Von CLAUDIA LEHNEN, 28.09.07, 08:06h
„Mit unserem Kinderwunsch hat es nie geklappt“, sagt die Frau mit dem sanften Lächeln. Sie haben alles versucht, sogar eine künstliche Befruchtung. Genutzt hat nichts. Sackgasse. Letzte Ausfahrt Adoption. Vor drei Jahren kam dann Clara. Sie kündigte sich telefonisch an. „Wir haben ein Kind für Sie“, sagte die Frau vom Jugendamt. Zehn Tage alt, von der Mutter zur Adoption frei- gegeben. Martha Kohler ist „fast ausgeflippt“.
Der Wettkampf wird nicht enden. Ein Kind adoptieren. Das hat mit egoistischer Wunscherfüllung nicht mehr viel zu tun. „Es gibt keinen einzigen Adoptionsfall, der unproblematisch ist“, sagt Christa Steinhauer vom Jugendamt der Stadt Köln. Wer sein Kind zur Adoption freigebe, tue das nicht aus einer Laune heraus. Meist steckten schwerwiegende „psychosoziale Probleme“ hinter einer Adoption: Sucht, Drogen, Missbrauch. „Und es ist nie sicher, dass sich das Kind nicht auch problematisch entwickelt“, sagt Steinhauer.
Martha Kohler weiß, worauf sie sich eingelassen hat. „Die Wahrscheinlichkeit, dass Claras Zeit im Bauch nicht so lustig war, ist natürlich sehr hoch“, sagt sie. Aber die Kohlers wollen sich mit diesen Problemen nicht so in den Vordergrund drängen: „Auch andere Eltern müssen sich damit auseinandersetzen, ein behindertes Kind zu bekommen“, sagt Jakob Kohler. Er sitzt am Küchentisch, isst Clara die Kekse weg und spielt den entspannten Part der Beziehung. Er bremst Martha, wenn die Geschwistervisionen bekommt. „Ich meine, ein Kind reicht.“ Er bremste, als Martha dem Jugendamt die Super-Mama machen wollte. „Die wollen nicht sehen, dass hier alles geputzt ist. Die wollen Normalität.“
Die aktuelle Vorgehensweise, einem Kind von Anfang an die Wahrheit zu sagen über seine Herkunft, kommt dem Pragmatiker gelegen. „Sagt euren Kindern schon auf dem Wickeltisch, dass es auch noch leibliche Eltern hat“, sagt Steinhauer. Für Clara ist klar: Sie hat da einen Jakob-Papa und einen Bauch-Papa. „Es wäre sehr anstrengend, wenn wir Heimlichkeiten vor ihr hätten“, meint Jakob-Papa. Clara hat sogar das Glück, ihre leiblichen Eltern zu kennen. „Wir haben uns schon ab und zu getroffen“, erzählt Martha Kohler. Es ist ein vergleichsweise gutes Verhältnis. Trotzdem war die Angst vor dem Verlust immer mit von der Partie. Vor allem im ersten Jahr, als Clara nur als Pflegekind bei Kohlers lebte. „Wir fanden Clara so unheimlich süß, wir konnten uns nicht vorstellen, dass die leibliche Mutter sie uns lassen kann“, erzählt Martha.
Wenn Kinder von Anfang an Kontakt zu den leiblichen Eltern hätten, sei das der Idealfall, meint Steinhauer. Kinder die erst spät die Bauch-Mama kennenlernten, erlebten oft einen Schock. „Sie müssen sich vorstellen: Da prallen zwei Welten aufeinander. Das Kind wurde in einer Mittelschichtfamilie groß, und plötzlich kommt die Assi-Mama zu Besuch“, führt die Frau vom Jugendamt aus.
Überhaupt: Die Sache mit den eigenen Wurzeln ist ein großes Thema unter Adoptierenden, Adoptierten und Vermittlungsagenturen. Es gibt Menschen, die Kinder adoptieren, weil sie Gutes tun wollen. Angelina Jolie sammelt sich arme Säuglinge aus aller Welt zusammen, Madonna hat in Malawi einen afrikanischen Jungen mitgenommen und Altbundeskanzler Gerhard Schröder gab zwei russischen Kindern eine privilegierte Kindheit im hannoverschen Endreihenhaus. Meist holen sie sich Kinder aus dem Ausland, Kinder ohne Eltern, Kinder ohne Zukunft. Für Kohlers wäre eine Auslandsadoption nicht in Frage gekommen. Schon wegen der Kosten nicht. Ein Kind aus einem Entwicklungsland zu seinem eigenen zu machen, kostet so viel wie ein Kleinwagen - 15 000 bis 20 000 Euro. Aber auch von dem Gefühl,„ein Kind vor seinem bösen Schicksal zu retten“, seien die Kohlers schnell kuriert worden. „Es ist fraglich, ob es so schlau ist, ein Kind aus seinem Kulturkreis herauszureißen“, sagt Martha Kohler. Die Suche nach der eigenen Identität ist für aus dem Ausland adoptierte Kindern oft extrem schwer. Dabei sind die Wurzeln wichtig. „Wenn es dem Wohl des Kindes zuträglich ist, begrüßen wir ein Kennenlernen der leiblichen Eltern sehr“, sagt Steinhauer.
Davon, dass die Zeit bis zur Vermittlung eines Kindes psychologisch unerträglich aufreibend gewesen wäre, möchte Martha Kohler nichts hören. Schnell sei es gegangen, bis sie Clara in die Arme schließen konnten. Nicht einmal so lange, wie eine Schwangerschaft dauert, hätten sie warten müssen: „Wenn ich gewusst hätte, dass die Adoption so vergleichsweise schnell über die Bühne geht, hätten wir uns den ganzen Stress mit der künstlichen Befruchtung sparen können. Das war psychisch belastend.“ Vielleicht hatten die Kohlers auch Glück. Die Chance, ein Adoptivkind zu bekommen, beträgt zwölf zu eins, sagt Steinhauer vom Jugendamt. Nicht immer sind es Säuglinge.
Wenn Clara nicht kriegt, was sie will, wird ihre Stimme schrill; es hört sich an, als habe eine Kassette zu lange in der Sonne gelegen. Martha Kohler können Quengeleien nicht aus der Ruhe bringen. Mit der quengelnden Clara steht sie in ihrer Küche und findet auf die Frage, wie das Leben mit Kindern sei, nur ein einziges Wort: „Toll.“ Und auch wer von Problemen spricht, bekommt dieses überzeugte Lächeln: „Es macht so viel Spaß, diese Probleme zu lösen.“
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