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Der Haifisch muss noch beißen lernen

Von JOACHIM FRANK, 10.06.07, 20:45h

Für den deutschen Protestantismus sollte der Kirchentag in Köln unter dem zum Hai verfremdeten urchristlichen Symbol des Fisches und dem Motto „lebendig und kräftig und schärfer“ die Bewährungsprobe eines neuen Selbstverständnisses sein. In den fünf Tagen mit ihren 3000 Veranstaltungen ist das nur zum Teil gelungen.

Der Haifisch schwimmt. Aber das richtige Zubeißen muss er noch lernen. Für den deutschen Protestantismus sollte der Kirchentag in Köln unter dem zum Hai verfremdeten urchristlichen Symbol des Fisches und dem Motto „lebendig und kräftig und schärfer“ die Bewährungsprobe eines neuen Selbstverständnisses sein. In den fünf Tagen mit ihren 3000 Veranstaltungen ist das nur zum Teil gelungen. Für die Zukunft der evangelischen Kirche in Deutschland ist das aber gar nicht schlimm - im Gegenteil.

Mit klarem Profil und deutlichen Positionen will die evangelische Kirche dem mitunter berechtigten Eindruck entgegentreten, sie sei in gesellschaftlichen, politischen und nicht zuletzt in theologischen Streitfragen allzu stromlinienförmig oder konturlos. Konturloser jedenfalls als die katholische Kirche, bei der man sich im Zweifel immer an den Papst halten kann, um zu wissen, wo die Glocken hängen. Deshalb war die vom EKD-Ratsvorsitzenden Wolfgang Huber ausgerufene „Ökumene der Profile“ nicht von ungefähr der erste Testfall für den Versuch, sich als evangelische Kirche kantiger und widerständiger aufzuführen.

Protestantische Pluralität

Das ist aber schon deshalb ein schwieriges Unterfangen, weil viele Protestanten in der Pluralität geradezu das identitätsstiftende Prinzip ihrer Kirche sehen. Im Lob des „Leipziger Allerleis“, von Kardinal Joachim Meisner als Kritik an der Programmvielfalt des Kirchentags gedacht, ist dies auch in Köln erneut deutlich geworden. Wenn aber das protestantische Erfolgsrezept nach innen die größtmögliche Zahl der Zutaten ist, dann bleibt für die evangelische Profilierung nach außen am Ende nur noch die Umkehrung von Jürgen Beckers satirischem Protestanten-Song übrig: „Ich bin so froh, dass ich nicht katholisch bin.“ Das ist entschieden zu wenig, zumal protestantische Profilneurosen die Selbstmarginalisierung des Christentums insgesamt in einer zunehmend säkularen Gesellschaft nur beschleunigen.

Darum war es gut, dass speziell der rheinische Präses Nikolaus Schneider in Köln das Konfessionsverbindende in den Vordergrund gestellt hat. Sein Bemühen um einen geschwisterlichen Umgang mit Kardinal Meisner, der seinerseits einen für viele unerwarteten ökumenischen Eifer an den Tag legte, könnte nach der viel beschworenen „Eiszeit“ zwischen den Konfessionen Anstoß für einen Klimawandel sein.

Politisch wollte der Kirchentag der basisdemokratische Kontrapunkt zum G-8-Gipfel sein. Tatsächlich waren die Teilnehmer in großer Zahl zur Stelle, wenn über Globalisierung, Klimawandel oder Entwicklungshilfe diskutiert wurde. Das war in den vergangenen Jahren nicht immer der Fall. Allerdings geriet der als zentrales Symbol des sozialpolitischen Engagements geplante „Ruf nach Heiligendamm“ zur Peinlichkeit. Mit dümmlichen Parolen („Wir pfeifen auf die Globalisierung“) und infantilen Gesten („Wir blasen den G 8 den Marsch“) war der „Ruf nach Heiligendamm“ so weit entfernt vom Kirchentagsmotto wie sonst kaum eine Veranstaltung: läppisch und krampfig und schaler.

Auch das Plädoyer im Schlussgottesdienst, der Feindesliebe wegen sogar mit Terroristen zu verhandeln, unterlief den Anspruch einer ernst zu nehmenden protestantischen „Zeitansage“. Dagegen gab Bischof Huber mit seinem in der Tat „geschärften“ Ruf nach Anerkennung der Menschenrechte im Islam dem interreligiösen, interkulturellen Dialog einen Impuls, den es jetzt entschieden aufzunehmen gilt. Die Kirchen sollten sich aber nicht nur an die Muslime in Deutschland halten, sondern ihre Forderungen auch denen vorlegen, die im Islam wirklich das Sagen haben.

Im energiereichen Kraftfeld des Kölner Kirchentags steht Huber an einem von drei Eckpunkten. Mit seiner intellektuellen und rhetorischen Brillanz verkörpert er fast schon ideal den politischen Protestantismus. Die beiden anderen Markierungszeichen sind Margot Käßmann und - die Wise Guys. Die hannoversche Landesbischöfin scheint für die Menschen nach biografischen Einschlägen wie Krebskrankheit und Scheidung als Glaubenszeugin noch an Authentizität und Überzeugungskraft gewonnen zu haben; spätestens nach dem Kölner Kirchentag ist sie die heißeste Kandidatin für die Nachfolge Hubers im EKD-Ratsvorsitz.

Kirchentag als Event

Und die Kölner A-cappella-Gruppe? Sie steht für die Dimension des Events, der ausgelassenen Feier auf Kirchentagen. Sie muss nicht immer ausgesprochen fromm sein, macht das Christentum aber doch „lebendig und kräftig und schärfer“. Dass dies 2007 so gut gelungen ist - das braucht in Köln niemanden zu wundern.

joachim.frank@ksta.de



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