Von MICHAEL THALKEN, 13.06.07, 07:16h
Kall - Weit über 200 Konzertbesucher strömten am Samstagabend in den neuen Kulturraum Brucker. Die sechs Musiker, die Hausherrin Petra Brucker diesmal eingeladen hatte, verfügten neben ihrer Professionalität über ein weiteres gemeinsames Merkmal: Alle wohnen sie nämlich in der kleinen Eifel-Kommune.
Zunächst betrat das Pia Fridhill Trio die Bühne, das den neuen Veranstaltungsraum im Winter bereits eingeweiht hatte. Mit einer Mischung aus Charme, Witz und vor allem virtuoser Spielfreude gelang es dem Trio rasch, die Zuhörer für sich einzunehmen.
Eigenständige Signatur
Hauptkennzeichen der Formation ist eine sehr eigenständige Signatur, mit der sich die drei Musiker zwischen Soul, Pop und Jazz bewegen. Dabei stand vor allem Sängerin Pia Fridhill im Vordergrund, die den Zuhörern musikalisch ihre Seele öffnete und eine knisternde Atmosphäre schuf, die berührend, sinnlich und wohltuend zugleich war. Inbrünstig wie eine Soul-Göttin, technisch versiert wie eine Jazz-Dame und gleichzeitig den traditionellen Lieder-Kanon ihrer schwedischen Heimat nicht verleugnend, eroberte die Vokalistin die Herzen der Zuhörer im Sturm.
Mit seinem trockenen Humor sorgte Gitarrist Jens Hoffmann im Dialog mit seiner Frau - beide leben seit einigen Jahren in Kall - für zahlreiche Lacher. Sein rhythmisch akzentuiertes Spiel gab der Musik darüber hinaus den richtigen Drive und brachte die Zuhörer immer wieder zum Mitklatschen. Hoffmann ist bereits seit über 20 Jahren als Songwriter aktiv und wurde vorwiegend von Musikern wie Paul Weller und John Martyn geprägt.
Als besonders ausgefeilt erwies sich die nicht nur hörens- sondern auch sehenswerte Klopf-, Zupf- und Schlagtechnik des Bassisten und Ur-Kallers Wilhelm Geschwind. Der Mann sparte ganz nebenbei den Perkussionisten ein. Eine Stompbox unterm rechten Fuß tat ihr übriges. Ob am Piccolo-Double-Bass oder am E-Bass: Geschwind zeigte sich als eine Art moderner Architekt, der souverän mit der Statik spielte, ohne das komplexe musikalische Gefüge der Arrangements der Einsturzgefahr auszusetzen.
Als Kaller Neubürger stieß der Mundharmonikaspieler Berthold Matschat zum Trio hinzu. Matschat hat aus dem Traditionsinstrument der Pfadfinder- und Country-Szene eine „Mundorgel“ im besten Sinne des Wortes gemacht. Seine revolutionäre Spielweise inthronisiert das Aschenputtel gewissermaßen zu einer neuen Königin unter den Jazz-Instrumenten. Leidenschaftlich und hoch konzentriert entlockte er seinem chromatisch gestimmten Instrument eine nicht für möglich gehaltene Melodiösität und atemberaubende Ausdruckfülle.
Der zweite Teil des Abends wurde von Susanne Schneider und René Kroemer gestaltet, ebenfalls zwei hochkarätige Kaller Musiker. Die Hochschuldozentin für Jazzgesang interpretierte Jazz-Standards, neu arrangierte Lieder der 20er und 30er Jahre und umgearbeitete Opernliteratur. Sie überzeugte vor allem durch eine gestochen scharfe gesangliche Präzision, ohne dabei ins rein Prätentiöse abzugleiten. Ihre Stimme hat sie zu einem vielfältigen Klangkörper entwickelt. Mit einer an Al Jarreau erinnernden Leichtigkeit brummte, zischte, maunzte, trillerte und trompetete sie sich melodiös in manches Stück hinein.
Kongeniale Begleitung erfuhr sie dabei von ihrem Ehemann, dem Pianisten René Kroemer. Nach nur wenigen Takten war klar, hier spielt einer nicht nur Jazz, sondern hier ist der Jazz jemandem zum Ausdrucksmittel seiner inneren Befindlichkeit geworden. Mit schlafwandlerischer Sicherheit - manchmal vor sich hin fiepend wie Keith Jarrett - arbeitete sich Kroemer schweißnass durch die Stücke und fand seine Erfüllung in lateinamerikanischen Rhythmen, die ihm so leicht von der Hand gingen, als sei er ein geborenes Mitglied im „Buena Vista Social Club“.
Als zum Schluss alle Musiker gemeinsam auf der Bühne standen und bei „Summertime“ und „Route 66“ abwechselnd als Solisten in Erscheinung traten, war das Publikum vollends aus dem Häuschen. Immer wieder wurde das heimische Sextett während des Spiels mit lang anhaltendem Szenenapplaus bedacht, der nicht zuletzt auch Petra Brucker galt, die diesen außergewöhnlichen Veranstaltungsort möglich gemacht hat.
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