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Im Polarmeer droht ein neues Tschernobyl

Von HANNES GAMILLSCHEG, 01.06.07, 21:45h, aktualisiert 01.06.07, 23:53h

Ein provisorisches Lager für Atommüll auf der Kola-Halbinsel ist offenbar in einem derart schlechten Zustand, dass es „jederzeit in die Luft gehen“ könne. Die Folgen könnten für Europa verheerender sein als die Tschernobyl-Katastrophe.

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Kopenhagen - Ein provisorisches Lager für Atommüll auf der Kola-Halbinsel sei in einem derart schlechten Zustand, dass es „jederzeit in die Luft gehen“ könne, warnt ein bisher nicht veröffentlichter Rapport der russischen Atombehörde Rosatom, der der norwegischen Umweltorganisation Bellona in die Hände gespielt wurde. Dies könne in Nordeuropa eine atomare Katastrophe auslösen, die die Folgen von Tschernobyl noch übertreffe.

In einer alten Marineanlage in der Andrejewa-Bucht sind in drei enormen Betonbehältern, die eigentlich für die Verwahrung von schwach radioaktivem Abfall gedacht waren, je 21 000 ausgebrannte Brennstäbe von Reaktoren sowjetischer Atom-U-Boote gelagert. Die Atommüllhalde galt Anfang der 80er Jahre als Übergangslösung für höchstens fünf Jahre, ist jedoch immer noch in Verwendung. Als bekannt wurde, dass die Container undicht sind, finanzierte Norwegen ein neues Dach für die nur 45 km von der Grenze entfernte Anlage. Bisher gingen die Experten davon aus, dass die Metallrohre, in denen die Brennstäbe lagern, trocken sind.

Doch dies sind sie nicht, stellte nun Rosatom fest. Salzwasser drang in die Behälter ein und ließ die Rohre rosten. Nun verwittern auch die Brennstäbe, worauf kleine Uranpartikel in den Metallröhren zu Boden fallen. „Wenn die Menge dieser Partikel fünf bis zehn Prozent der Wassermenge beträgt, besteht Explosionsgefahr“, zitiert der russische Bellona-Experte Igor Kudrik gegenüber der Zeitung „Aftenposten“ aus dem Papier.

Die Lunte brennt

„Wir kennen das Pulverfass und wissen, dass die Lunte brennt, aber wir wissen nicht, wie lang sie ist“, sagt der Bellona-Mitarbeiter Alexander Nikitin, der Ende der 90er Jahre von russischen Behörden wegen Geheimverrats strafrechtlich verfolgt wurde. Er hatte damals schon die für ihre Seriosität bekannte Umweltorganisation mit Material über den katastrophalen Umgang mit radioaktivem Material versorgt. „Im besten Fall kommt es zu einer begrenzten Explosion, die zu radioaktiver Verseuchung in einem Umkreis von fünf Kilometern führt. Im schlimmsten Fall fliegt die ganze Tankanlage in die Luft, mit ungeahnten Folgen.“ „Davon wären zumindest große Teile Nordeuropas betroffen, in diesen Containern befinden sich enorme Mengen Radioaktivität“, ergänzt der Atomphysiker Nils Bøhmer, Leiter von Bellonas Russland-Abteilung.

Bisher galten die auf Kola abgewrackten Atom-U-Boote, das Atomkraftwerk bei Murmansk und das mit ausgebrannten Kernbrennstäben voll gepfropfte Versorgungsschiff Lepse, das im Hafen bei Murmansk liegt, als größte Umweltbedrohungen aus dem Sowjet-Nachlass. Nun hat das norwegische Strahlenschutzamt auch die Andrejewa-Bucht als „Problemzone“ benannt. Die Brennstäbe müssten in ein Endlager überführt werden, doch auch der Transport sei riskant.

Norwegen hat bereits mit 12,5 Millionen Euro zu den Sicherungsarbeiten in Kola beigetragen, möchte diese Hilfe nun jedoch unter Hinweis auf den wachsenden Reichtum Russlands einstellen. Davor warnt Bellona. Eine Sanierung in der Andrejewa-Bucht würde eine Milliarde Euro kosten, sagt Bøhmer. Wenn sich Norwegen als nächster Nachbar zurückziehe, wäre dies ein falsches Signal für andere Länder.

 www.bellona.no



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