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Und was schauen Sie so?

Von CHRISTIAN BOS, 30.05.07, 09:14h

Fast vier Stunden pro Tag sitzt jeder Bundesbürger vor der Flimmerkiste. Macht das dumm oder krank? Experten erklären, wie sich der Fernsehkosum auf unser Leben auswirkt.

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Im Durchschnitt sieht jeder Bundesbürger vier Stunden pro Tag fern.
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Im Durchschnitt sieht jeder Bundesbürger vier Stunden pro Tag fern.
Jeder tut es. Nur wenige reden darüber. Experten und Magazine warnen davor, es im Übermaß zu praktizieren. Obwohl wir messbar immer mehr Zeit damit zubringen. Wir - und unsere Kinder. Für die soll es besonders schädlich sein. Ach was, für uns alle. Das Fernsehen. Der Untergang des Abendlandes, schon seit 60 Jahren. Sie sehen fern? Sie lassen Ihre Kinder fernsehen? Schämen Sie sich!

Würde zumindest der Hirnforscher Manfred Spitzer sagen. Für „Herzinfarkt, Gehirninfarkt, Lungenkrebs und Diabetes-Spätfolgen“ könne man das Fernsehen verantwortlich machen, glaubt der Psychiater. Und fügt mahnend an: „Hinzu kommen jährlich einige hundert zusätzliche Morde, einige tausend zusätzliche Vergewaltigungen und einige zehntausend zusätzliche Gewaltdelikte gegen Personen.“

Na gut. Spitzer ist der Hardliner, wenn es in Deutschland um Medienkritik geht. Aber ein schlechtes Gewissen haben wir doch alle, wenn wir den Abend zappend vor der Kiste verbracht haben. Statt ein gutes Buch zu lesen, Mama anzurufen oder die Steuer zu machen. Ist das Fernsehen dumm oder macht es das nur? Oder täuscht sich unser schlechtes Gewissen? Kann man sinnvoll fernsehen? Durchschnittlich 227 Minuten sitzt jeder Bundesbürger ab 14 Jahren täglich vor dem Bildschirm. Fast vier Stunden. Menschen jenseits der 60 bringen es sogar auf fast fünf Stunden. Kann das noch gesund sein? „Entscheidend ist die Qualität, nicht die Quantität“, meint Professor Norbert Groeben, Leiter des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie und Kulturpsychologie an der Kölner Uni. „Wenn Erwachsene das Gesehene aktiv verarbeiten und sich nicht nur passiv berieseln lassen, gibt es keine Grenze, ab der man sagen könnte, dass Fernsehen schädlich ist.“ Anders verhalte es sich bei Kindern bis zum Ende des Grundschulalters, so der Stand der Forschung. „Bis zu zehn Stunden Fernsehen in der Woche können sogar anregend sein. Erst danach wird es schädlich.“

Der Medienwissenschaftler Markus Stauff vom Kölner Forschungskolleg Medien und kulturelle Kommunikation denkt, dass man die Mehrzeit vor dem Fernseher auch als Hinweis darauf lesen sollte, dass heute anders geschaut wird. „Fernsehen ist heute auch ein Nebenbei-Medium, dass mit anderen Tätigkeiten wie Bügeln, im Internet surfen oder Ähnlichem eng verwoben ist. Man schaut aus dem Augenwinkel und bekommt trotzdem das Interessanteste mit.“

Michael Meyen, Professor am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, lehnt kulturpessimistische Bedenken rundheraus ab: „Früher haben die Leute eben vier Stunden lang aus dem Fenster geschaut. Da ist Fernsehen doch besser. Und dass die Menschen heute länger gucken als noch vor 20 Jahren, hängt auch damit zusammen, dass die Unterhaltungswelt professioneller geworden ist und das Fernsehen jetzt viel stärker auf die Zuschauerbedürfnisse eingeht als noch zu öffentlich-rechtlichen Zeiten.“ Wenn die Menschen so lange vor dem Fernseher sitzen, so Meyen, müsse das schon einen Nutzen für sie haben. „Ich vertraue den Zuschauern.“

Aber vertrauen wir TV-Glotzer uns selbst? Fühlen wir uns nicht oft seltsam leer, wenn wir mal wieder ein paar Stunden im Widerschein des TV-Geräts totgeschlagen haben? Michael Meyen sieht die Schuld nicht bei uns und auch nicht beim laufenden Programm. Sondern bei der gesellschaftlichen Norm. „Wir glauben, 16 Stunden lang aktiv sein zu müssen. Aber das schafft niemand.“ Aber müssen wir zum Abschalten wirklich einschalten? Wäre es nicht sinnvoller, einfach ein Nickerchen zu machen?

Meyen widerspricht. Das Fernsehen sei nicht nur optimal für das Bedürfnis nach Entspannung, man könne auch noch jede Menge nebenbei machen. „Man kann sich zum Beispiel mit anderen Menschen vergleichen. Mit echten Menschen, wie man sie vor allem in Sendungen des Privatfernsehens zu Gesicht bekommt. Auch Kinder finden im Fernsehen das Material für die Arbeit an der eigenen Identität.“ Schließlich, so der Forscher, müssten wir heute - wo viele gesellschaftliche Vorgaben weggefallen sind - viel stärker an den eigenen Lebensentwürfen arbeiten. „Deswegen suchen wir im Fernsehen nach Rollenmodellen, mit denen wir unser eigenes Handeln legitimieren können.

Zappend sehen wir, was die anderen machen, wie sie kochen, streiten, Häuser bauen, auswandern, heiraten, Kinder kriegen oder Gebrauchtwagen kaufen. „Das Fernsehen“, fasst Meyen zusammen, „ist wie ein großes Klassentreffen.“ „Das Entscheidende des Fernsehens ist das Dabeisein - und das live“, schätzt Markus Stauff. „Im Internet muss man selbst auf etwas zugreifen. Das Fernsehen gibt uns das Gefühl, an den Fluss der Aktualität angeschlossen zu sein. Es schafft Zeitrhythmen für uns.“ Diese Aktualität sollte man freilich noch um andere Quellen ergänzen. Am sinnvollsten, sagt Medienpsychologe Norbert Groeben, lasse sich das Fernsehen gemeinsam mit anderen Medien nutzen. Vor allem, wenn man seinen Fernsehkonsum mit „stabilen Interessen“ verbinde. „Wenn Sie zum Beispiel an Politik interessiert sind, werden Sie die aktuellen und anschaulichen Informationen aus dem Fernsehen mit Hintergrundinformationen aus Zeitungen, Magazinen, Büchern oder dem Internet ergänzen.“

„Interessegeleiteter Medienverbund“ nennt der Fachmann das. Und vor allem für viele Jugendlichen ist es längst selbstverständlich, Zeitungsberichte, Internetforen oder Fachmagazine zur favorisierten Show zu nutzen. Und weil Fernsehen dann - für Erwachsene wie für Kinder - am sinnvollsten sei, wenn eine „anständige Verarbeitungstiefe“ erreicht werde, empfiehlt Groeber, die TV-Sitzung vorauszuplanen. „Vorausplanung und Anschlusskommunikation rahmen die aktive Verarbeitung ein.“

Das sieht Michael Meyen ganz anders. „Leute, die ihre Fernsehabende vorausplanen, sind doch meistens pensionierte Lehrer, die auch den Umgang mit Freizeitprodukten noch als Arbeit begreifen“, stichelt der Medienwissenschaftler. „Menschen, die arbeiten, haben für so was keine Zeit - für die kann Zappen genau das Richtige sein.“

Markus Stauff sieht gar keinen so großen Unterschied zwischen zappen oder dranbleiben. „Die meisten Sendungen haben doch schon ihre Struktur vom Umschalten übernommen, sind »pre-zapped«.“ Was fürs oft gescholtene Zappen spricht: man pickt sich die interessantesten Dinge aus den parallelen Bilderströmen heraus. „Und am nächsten Tag stellen Sie beim Gespräch mit Ihren Kollegen fest: alle haben die interessantesten, emotionsgeladenen TV-Momente mitbekommen.“

Das größte Missverständnis übers Fernsehen sei jedoch, es als ein einziges Medium zu begreifen, sagt Stauff. Ob man konzentriert ganze Serien-Staffeln auf DVD guckt, den Fernseher nebenbei laufen lässt, beim Zappen entspannt, sich die Geschichtsdokumentation in der Programmzeitschrift vormerkt oder das TV-Gerät zum Heimkino aufrüstet: Fernsehen ist viele Medien. Und für keines braucht man sich zu schämen. Wir tun es schließlich alle.



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