Von HELMUT FRANGENBERG, 01.06.07, 20:38h, aktualisiert 01.06.07, 22:16h
Die 44-Jährige ist vor Gericht gegangen, um den Konflikt mit dem Schulamt richterlich auszutragen. Dort fürchtet man offenbar einen Präzedenzfall, der weit reichende Folgen haben könnte. Könnten Eltern behinderter Kinder die Integration in eine „normale“ Schule einfordern und die staatliche Vorsortierung ablehnen, könnte das ganze System ins Wanken geraten.
Genau das ist das Ziel einer Elterngruppe, zu der Thoms gehört. Die Eltern wollen sich mit den Gegebenheiten nicht mehr abfinden. „Eine Schule für alle“, lautet die Forderung, für die sie streiten. „Wir leben in einem Apartheid-System“, sagt die 33-jährige Tina Sander. Sie sucht zurzeit dringend nach einem Platz an einer Grundschule für ihre Tochter Paula. Noch geht die Kleine in einen integrativen Kindergarten von Köln-Kita in Neuehrenfeld. Im nächsten Jahr könnte es mit der Integration schon wieder vorbei sein. „Wir müssen um eine Selbstverständlichkeit kämpfen“, sagt die Mutter.
21 Grundschulen in Köln bieten zurzeit für 454 behinderte Kinder integrative Plätze. Nach der Grundschule wird es noch schwieriger einen Platz zu bekommen. In den Gesamtschulen Holweide und Rodenkirchen werden zurzeit 218 Behinderte integriert. Hinzu kommen einige wenige, meist leichter eingeschränkte Körperbehinderte, die auf andere Schulen gehen. Dieser kleinen Platzzahl stehen 5148 Kinder in Förderschulen gegenüber. „Die Sonderschule ist der Normalfall“, sagt Thoms. „Gemeinsamer Unterricht ist politisch nicht gewollt. Eltern werden gezielt von der Integration wegberaten - zum Teil mit übler Nachrede über die Arbeit der integrativen Grundschulen.“
Das deutsche Förderschulsystem ist von den Vereinten Nationen als diskriminierend bezeichnet worden. Befürworter des Systems glauben, dass Behinderte besser und individueller in den speziellen Schulformen gefördert werden könnten und im normalen Schulbetrieb untergingen. Die Kölner Elterninitiative für den gemeinsamen Unterricht bezweifelt das und sieht eher politische Lobbys am Werk. „Wenn die öffentlichen Schulen wirklich zu schlecht für die Integration sein sollten, müssen wir eben dafür kämpfen, dass sie besser werden“, sagt Thoms.
Am Geld liege es nicht: So baut der Landschaftsverband zurzeit eine neue Förderschule für 120 Körperbehinderte und gibt dafür 17 Millionen Euro aus. 60 Lehrer und Therapeuten sollen an der Schule arbeiten. „Mit diesem Aufwand könnte man für alle 120 Kinder die Voraussetzungen für integrativen Unterricht an normalen Grundschulen schaffen“, sagt Thoms. Das Problem: Die Förderschulen werden aus Landesmitteln finanziert, für den Umbau und zusätzliches sozialpädagogisches Personal in Regelschulen ist die Stadt zuständig. Ohne eine finanzielle Umverteilung kann sie den Willen vieler Eltern nicht umsetzen.
Im Streit um die Schließung zweier integrativer Horte hat die Stadt zuletzt kräftig nachgebessert, um die Betreuung an zwei Offenen Ganztagsschulen für Behinderte zu verbessern. Auch hier haben Eltern gegen die Aussortierung gestritten und hatten zumindest für ihre Kinder Erfolg. Die Initiative „Eine Schule für alle“ will für Familien mit behinderten Kindern zumindest die Wahlfreiheit durchsetzen.
„Davon würden auch alle nicht-behinderten Kinder profitieren“, glaubt Angelika Knobloch, die die Initiative unterstützt. „Wenn Behinderte in der Klasse sind, ändert sich das Klima in der Schule“, sagt Knobloch. „Soziales Lernen und Teamgeist werden wichtig.“ Ihr Sohn Jan-Christopher sorgt sich aber, bald ohne seine gehbehinderte Freundin Luzie auf die höhere Schule gehen zu müssen. Luzies Eltern suchen nach einem Gymnasium, das ihre Tochter aufnehmen kann.
Es sei gut, wenn die Kinder gemeinsam groß werden, bestätigt Tina Sander, deren Tochter das Down-Syndrom hat. „Das größte Hemmnis für die Integration im Erwachsenenalter ist die Unkenntnis der Nicht-Behinderten. Gemeinsames Lernen in der Schule würde dem entgegenwirken.“ Dass Kinder mit Down-Syndrom oder anderen Behinderungen auf einer Regelschule nicht genug lernen, lassen Sander und Thoms nicht gelten. „In anderen Ländern machen nicht wenige Kinder mit Down-Syndrom sogar ordentliche Schulabschlüsse. In Deutschland wird schon für Sechsjährige entschieden, dass sie mal in einer Behindertenwerkstatt landen.“
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