Von GABRIELE LESSER, 05.06.07, 20:54h, aktualisiert 06.06.07, 08:32h
1988 wurde der Bahnarbeiter bei Gleisarbeiten von einem Zug gerammt und fiel ins Koma. Die Ärzte gaben ihn nach kurzer Zeit auf. Höchstens zwei oder drei Jahre werde er noch leben, hieß es. „Ich habe das nicht geglaubt, ihn nach Hause geholt und ihn hier gepflegt“, erzählt seine Frau Gertruda (63). „Ich war fest überzeugt, dass er wieder aufwachen würde.“ Die Zeiten damals waren schwer. Vor den Läden standen die Kunden Schlange, zu kaufen gab es oft nur Essig und Fischkonserven, es regierte General Wojciech Jaruzelski. Die Schneiderin stand mit vier kleinen Kindern und einem gelähmten, bewusstlosen Mann da. Sie musste die Pflege lernen. Füttern, Windeln wechseln und tägliche Gymnastik sollten ihren Mann einigermaßen fit halten, Gespräche, Fernsehen und Anteilnahme am täglichen Leben sein Wiederaufwachen ermöglichen. Die Frage, ob man Koma-Patienten „abschalten“ soll, stellt sich bei Jan Grzebski nicht, da er nie an Apparate angeschlossen war.
Erinnerung an viele Ereignisse„Ich habe nicht geschlafen“, meint Jan Grzebski heute. „Es drang alles zu mir durch. Nur konnte ich mich nicht bemerkbar machen.“ Er entsinne sich an viele Ereignisse, so an den Tag, als ihm seine erste Enkelin auf den Schoß gesetzt wurde. Vor sechs Jahren habe er das Rauchen aufgegeben. „Vor dem Unfall habe ich bis zu 40 Zigaretten am Tag geraucht, auch später hatte ich Lust auf meine Glimmstängel.“ Seine Frau spürte, wenn es ihn nach einer Zigarette verlangte. „Ich habe dann eine geholt, sie angesteckt und ihm in den Mund gesteckt.“
Ärzte in Polen sprechen von einem medizinischen Wunder. Der Chef der Neurochirurgischen Klinik in Warschau, Professor Miroslaw Zabek, betont allerdings: „Jan Grzebski lag in keinem echten Koma.“ Es sei vielmehr eine Art Lähmung gewesen, die ihn an jeglicher Kommunikation hinderte. Denn Menschen, die in einem echten Koma lägen, seien bewusstlos. Ihr Gehirn nehme keine Reize von außen auf und reagiere auch nicht. Ungewöhnlich im Fall Grzebskis sei aber, dass er sich nur wenige Wochen nach dem Wiederaufwachen bewegen und sogar sitzen könne. „Das verdankt er alleine seiner Frau und ihrer ganz außergewöhnlich guten Pflege“, so Zabek. Mehr als ungewöhnlich sei, dass Grzebski die Sprache nicht vergessen habe und mit jedem Tag besser rede. „Das ist ein wirklich großes Geheimnis.“
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