Von HARALD BISKUP, 11.07.07, 22:01h
Köln - Nennen wir sie Elvira. Sie ist Anfang 60, kommt aus dem ehemaligen Jugoslawien und lebt ohne gültigen „Aufenthaltsstatus“ in Deutschland. Im Behörden-Deutsch ist sie eine „Illegale“, eine von schätzungsweise etwa 1,5 Millionen Menschen, die ohne Papiere in Deutschland leben. Wie lange sie schon hier ist, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestreitet, wie und wo sie wohnt - für all das interessiert sich Herbert Breker (68) nicht. „Ich sehe, hier liegt ein Notfall vor, deswegen hat die Frau Anspruch auf kostenlose Untersuchung. Ich bin keine Behörde, ich bin Arzt.“ Elvira P. leidet an einem bösartigen Unterleibs-Tumor in weit fortgeschrittenem Stadium. Für eine Behandlung ist es zu spät, viel zu spät. Breker gibt ihr noch drei oder vier Monate.
Ein Flachbau neben dem Hildegardis-Krankenhaus in Köln-Lindenthal, ein ehemaliges Schwesternwohnheim. Hier bietet die Malteser Migranten-Medizin (MMM) kostenlos Hilfe für Menschen ohne Krankenversicherung an, unbürokratisch und unter Wahrung der Anonymität. „Das ist Grundvoraussetzung, sonst käme niemand“, sagt der frühere Chefarzt des Bensberger Krankenhauses. „Ich verschenke hier nichts an Parasiten, sondern ich helfe Bedürftigen in einer akuten Krankheitssituation“, sagt der sanfte Mann mit den hellwachen freundlichen Augen kurz und bestimmt. Ein Viertel seiner Patienten sind Deutsche, die nur aus dem Fernsehen wissen, wie eine Versicherungskarte aussieht.
Das Spektrum in Brekers ungewöhnlicher Praxis reicht von Bagatellen bis zu Katastrophen, aber die Katastrophen überwiegen. „Zu mir kommen die Leute nicht, weil ihr Cholesterinspiegel zu hoch ist oder weil sie sich die Knochen beim Joggen verschlissen haben.“
Die meisten der 500 Patienten, die im Jahr die Unterstützung von MMM in Anspruch nehmen, warten viel zu lange mit ihrem Besuch. Elvira P. ist zum dritten Mal da. Um der Frau ein wenig Erleichterung zu verschaffen, entfernt der Arzt Wasser aus ihrer Bauchhöhle. Auch das ist Akuthilfe, weil keine Therapie mehr greift. Auf Brekers Schreibtisch liegt ein Müsliriegel. Ein kleines Dankeschön eines anderen Patienten. Solche Gesten rühren den Mediziner, der sich im Umgang mit seinen Patienten selten Emotionen leistet.
Morgens hatte Breker schon mit einem anderen Katastrophenfall zu tun. Bei einem Mann aus Eritrea, Ende 60 wie er selbst, stellte der Doktor einen Bandscheibenvorfall im Halswirbelbereich fest. „Wenn man nicht schnell etwas unternimmt, kann eine Querschnittslähmung drohen.“ In etwa 70 Prozent der Fälle kann der versierte Mediziner, auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Infektionen spezialisiert, seinen Patienten selbst helfen. Zum Konzept der Migranten-Medizin gehört ein Netzwerk von etwas 50 niedergelassenen Fachärzten fast aller Disziplinen aus Köln und Umgebung, die sich der guten Sache ebenfalls verschrieben haben. „Alte Seilschaften“, sagt Breker und beißt eine Ecke seines Müsliriegels ab. Er hofft auf einen Neurochirurgen, der den Schwarzafrikaner operiert.
Viele der Netzwerk-Ärzte helfen ebenfalls kostenlos. Für kompliziertere und teuere Eingriffe steht ein Spendenfonds zur Verfügung. Daraus werden auch Behandlungen und Diagnostik im Hildegardis-Krankenhaus gleich nebenan finanziert. Erst recht muss Breker, dem zwei Ärztinnen zur Seite stehen, auf Spendenmittel zurückgreifen, wenn Patienten mit akuten Beschwerden stationär in der Klinik aufgenommen werden müssen. Oft kann schnell geholfen werden, manchmal kommt die Hilfe wie im Fall eines deutschen Fotografen aus Leverkusen aber auch zu spät. Der Mann war nicht versichert und ging nie zum Arzt. „Er schleppte sich hierhin, und ich konnte nur einen bösartigen Lungenkrebs im Finalstadium feststellen.“ Eine Woche später starb er im Krankenhaus.
Deutsche ohne Krankenversicherung - das waren auch für Herbert Breker mit fast drei Jahrzehnten Chefarzt-Erfahrung „absolute Exoten“. „Ich kannte das nur aus Amerika, wo ich meine klinische Ausbildung gemacht habe.“ Vor fünf Jahren wurde dieser Personenkreis in der Bundesrepublik auf 200 000 Menschen geschätzt. „Mich würde es nicht wundern, wenn es mittlerweile eine halbe Million Nichtversicherte gäbe“, sagt Breker, obwohl die Rückkehr sowohl in die gesetzliche Kasse als auch in private Krankenversicherungen seit kurzem leichter geworden ist.
Die meisten seiner unversicherten deutschen Patienten sind Freiberufler, die wegen wirtschaftlicher Misserfolge ihre Beiträge nicht mehr zahlen können, Geschiedene, deren Ex-Partner den Unterhalt verweigern, und Studenten über 30, die sich keine Krankenversicherung leisten können. „Nicht versichert zu sein ist ein soziales Handicap.“ Da spielen Ansehensverlust und Scham eine Rolle wie bei der früheren kaufmännischen Angestellten, die nach einem Oberarmbruch keinen Mut hatte, sich einem Arzt zu offenbaren. Erst als die Schmerzen unerträglich wurden und nur noch eine Operation half, fand sie den Weg zu Kölns Armenarzt.
Der Anspruch, effizient und zugleich kostengünstig zu arbeiten, stelle manchmal die Quadratur des Kreises dar: Einerseits seien die Ressourcen begrenzt, anderseits müsse die Qualität der ärztlichen Versorgung absolut dem heutigen Standard entsprechen: „Wir sind hier nicht im Lambarene. Wir können hier keine Billig-Medizin machen.“
In seinem Medikamentenschrank hält er überwiegend gängige Präparate wie Schmerztabletten, Antibiotika und Mittel gegen Magen-Darm-Erkrankungen vor. Dabei handelt es sich vor allem um Muster aus Arztpraxen, „die ich bei Kollegen selektiv abstaube“. Selbst verschreiben kann er nur auf Rechnung des Patienten - auch das kommt hin und wieder vor. Da es bei Breker weder Kassenrezepte noch Überweisungen gibt, ist die Versuchung, „uns hier abzocken zu wollen“, relativ gering.
Kunden wie der arbeitslose Ingenieur Anfang 50, der ein wenig genant fragte, ob sich MMM auch für Potenzprobleme zuständig fühle, klärt Herbert Breker freundlich, aber unmissverständlich auf, dass dieses Leiden ebenso wie eine kürzlich gewünschte eingehende Fußpilz-Behandlung gewiss nicht unter „Notfallversorgung bei plötzlicher Erkrankung“ falle.
Es ist gleich zwei, aber im Wartezimmer sitzt noch ein Mann aus Ghana. Die Diagnose ist einfach: akute Lungenentzündung. Eindeutig ein Fall für den Armendoktor.
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