Erstellt 13.10.88, 08:21h, aktualisiert 02.07.07, 21:52h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr von Gerkan, Sie bauen in Europa, sie bauen in Asien. Was ist dort anders als hier?
MEINHARD VON GERKAN: Im Endeffekt ist nahezu alles ein bisschen anders - und doch wieder ähnlich. Zunächst einmal sind natürlich die Dimensionen jedes einzelnen Projektes unvergleichlich viel größer als hier. Dann gibt es dort viel mehr öffentliche und kulturelle Projekte als in Europa - weit mehr als 50 Prozent aller Projekte haben eine kulturelle Zweckbestimmung, sind Messezentren, Museum, Opernhäuser, Kirchen, Sporteinrichtungen. Nur ein geringer Teil ist kommerzieller Art. Hier in Deutschland, in Europa finden kulturelle Bauten ja fast gar nicht mehr statt.
Wie stark ist Ihr Büro denn in Asien vertreten?
VON GERKAN: Allein in China haben wir zurzeit mehr als 60 Projekte. Davon sind allerdings selbst die kleinsten teilweise noch größer als das größte Projekt hier in Deutschland.
Welche Unterschiede gibt es in den zeitlichen Abläufen?
VON GERKAN: Die Entscheidungsfindung ist in China sehr viel kürzer. Die Planung und die bauliche Umsetzung gehen viel schneller, also: Die Inkubationszeit eines Projektes ist unvergleichlich viel kürzer als bei uns.
Das klingt für den Architekten doch angenehm.
VON GERKAN: Das hat immer zwei Seiten. Es kommt natürlich oft auch zu großem Zeitdruck. Insgesamt aber überwiegen die Vorteile doch deutlich gegenüber solchen Prozessen, die sich bei uns ewig durch Bedenkenträger und Gremien und
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Ausschüsse hinauszögern - und die Sache auch verwässern. Natürlich geht es in China so schnell, weil die Abläufe nicht demokratisch sind, weil alles politisch gesteuert wird. Auch wenn es, zumindest im kommerziellen Bereich, kapitalistischer zugeht als bei uns. Nicht zuletzt ist der architektonisch-künstlerische Freiheitsgrad auch in der Bereitschaft, Experimente mitzugehen und zu machen, sehr viel größer als etwa in Deutschland, wo nahezu alles reglementiert und in Normen gefasst ist. Und damit ist der eigene Spielraum, sind die Möglichkeiten der Selbstverwirklichung sehr viel besser. Das sind die positiven Seiten dieser himmlischen Hölle.
Und die negativen Seiten?
VON GERKAN: Es gibt wenig Verständnis für Terminsituationen, die Honorarbedingungen sind ausgesprochen schlecht, der Verhandlungsstil sehr hart.
Aber sie verdienen dennoch Geld dort?
VON GERKAN: Wir verdienen durchaus Geld dort. Allerdings nicht wegen der Höhe der Honorare, sondern weil es schneller geht, weil die Bauten größer sind, weil die Entscheidungen schneller getroffen werden. Das kompensiert die vergleichsweise magere Honorarbasis.
Kann man das alles von Deutschland aus steuern?
VON GERKAN: Nein, das haben wir relativ früh erkannt. Wir haben Büros in Peking, in Schanghai, jetzt auch in Hanoi. Trotz allem wird der überwiegende Teil noch in Deutschland erarbeitet. Wichtig ist aber der persönliche Kontakt zum Bauherrn, zu den Behörden.
Wie oft sind Sie selbst in Asien?
VON GERKAN: Im vorigen Jahr war ich 14-mal da, in diesem Jahr auch schon viermal.
Sie treffen dort auf Architekten aus der ganzen Welt.
VON GERKAN: Die Intensität der Bauaktivitäten in Asien ist unvorstellbar groß. Die Zahl der Büros ist allerdings sehr begrenzt - die meisten kommen aus den USA, die sind schon viel früher dort tätig geworden als wir. Es gibt dann auch Japaner, Australier, gelegentlich mal Engländer, Franzosen. Deutsche so gut wie gar nicht.
Und Chinesen?
VON GERKAN: Ja, die auch, natürlich. Die Wettbewerbe dort sind immer eine geistige Auseinandersetzung zwischen nichtchinesischen Büros und Chinesen. Nahezu alle bedeutenden Projekte gehen aber an ausländische Büros, zum Verdruss der Chinesen.
Woran liegt das?
VON GERKAN: Unter anderem auch an der Vergangenheit: eine Zeit, in der kreatives Schaffen in China total unterdrückt worden ist und sich daher gar keine Kultur, keine Profession entwickeln konnte.
Heute entstehen dort vor allem Hochhäuser. Ist das in China Notwendigkeit oder Ausdruck eines gestiegenen Selbstbewusstseins?
VON GERKAN: Von beiden Beweggründen überwiegt eindeutig letzterer: Es geht um die Dokumentation von Macht und Reichtum. Man kann ja gleiche Dichten im Städtebau auch erreichen, wenn man sehr viel niedriger baut - es müssen nicht gleich immer mehrere Hundert Meter sein. Doch das Selbstbewusstsein auf der politischen Ebene sieht sich gerne in hohen Bauten dokumentiert. Und auf der kommerziellen Seite ist es ein Wettbewerbsfaktor: Die reine Höhe ist in einer Stadt wie Schanghai ein wichtiges Kriterium, auch für die Vermarktung. Daher wird jedes Unternehmen versuchen, so hoch wie möglich zu bauen.
Diese Bestrebungen gibt es in Deutschland auch. Braucht etwa eine Stadt wie Köln Hochhäuser?
VON GERKAN: Nein, braucht sie nicht. Es täte der Stadtsilhouette Kölns nicht gut, wenn neue Konkurrenz entstünde. Auch der Flächenbedarf kann kein Argument sein - es geht doch eher wieder um vermeintliche Attraktionen. Deutsche Städte weisen so viel Charakter und Identität auf, dass sie sich keinen Gefallen damit tun, wenn sie punktuell Hochhäuser ansiedeln. In Frankfurt ist das nun mal passiert - und da sind die Hochhäuser ja inzwischen auch das Charakteristische der Stadt. Aber wenn man jetzt in eine Stadt wie Köln oder Hamburg noch ein oder zwei Hochhäuser setzt, stellt man die Identität der Stadt eher in Frage, als dass man sie stärkt.
Um die Städte muss man ja nicht bange sein angesichts ihrer momentanen Renaissance.
VON GERKAN: Es ist unverkennbar, dass der Traum vom Häuschen im Grünen stark an Attraktivität verloren hat. Viele, die auf die grüne Wiese gezogen sind, bekommen die damit verbundenen Defizite zu spüren: Man findet ja in einer Neubausiedlung nicht zwingend eine gewachsene Dorfgemeinschaft vor, sondern ist oft mehr oder weniger isoliert in dieser Situation. Was dagegen die Stadt an Kommunikation, an Kultur oder Gastronomie zu bieten hat - dazu zählt auch die Attraktion, auf der Straße zu sehen und gesehen zu werden, statt immer nur die gleichen Menschen zu sehen, die man möglicherweise noch nicht einmal mag -, gewinnt immer mehr an Wert. Auch durch das viele Reisen, das ja eine Leidenschaft gerade der Deutschen ist, ist der Reiz großer Städte gestiegen. Also: Nicht mehr raus aus der Steinwüste auf die Wiese, sondern wieder zurück in die Steinwüste.
Was heißt das für die Architektur?
VON GERKAN: Wir erleben eine Art Renovierungsprozess der Städte. Es gibt ja keine große Nachfrage nach neuen Bauflächen in den Städten, weder für das Wohnen noch für das Gewerbe. Es entstehen also keine Zusatzbauten, sondern Ersatzbauten. Also kein Zuwachs an Fläche, sondern an größerer Attraktivität, an Komfort.
Gleichzeitig sehnt man sich nach der glorreichen Vergangenheit - und will sie, nicht nur im Falle des Berliner Schlosses, wiedererstehen lassen. Spricht aus dieser Haltung ein Misstrauen gegenüber der zeitgenössischen Architektur?
VON GERKAN: Natürlich tut es das, und zwar ganz entschieden. Im überwiegenden Maße auch zu Recht. Wobei das, was die zeitgenössische Architektur der Gesellschaft zu bieten hat, nicht nur ein Produkt der Architekten ist, sondern ein Produkt unserer Gesellschaft. Es fängt ja schon damit an, dass bei so genannten Profanbauten allein die Wahl des Architekten schon nicht sehr anspruchsvoll ist. Da nimmt man halt jemand aus dem Tennisclub, der auch ein bisschen zeichnen kann. Im breiten Bewusstsein der Bauherren, der Kaufleute und Investoren gibt es nur ein geringes Maß an Verständnis für gute zeitgenössische Architektur. Kann man sich auf historische Vorbilder berufen, dann ist dieses Verständnis eher vorhanden. Aber gegenüber allem Neuen ist man kritisch - vor allem, wenn es ein bisschen mehr Geld kosten soll. Dann macht man es lieber profaner und ein bisschen einfältig.
Mit der Bahn liegen Sie im Streit über den Berliner Hauptbahnhof. Ist denn das Verhältnis zur Bahn noch zu kitten?
VON GERKAN: Ich weiß es nicht. Das Ganze ist ein Psychothriller geworden, das hat mit der Realität ja gar nichts mehr zu tun, weder mit Fakten noch mit Geld, noch mit Zeit. Es geht einzig und allein um das Selbstwertgefühl, um den Gesichtsverlust einer Person. Es ist und bleibt Krieg. Ich nehme an, die Strategie der Bahn läuft darauf hinaus, Zeit zu gewinnen.
Das ist also der schlechteste Fall. Wie müsste denn aber im besten Fall das Verhältnis zwischen Architekt und Bauherr aussehen?
VON GERKAN: Etwa so wie in allen anderen Bauvorhaben, die wir hinter uns haben. Wo es natürlich auch hin und wieder Meinungsverschiedenheiten gab. Aber man muss miteinander reden und auch Kompromisse eingehen. Zumal die Architektur nach meiner Auffassung keine autonome Kunst ist. Ein Architekt kann nicht agieren wie ein Maler, der eine Leinwand kauft und ein Bild malt. Er ist immer angewiesen auf den Dialog mit der Gesellschaft. Jede Architektur ist gebunden an soziale Bedürfnisse, an Grund und Boden, ganz schnell auch an ökonomische Regeln.
Was sagen Sie denn, wenn jemand im Nachhinein einen Bau von Ihnen verändern will?
VON GERKAN: Ein Gebäude ist eine soziale Leistung, das die Bedürfnisse derer zu bedienen hat, die es benutzen. Wenn die Übereinstimmung zwischen dem Gebäude und den Benutzern nicht mehr vorhanden ist, finde ich es gerechtfertigt, dass man Veränderungen vornimmt.
Ihre Bauten sind vergleichsweise zurückhaltend. Gibt es aber Orte, wo man sehr auf Effekte setzen muss?
VON GERKAN: Man kann nicht bestreiten, dass es diesen „Bilbao-Effekt“ gibt. Frank O. Gehrys Museum erfreut sich ja nicht besonderer Beliebtheit, weil es dort besonders gute Kunst gibt, sondern weil das Gebäude selbst ein Ausstellungsobjekt ist. Meiner Architekturauffassung entspricht das nicht, aber ich zolle dem durchaus Respekt - dann jedenfalls, wenn es über eine hohe künstlerische Authentizität und Glaubwürdigkeit verfügt. Und das würde ich bei Frank Gehry uneingeschränkt bejahen. Es wäre allerdings grauenvoll, wenn jeder meint, er müsse nun nur auffällig bauen, so dass alle gucken. Dann nämlich sind wir im städtebaulichen Karneval.
Das Gespräch führte
Christian Hümmeler
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