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„Eine Moschee für eine Kirche“

Erstellt 21.06.07, 20:49h, aktualisiert 04.07.07, 16:14h

Der Publizist Henryk M. Broder spricht sich im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger grundsätzlich für die Kölner Großmoschee aus - unter Bedingungen.

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Henryk M. Broder
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Henryk M. Broder
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Broder, der Schriftsteller Ralph Giordano ist gegen den Bau einer Großmoschee in Köln, weil die Integration der Muslime gescheitert sei. Hat er Recht?

HENRYK M. BRODER: Ich stimme sonst meistens mit meinem Freund Giordano überein, aber an diesem Punkt nicht. Mag sein, dass die Integration gescheitert ist. Der Bau von Moscheen hat aber damit nichts zu tun. Man kann Menschen, die hier leben, die man hierher geholt hat, nicht verbieten, in Würde in eigenen Gotteshäusern zu beten. Die Muslime sind hier. Neu ist, dass sie dies nun auch in Architektur zum Ausdruck bringen.

Kann eine Moschee auch für Öffnung sorgen, weil die Gläubigen aus ihren Hinterhofgebetsräumen herauskommen?

BRODER: Das glaube ich nicht. Das ist eine typische Gutmenschen-Argumentation. Es ist von allen anderen Fragen völlig unabhängig erst mal richtig, wenn Menschen in Würde beten können. Wir wollen ja auch nicht in einer schmutzigen Kirche oder eine schmutzigen Synagoge im Hinterhof beten müssen. Aber ob die Muslime sich öffnen, sich integrieren hängt von anderen Dingen ab. Ob ihre Kinder Deutsch lernen, ob die Eltern bereit sind, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen.

Die Ditib als Bauherrin ist über das Amt für religiöse Angelegenheiten eng mit dem türkischen Staat verbunden, der strikt säkular verfasst ist. Ein Vorteil?

BRODER: Dass die Ditib einer gewissen staatlichen Regulierung unterworfen ist, ist jedenfalls nichts Schlechtes. Aber es ist auch keine Garantie, weder für Integrationsbereitschaft, noch dagegen. Wenn deutsche Reporter Moscheen besuchen, dann hören sie auch in Ditib-Gemeinden schockierende Äußerungen zu Zwangsehen oder Ehrenmorden. Die Bauherrenschaft garantiert noch keine Inhalte.

Als Konsequenz gibt es die Forderung, in der Moschee müsse auf Deutsch gepredigt werden.

BRODER: Das sind doch alles untaugliche Versuche, die Kontrolle zu behalten über etwas, was unheimlich scheint. In russischen Gemeinden wird russisch gebetet, in griechischen auf Griechisch, die Juden beten auf Hebräisch. Sie können doch den Menschen nicht verbieten, die Liturgie in ihrer Muttersprache zu halten, nur damit der Herr vom Verfassungsschutz es beim Mitschreiben leichter hat. Die Architektur, die Gebetssprache - das sind doch alles Diskussionen, die mit dem Inhalt der Sache nichts zu tun haben.

Kann man die Inhalte überhaupt beeinflussen?

BRODER: Das ist eine komplizierte Angelegenheit, wenn man nicht in die Religionsfreiheit eingreifen will. Wir können ja nicht einer Religion die Rechte verwehren, die alle anderen in Anspruch nehmen. Vielleicht ist das eine denkbare Strategie: Man müsste von der lokalen auf die globale Ebene kommen. Das heißt, dass selbstverständlich in Ehrenfeld eine Moschee gebaut werden kann. Aber im Gegenzug muss dafür in der Türkei eine Kirche gebaut werden dürfen.

So viele Christen gibt es doch in der Türkei gar nicht.

BRODER: Sie muss nicht gebaut werden, wenn kein Bedarf besteht, aber das Recht zum Bau muss es ganz offiziell geben. Ich beziehe das auch nicht nur auf die Türkei, das gilt auch für Ägypten, für Pakistan - für die muslimische Welt allgemein.

Die Bedingung dürfte schwer zu erfüllen sein.

BRODER: Wir zahlen weltweit mit den gleichen Kreditkarten, wir reisen mit den gleichen Fluglinien - also sollte auch dieses Thema auf Gegenseitigkeit aufbauen. Ich bin strikt dagegen, in Vorleistung zu gehen, solange in muslimischen Ländern Christen verfolgt werden oder Salman-Rushdie-Puppen brennen.

Damit zwingen Sie hier lebende Muslime, sich zu Vorgängen in anderen Ländern zu verhalten. Ist das fair?

BRODER: Sie machen das doch jetzt auch schon. Die muslimischen Verbände in Deutschland äußern sich doch ständig über die islamische Welt, sie relativieren und verharmlosen. Bei der Islamkonferenz von Innenminister Schäuble hat sich der islamische Koordinierungsrat geweigert, die Schlusserklärung zu unterschreiben, weil sie sich darin zum Grundgesetz bekennen sollten. Weniger aber kann man nicht erwarten.

Wenn früher über Moschee-Bauten gestritten wurde, dann wurden den Positionen schnell Etiketten verpasst. Wer dafür war, war vielleicht ein Multikulti-Träumer, wer dagegen war, gehörte zu den Nazis. Das scheint sich, auch durch die Diskussion in Köln, zu ändern. Oder?

BRODER: Das stimmt. Ich war kürzlich zu einer Veranstaltung in Berlin eingeladen, wo es auch um einen Moscheebau ging. Ich war darauf eingestellt, unter den Gegnern auf lauter fremdenfeindliche Lokalpatrioten zu treffen, aber da waren vor allem ganz normale Bürger mit sehr viel weniger Ressentiments als erwartet. Es ist unfair und demagogisch, dass solche Menschen gleich in die Nazi-Ecke gestellt werden. Es gibt gewisse Ängste, und die muss man verstehen.

Was für Ängste?

BRODER: Zunächst mal haben Menschen Angst vor Veränderung. Das haben die Protestanten auch erlebt, als sie nach Westfalen kamen. Beim Islam kommt hinzu, dass er zu einem gewissen Maß mit Totalitarismus, mit der Neigung zur Gewalt verbunden wird. Das ist ja kein Zufall, denn es waren eben keine Bahai-Jungs, die Kofferbombern in deutschen Regionalzügen abgestellt haben. Es sind keine Hindus, keine Juden, keine Christen, die in Europa Anschläge verüben oder geplant haben. Man darf das nicht vergessen. Das heißt aber nicht, dass es auch andere Beispiele gibt. In Hamburg steht seit 50 Jahren eine Moschee, die Nachbarn finden das gut, das ist alles problemlos.

Das Gespräch führte Tobias Kaufmann

Henryk M. Broder wurde am 20. August 1946 in Kattowitz geboren, seine Eltern sind polnische Holocaust-Überlebende. Er studierte Volkswirtschaft und Jura in Köln

und ist heute einer der profiliertesten deutschen Journalisten. In dem 2006 erschienenen Bestseller „Hurra, wir kapitulieren“ (wjs Verlag) rechnet der Spiegel-Reporter mit dem Islamismus und dem aus seiner Sicht

zu nachgiebigen Westen ab. Jährlich gibt Broder zudem den „Jüdischen Kalender“ heraus.



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