Von THOMAS GEISEN, 07.06.07, 12:50h, aktualisiert 07.06.07, 16:32h
Dieser inhaltliche Auftakt beim Evangelischen Kirchentag brachte Herzen, Köpfe und Gemüter in Wallung. „Wie hältst du's mit der Religionsfreiheit?“ Mehr als 3000 Menschen klatschten, stritten, buhten und ereiferten sich, als der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Ayyub Köhler, und Bekir Alboga von der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion, „Ditib“, ihre Sicht der Dinge darlegten. Eines blieb nach zwei Stunden klar: Die „lieben Geschwister im Glauben“ - mit diesen Worten wandte sich Köhler an Christen, Muslime und Juden im allgemeinen und an das Publikum im speziellen - sind so harmonisch weiß Gott nicht verbunden. Im Gegenteil drängte sich der Eindruck auf, die Religionsgemeinschaften reagierten durchaus gereizt aufeinander.
Aktueller Hintergrund und Höhepunkt der Irritationen, die sich in den vergangenen Monaten aufgetürmt hatten, war ein Gespräch hinter verschlossenen Türen zwischen Muslimen und evangelischen Christen gewesen, zu dem der Koordinationsrat der Muslime in der vorigen Woche eingeladen hatte. Das Treffen wurde als „offen“ geschildert. Im Klartext heißt das, dass es heftige Kontroversen gab, vor allem über die so genannte EKD-Handreichung „Klarheit und gute Nachbarschaft“. Das im November veröffentlichte Papier zur Verständigung zwischen Christen und Muslimen betont den christlichen Missionsgedanken und war bei den Muslimen auf heftige Kritik gestoßen. Der Koordinationsrat sah darin ein Dokument der Abgrenzung und sprach von unzulässigen Verallgemeinerungen bei der Beschreibung des Islam.
Als nun am Donnerstag in Köln sowohl Köhler („So können wir die Handreichung nicht akzeptieren“) als auch Alboga („zunehmende Islamophobie“) das EKD-Papier noch einmal als wenig hilfreich im christlich-muslimischen Dialog abqualifizierten, wurde der EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber heftig: Zu behaupten, die „Handreichung“ stelle Muslime unter Generalverdacht, sei schlicht falsch. „Mir soll einer mal nachweisen, Jürgen Schmude wisse nicht zu differenzieren“, rief ein sichtlich aufgewühlter Huber. Der frühere Bundesjustizminister Schmude (SPD), der auch im Plenum saß, gehört mit zu den Verfassern der „Handreichung“. Huber mahnte einen „fairen Streit um die Wahrheit“ an. Toleranz dürfe nicht in Beliebigkeit enden, sondern müsse auch die eigene Stärke betonen.
Trotz der deutlichen Differenzen - es wurde immer wieder von allen Diskutanten betont, wie streitlustig Kirchentage nun einmal seien - gab es durchaus versöhnliche Signale. Köhler verwies in einem Eingangsreferat darauf, dass der Zentralrat der Muslime die Religions- und die Gewissensfreiheit als Menschenrechte ansehe. „Muslime stehen in der ersten Reihe derjenigen, die diese Rechte entschieden verteidigen.“ Und für den Zentralrat der Muslime sei das Recht auf den Religionswechsel „nicht nur ein Lippenbekenntnis“. Der EKD bescheinigte er trotz aller Vorbehalte an der „Handreichung“, sie sei „im Lernprozess“.
Allerdings dürfte Bischof Huber spätestens nach diesem etwas gönnerhaften Zugeständnis von heiligem Zorn ergriffen gewesen sein. Sein Vortrag war jedenfalls durchaus bissig, wenig pastoral. „Ja“ zur Religionsfreiheit, meinte Huber - aber für alle und an allen Orten. Und unter tosendem Beifall präzisierte er „für Muslime in Deutschland und für Christen in der Türkei.“ Huber spielte damit auch auf drei vor kurzem in der Türkei ermordete Christen an. Im übrigen sei die Freiheit zur Religion genauso wichtig wie die Freiheit von Religion. Hingegen müssten sich in islamischen Staaten Muslime zunehmend fürchten, wenn sie ihre Religion wechseln wollten. „Das muss sich ändern“, sagte Huber und verzichtete vollends auf jede Höflichkeitsattitüde, als er sagte: „Appeasement an dieser Stelle wäre nur Verrat an der Religion.“
Das Kirchentagspräsidium reagierte anschließend betont reserviert, ja distanziert auf Hubers konfrontative Äußerungen. Der Rat der EKD habe nun einmal diese Position, und das sei ihm auch unbenommen, sagte Kirchentags-Generalsekretärin Ellen Ueberschär. „Der Kirchentag aber hat eine andere Position.“ Kirchentagspräsident Reinhard Höppner betonte, die Laienbewegung wolle und werde „auf dem Weg des Dialogs vorangehen“, auch auf dem Kirchentag.
Neben dem Thema Terrorismus, das aber nicht im Vordergrund stand, spielte in der Diskussion zwischen Huber und den muslimischen Funktionären vor allem die Stellung der Frau in der islamischen Gesellschaft eine wichtige Rolle: Auch hier schilderte Köhler die Muslime praktisch als Spitze der Bewegung - „eines der obersten Anliegen der koranischen Botschaft ist die Gleichberechtigung“ - und betonte: „Unser Prophet hat nie eine Frau geschlagen.“ Alboga hingegen bekannte selbstkritisch: „Wir haben zu lange zu den Rechten der Frauen geschwiegen. Ich entschuldige mich dafür.“
Ihm entgegnete der Vertreter der Aleviten in Deutschland, Ali Ertan Toprak: „Ich würde mir wünschen, dass die Herren Köhler und Alboga sich auch in islamischen Ländern so für die Frauen einsetzen.“ Und auch Bischof Huber wollte denn zum Schluss noch Antwort auf eine Frage: „Erklären Sie die Sitzordnung in einer Moschee!“ Dort sitzen Männer und Frauen getrennt.
Eine Antwort auf seine Frage erhielt Huber nicht mehr, wie so vieles an diesem Morgen ungeklärt blieb. Aber es sieht danach aus, dass diese Fragen vorläufig nicht in Vergessenheit geraten werden (mit jf)
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