Von PETER BERGER, 10.07.07, 18:25h, aktualisiert 13.07.07, 18:00h
Der Schriftsteller Günter Wallraff hat in einem Gespräch mit dem "Kölner Stadt-Anzeiger" angekündigt, in der Ehrenfelder Moschee aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ lesen zu wollen. Beim Dialogbeauftragten der Ditib, Bekir Alboga, fällt die Idee auf fruchtbaren Boden.
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Sie möchten in der neuen Ditib-Moschee aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ lesen.
GÜNTER WALLRAFF: Richtig. Man muss die Ditib auch beim Wort nehmen. Sie will sich öffnen und in die Moschee zu kulturellen Veranstaltungen einladen.
Wie hat die Ditib auf Ihren Vorschlag reagiert?
WALLRAFF: Der Dialogbeauftragte Bekir Alboga macht einen sehr aufgeschlossenen Eindruck. Er wird das zur Diskussion stellen. Wenn alle Muslime so wären, hätten wir längst einen toleranten liberalen Euro-Islam im allerbesten Sinne. Er hat mir auch vorgeschlagen, in den Moschee-Beirat zu kommen. Das überlege ich mir gerade. Nur leider ist Herr Alboga nicht der typische Vertreter.
Die „Satanischen Verse“ in einer Moschee. Sie verstehen das nicht als Provokation?
WALLRAFF: Auf keinen Fall. Ich kann Ihnen erklären, wie es zu dieser Idee kam. Nach Erscheinen meines Buchs „Ganz unten“, das ja auch in der türkischen Community ein Kultbuch war, wurde ich damals eingeladen, in einer Moschee-Gemeinschaft in Mülheim zu lesen. Da habe ich vor Tausenden von Moschee-Schülern eine Rede über die Weltreligionen gehalten. Alles, was ich kritisch über das Christentum sagte, wurde übersetzt, alles Kritische über den Islam jedoch nicht. Das habe ich später erst erfahren.
Was hat das ausgelöst?
WALLRAFF: Ich war entsetzt. Zumal parallel dazu ein Freund von mir, Arne Ruth, damals Chefredakteur der Stockholmer Tageszeitung „Dagens Nyheter“, eine Befragung unter den älteren Schülern und ihren Vätern zur Fatwa gegen Salman Rushdie machte. Und alle, ohne Ausnahme, haben den Mordaufruf gegen Rushdie befürwortet. Seitdem habe ich Wert darauf gelegt, mir jeweils die richtigen Feinde zu machen. Das ist seither mein Maßstab.
Was meinen Sie damit?
WALLRAFF: Salman Rushdie war ja eine Zeit lang bei mir versteckt. Ich habe damals eine Unterschriftenaktion für ihn und sein Buch gestartet, auch bei Muslimen. Unterschrieben haben ausschließlich Intellektuelle, die dem islamischen Kulturkreis angehören, aber keine Moscheegänger sind. Alle anderen Muslime nicht, weil sie die Fatwa entweder befürworteten oder sich zumindest aus einem falsch verstandenen Zugehörigkeitsgefühl nicht dagegen verwahren wollten.
Deshalb jetzt dieser Vorschlag zur Lesung?
WALLRAFF: Richtig. Ich bin jemand, der den Moscheebau befürwortet. Und ich bin der Meinung, wenn jemand tatsächlich die Fatwa gegen Rushdie befürwortet, muss er doch zumindest den Inhalt des Buches kennen. Ich bin der festen Überzeugung, dass nicht einmal Ayatollah Khomeini, der sie 1989 wegen der Mohammed zugedachten satirischen Elemente aussprach, das Buch gelesen hat. Fundamentalisten aller Couleur, sich im Besitz der reinen Wahrheit wähnend, verstehen keinen Spaß; die meinen es todernst mit ihrer Absolutheitslehre. Wenn man eine echte Auseinandersetzung will, muss man die Inhalte kennen. Das kann dazu beitragen, den Hass zu überwinden.
Wie wahrscheinlich ist es, dass es zu dieser Lesung kommt?
WALLRAFF: Bekir Alboga will sich dafür einsetzen, muss aber den Vorstand der Ditib überzeugen. Von ihm kommt auch der Vorschlag, vielleicht mit dem Islamwissenschaftler Abu Zaid, den ich gut kenne, zu beginnen. Er ist ein tief gläubiger Muslim, der an der Al-Ashram-Universität in Kairo Religionswissenschaft gelehrt hat. Abu Zaid ist davon überzeugt, dass der Koran auf unsere Zeit hin neu interpretiert werden muss. Aufgrund dieser Forderung und seiner kritischen Äußerungen wurde er in einem laizistischen Land zwangsgeschieden und auch eine Fatwa gegen ihn verhängt. Er und seine Frau mussten emigrieren, sein Leben war bedroht, sie leben jetzt in Leiden in Holland. Mit ihm könnte es beginnen. Und dann die Fortsetzung mit Salman Rushdies „Satanischen Versen“, mit anschließender ausführlicher Diskussion.
Warum erst in der neuen Moschee, warum nicht in der alten?
WALLRAFF: Das muss man überlegen. Wer weiß schon, wann die neue Moschee überhaupt gebaut wird.
Das Gespräch führte Peter Berger
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