Von KARDINAL JOACHIM MEISNER, 04.06.07, 20:33h, aktualisiert 05.06.07, 13:20h
Auf dem Kirchentag mit seinem Motto „Lebendig, kräftig und schärfer“ stehen die Teilnehmer des Kirchentags unter einem hohen Anspruch. Das Programmbuch mit seinen 600 Seiten erweckt zunächst den Eindruck eines „Leipziger Allerleis“. Es ist dringend zu wünschen, dass in dieser Fülle von Themen und Veranstaltungen das Leitwort des Kirchentages zum Tragen kommt und dass darauf eine „Kölner Eindeutigkeit“ entsteht.
Der französische Literat Leon Bloy kennt die Versuchlichkeit moderner Christen, indem er schreibt: „Um nicht in den Verdacht des Fanatismus zu geraten, haben sich die modernen Prediger etwas ausgedacht, was sie mit Bescheidenheit das Wort Gottes nennen. Es besteht darin, stundenlang zu salbadern und sich mit vollendeter Geschicklichkeit um das Ja und Nein herumzudrücken.“
Alle Kirchentagsteilnehmer sollten von Köln aus wieder lebendiger, kräftiger und in ihrem Gewissen geschärfter nach Hause fahren. Das ist zugleich auch ein Dienst an unserem ökumenischen Zeugnis, das wir unserer Gesellschaft schuldig sind. Die Ökumene lebt vom Respekt, von der Glaubensüberzeugung des anderen. Dieser Glaubensrespekt ist ein hohes Gut und zugleich die Voraussetzung für künftige größere Gemeinsamkeiten. Bei allen Bemühungen um die Einheit des Glaubens dürfen wir nicht vergessen, dass sie letztlich ein Geschenk der Gnade Gottes ist. Darum ist der stärkste Impuls ökumenischen Bestrebens das Gebet um die Einheit des Glaubens. Im Gebet gehe ich aus mir und meinen Ideen und Plänen heraus und gehe hinein in die Ideen und Pläne Gottes. Das Gebet gibt uns Orientierung. Es bewahrt uns vor der Manipulation durch andere und vor der Fremdbestimmung.
Wir werden als katholische Christen den Evangelischen Kirchentag in unserer Bischofsstadt Köln mit diesem Gebet begleiten. Wir sehen in ihm unseren teuersten Beitrag zum Gelingen des Evangelischen Kirchentages. In Babylon verwirrte sich die Sprache der Menschen, so dass sie einander nicht mehr verstanden. Pfingsten ist gleichsam das Anti-Babylon. Dort verstanden die verschiedensten Völkerschaften die Predigt der Apostel in ihrer Muttersprache. Man müsste die apostolische Sprache sprechen können, dann würde man von allen verstanden. In unseren europäischen Sprachen findet man überall die gleiche Reihenfolge der Personalpronomen: ich, du, er. - Zuerst kommt immer das eigene Ich, dann folgt erst an zweiter Stelle das Du der Schwester oder des Bruders neben mir und an dritter Stelle - wenn überhaupt - dann Er, der lebendige Gott. Wer so spricht, denkt und handelt, schafft kein Verstehen, sondern nur Verwirrung. Die pfingstliche Reihenfolge ist genau umgekehrt. Sie heißt: Er, du, ich. - Erst kommt der lebendige Gott. Ihm gebührt die absolute Priorität in unserem Leben. Dann, an zweiter Stelle, kommt die Schwester oder der Bruder neben mir. Und an dritter und letzter Stelle dann das liebe, eigene Ich. Nebenbei gesagt: Es kommt dabei nicht zu kurz. Wer so redet, denkt und handelt, der schafft Verstehen in der Welt, auch unter den Christen.
In dieser Hinsicht möge der Evangelische Kirchentag in Köln zu einem pfingstlichen Geschehen werden!
Kardinal Joachim Meisner
Erzbischof von Köln
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