Von THOMAS AGTHE, 20.07.07, 21:52h
Bonn - Am 13. März 1826 hatten der Weimarer Bürgermeister Carl Leberecht Schwabe, der Hofrat und Leibmedicus Doktor Schwabe sowie der Oberbaudirektor Coudray eine wichtige Verabredung. Auf dem Jacobs-Friedhof von Weimar versammelten sie sich, um in das dortige Landschafts-Cassen-Leichengewölbe hinabzusteigen. Dort hofften die Herren, den Sarg des Dichters Friedrich Schiller zu finden, um seine sterblichen Überreste zweifelsfrei identifizieren zu können. Einen Sarg finden sie nicht, wohl aber in der Folgezeit 23 Schädel. Bürgermeister Schwabe demonstriert seine Amtsmacht und erklärt den größten Schädel zum Haupt des Dichters, der nunmehr in der Großherzoglichen Bibliothek aufbewahrt wird.
Später werden die Schiller zugeschriebenen Überreste - inzwischen ist auch ein Skelett ohne Kopf aufgetaucht - in einer Fürstengruft des neuen Weimarer Friedhofs untergebracht. 1883 erklärt der Hallenser Anatom Hermann Welcker nach 20-jähriger Untersuchung den Schädel für unecht, was wiederum der Bonner Anthropologe Herrmann Schaafhausen vehement bestreitet. Seitdem gärt - mit Unterbrechungen - der Streit um Schillers leibliche Überreste. Mediziner und Anthropologen, Kunsthistoriker und Literaturwissenschaftler haben im Laufe der vergangenen 150 Jahre (Schiller starb am 9. Mai 1841) einen Disput um die Echtheit der Überbleibsel des Dichters geführt.
Grund genug, dass sich am vergangenen Donnerstag auf dem Bonner Alten Friedhof erneut Fachleute versammelten und in aller Heimlichkeit bis zur Mitternachtsstunde die Überreste von Schillers Ehefrau Charlotte sowie des dort ruhenden Sohnes Ernst Friedrich Wilhelm Schiller exhumierten. Nun soll eine DNA-Analyse aus dem Skelett des Sohnes Aufschluss darüber geben, ob der einst vom Bürgermeister auserwählte größte Schädel tatsächlich auf des Dichters Schultern gesessen hat. Die Exhumierung ist Teil eines internationalen wissenschaftlichen Projektes und wurde von der Professorin und Anthropologin Ursula Wittwer-Backofen aus Freiburg und ihrem Kollegen Herbert Ullrich geleitet. Die eigentliche vergleichende DNA-Analyse wird von dem Rechtsmediziner Professor Richard Scheithauer der Universität Innsbruck vorgenommen. Scheithauer, der auch den Mozart-Schädel untersuchte, die Überreste von Reinhold Messners Bruder identifizierte und auch DNA-Proben des Gletscher-Mannes „Ötzi“ untersuchte, gilt als international renommierter Spezialist.
Die jetzt durchgeführte Untersuchung im Bonner Schiller-Grab, das direkt neben dem Grab der Mutter Beethovens liegt (Beethoven selbst ist auf dem Wiener Zentralfiedhof begraben), warf neue Rätsel auf: Es wurden auch die Überreste zweier Kinder und eines Erwachsenen gefunden, deren Identität unbekannt ist.
Natürlich verläuft ein solches Projekt nicht gänzlich ohne die Begleitung des Fernsehens. Unter dem Stichwort „Der Friedrich-Schiller-Code“ produziert der Mitteldeutsche Rundfunk in Kooperation mit der Klassik Stiftung Weimar eine Dokumentation, deren Autorin Ute Gebhardt die Exhumierung ebenfalls verfolgte. Sie war bereits bei der Identifizierung des Schädels Wolfgang Mozarts mit dabei.
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