer vorläufigen Dienstenthebung abgesehen. Nicht nur das Renommee des Chirurgen steht auf dem Spiel, auch der Ruf der Universitätsklinik könnte Schaden nehmen. Der Konkurrenzkampf unter den 40 deutschen Transplantationszentren ist groß. Und das Missverhältnis zwischen den Menschen, die ein Organ benötigen, und der Organspender wächst.
Wartezimmer im Sheraton?
Die Vorwürfe gegen Broelsch, vorbei an den strikten Regeln des Transplantationsgesetzes eine Art Organhandel für spendenwillige Patienten organisiert zu haben, sollen nach Erkenntnissen der „WAZ“ nicht neu sein, jedenfalls nicht unter den Mitarbeitern der Uni-Klinik. Vermögende Privatpatienten aus der ganzen Republik sollen sich gar im Hotel „Sheraton“ einquartiert haben, um rechtzeitig zur Stelle zu sein, wenn ein passendes Organ zu erwarten sei. Die „WAZ“ zitiert die Vorsitzende des Personalrats, die erklärt, warum es bei Gerüchten blieb, aber nie zu Anzeigen kam: „Dass sich niemand traute, etwas zu sagen, ist plausibel. Broelsch war der Leibarzt von Johannes Rau, er hat Beziehungen zur Landesregierung. So naiv ist hier keiner, dass er nicht eins und eins zusammenzählen kann.“
Neben dem früheren Bundespräsidenten Johannes Rau gibt es noch andere Prominente, die von Professor Christoph-Erich Broelsch behandelt worden sind. Anders als die Patienten, die im Internet für ihn Partei ergreifen, möchten sie aber nicht öffentlich zu dem „Mann mit den goldenen Händen“ stehen. Eine von ihnen, vor einem Jahr von ihm operiert, sagt: „Ich will nicht, dass Fremde mit mir Mitleid haben. Ich habe eine neue Leber, ein neues Leben - und bin so froh darüber. Ich werde ihm schreiben, dass ich die Vorwürfe für absurd halte.“
Zuspruch kann Broelsch gut gebrauchen. Fast täglich werden neue Vorwürfe gegen ihn erhoben, die Zahl der Patienten und ihrer Angehörigen, die sich als potenzielle Zeugen bei der Staatsanwaltschaft gemeldet haben, hat sich nach Auskunft von Staatsanwältin Angelika Matthiesen binnen zwei Tage verdreifacht. Auch bei „Bioskop“, einem Forum zur Beobachtung der Biowissenschaften in Essen, riefen Angehörige an.
Es ist nicht das erste Mal, dass Skandale am Image der Transplantationsmediziner kratzen. So leitete die Universität München 2003 gegen einen Professor ein Verfahren ein, weil er unangemeldet und ohne Genehmigung mit fünf Ärzten und drei Schwestern 16 Tage lang in den Vereinigten Arabischen Emiraten verbrachte, um einem Mitglied des Herrscherhauses eine Niere zu übertragen. Die selben Ärzte hatten ebenfalls gegen den Willen der Prüfkommission einer Alkoholikerin einen Teil der Leber ihrer Tochter transplantiert. Die Krankenschwester war dazu von den Medizinern unter Druck gesetzt worden.
Professor Broelsch hatte bereits 2003 Kontakt mit der Staatsanwaltschaft weil er gegen die Bedenken der Ethikkommission seiner Universität einem Patienten aus Israel die Niere seines Vetters aus Moldawien einpflanzte. Um das negative Votum zu umgehen, war er zu einem befreundeten Kollegen nach Jena gereist und hatte in dessen Klinik operiert. Gegen den gastfreundlichen Mediziner - nicht gegen Broelsch - ermittelte später die Staatsanwaltschaft, weil er wochenlang sein Team bei Eurotransplant als „nicht transplantationsbereit“ abgemeldet hatte, ohne die Patienten auf der Warteliste zu informieren.
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