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Nächtlicher Schock im Hotel

Von DETLEF SCHMALENBERG, 20.07.07, 21:47h, aktualisiert 21.07.07, 14:16h

Während einer Ferienfreizeit in Spanien soll es passiert sein: Der Gruppenleiter und Geschäftsführer eines renommierten Jugend-Reiseveranstalters schleicht sich zu schlafenden Jugendlichen ins Zimmer - um sich selbst zu befriedigen. Auch zur Zeit betreut der Mann nach Informationen des "Kölner Stadt-Anzeiger" Kinder und Jugendliche.

Calella - Es war in den frühen Morgenstunden, als die Jungs nach Hause kamen. Abfeiern in der Partyzone von Calella, einem Badeort an der spanischen Mittelmeerküste. Obwohl seine Kumpel im Vierbettzimmer sofort einschliefen, blieb Philipp (Name geändert) zunächst wach. Liebeskummer, die Freundin des 17-Jährigen war an einen anderen Ort zum Sommerurlaub gefahren. Wie schön es doch wäre, wenn sie jetzt dabei sein könnte, dachte Philipp, als sich die Zimmertür öffnete.

Im Türrahmen stand der Leiter der Sommerfreizeit. Philipp stellte sich zunächst schlafend, wollte beobachten, was der unerwartete Besuch denn wollte. In den vergangenen Tagen hatten andere Jugendliche erzählt, dass der Mann in der Nacht auffallend häufig und lange in ihre Zimmer gekommen sei. Wenn er glaube, dass alle schlafen, habe er sich so merkwürdig in die Hose gefasst.

„Mal schauen, was passiert“, dachte Philipp. Mit seinem Handy habe der Mann die Jugendlichen angeleuchtet. Als es den Anschein machte, dass alle schliefen, sei er vor einem der Jungen stehen geblieben und habe onaniert. „Ich musste doch was machen, das durfte ich doch nicht zulassen“, erinnert sich Philipp. Er habe dann geschauspielert, als sei er gerade aufgewacht, um im Halbschlaf auf die Toilette zu gehen. Auf dem Weg zum Badezimmer habe er so getan, „als ob ich den Mann nicht sehen würde“.

Geräusche vom Balkon

Als Philipp wieder ins Zimmer kam, war der ungebetene Gast verschwunden. Etwa zehn Minuten später habe er vom Balkon Geräusche gehört, sagt Philipp. „Dort hatte unser Betreuer sich offensichtlich versteckt, er kam ins Zimmer, legte sich in ein freies Bett.“ Nach einigen weiteren Minuten sei er aufgestanden, habe sich wieder vor das Bett eines schlafenden Jungen gestellt und erneut onaniert.

Nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeiger“ soll dies kein Einzelfall gewesen sein. Von den Eltern eines anderen Jugendlichen, der ebenfalls vom 1. bis 14. Juli an der Spanien-Reise teilgenommen hat, sei „eine Anzeige aus dem Bereich des Sexualstrafrechtes“ eingegangen, bestätigt die ermittelnde Polizei. „Die Untersuchungen laufen, es geht um Vorwürfe exhibitionistischer Art“, so ein Behördensprecher. Dem Vernehmen nach soll sich der betroffene Jugendliche in den Tagen zuvor aus dem Spanienurlaub seinen Eltern am Telefon anvertraut haben. Die schalteten dann die Polizei ein.

Die Anschuldigungen richten sich gegen den Geschäftsführer eines renommierten Jugend-Reiseveranstalters. Das Unternehmen, mit dem jährlich etwa 20 000 Kinder und Jugendliche Ferien machen, gilt als besonders engagiert in pädagogischen Fragen und arbeitet mit Schulen zusammen. Der beschuldigte Geschäftsführer, der die Firma vor 14 Jahren gegründet hat, betreut zahlreiche Ferienzeiten als Teamleiter. In seiner Freizeit leitet er Kinder- und Jugendgruppen eines Sportvereins.

"Ich weiß, dass ich krank bin"

Er gehe davon aus, dass „die Sache demnächst von den Behörden aufgearbeitet wird“, sagte der Unternehmer, als der „Kölner Stadt-Anzeiger“ ihn erreichte. Nach dem Spanien-Einsatz leitet er momentan eine weitere Ferienfreizeit mit 13 bis 16 Jahre alten Kindern im Ausland. Ob an den Vorwürfen, von denen er durch einen Anruf der Polizei erfahren habe, etwas dran ist, wollte der Mann nicht bestätigen. Er wolle sie aber auch nicht bestreiten, sagte er.

Gegenüber einem besorgten Vater indes, der ihn auf die Beobachtungen von Philipp angesprochen hat, soll er sich eindeutiger geäußert haben. „Es tut mir leid. Ich weiß genau, dass ich einen Fehler gemacht habe. Ich weiß, dass ich krank bin. Ich werde eine Therapie machen“, habe der Beschuldigte gesagt. Auch vor einer Gruppe Jugendlicher soll er die Übergriffe eingestanden haben. Als er mit den 17-Jährigen über die Strafanzeige sprach, konfrontierte Philipp ihn mit seinen nächtlichen Beobachtungen: „Du hast doch auch in unserem Zimmer onaniert.“ Er wisse, dass er ein Problem hat, habe der überraschte Mann daraufhin nach einem Zögern geantwortet. Und dass er sich Hilfe suchen wolle. „Wenn ich das nicht mache, könnt ihr mich bei der Polizei anzeigen“, habe er sinngemäß ergänzt.

Ob man diese Aussagen als Geständnis werten könne? „Auch dazu sage ich nichts“, entgegnet der Beschuldigte. Er habe eine Verantwortung für die 30 Mitarbeiter seiner Firma. „Da hängen Existenzen dran.“ Ob es denn klug sei, jetzt noch die aktuelle Ferienfreizeit zu betreuen? „Ich weiß, dass dies unglücklich ist“, sagt der Mann. Er habe jedoch keinen Ersatz gefunden. „Und aus der Nachtbetreuung habe ich mich rausgezogen, das machen jetzt andere.“

Sexualstraftäter in Gruppen und Vereinen sind kein Einzelfall

Unabhängig davon, was die weiteren Ermittlungen in diesem Fall ergeben:Dass Sexualstraftäter sich gezielt in Feriengruppen, Freizeit- und Sportvereinen engagieren, ist in Fachkreisen schon lange bekannt. Schließlich kommen neun von zehn Tätern aus dem Familien- und Bekanntenkreis. „Und als Betreuer, Teamleiter oder Trainer hat man ohne großen Aufwand mit einer Vielzahl von potenziellen Opfern zu tun“, betont Ursula Enders von der Kinderschutzorganisation „Zartbitter“. Vor zwei Jahren beispielsweise wurde in Köln der Leiter einer Pfadfindergruppe zu sieben Jahren Haft verurteilt, weil er sich an Kindern vergangen hatte. Die Opfer, deren Vertrauen er in den Gruppentreffen gewonnen hatte, hatte er zu sich nach Hause eingeladen.

„Immer wieder haben wir Fälle, in denen es auch auf Ferienfahrten sexuelle Übergriffe gegeben haben soll“, bestätigt Enders. Betreuer, die Kinder zu Zärtlichkeiten oder intimen Berührungen überreden, sexuell getönte Spiele mit Ausziehen oder Anfassen sowie exhibitionistische Übergriffe. „Und wir halten die Schilderungen für realistisch und glaubhaft.“

Unter dem Arbeitstitel „Kultur der Grenzachtung“ arbeitet Zartbitter momentan an einem Konzept, nach dem auch die Träger von Ferienfreizeiten präventive Strukturen gegen sexuellen Missbrauch etablieren sollen. Beispielsweise sollten die Kinder vor Reisebeginn darüber aufgeklärt werden, was eine Grenzverletzung ist. „Es ist nicht o. k., wenn jemand dir schweinische Bilder zeigt! Es ist nicht o. k., wenn dir jemand seinen Pimmel zeigt! Es ist nicht o. k., wenn andere dich im Genitalbereich anfassen!“ Kinder und Jugendliche bräuchten konkrete Hinweise, wie sie reagieren müssen, meint Enders. Die Betreuer sollten in einer Schulung für das Thema sensibilisiert werden.

„Dies ist genauso wichtig wie ein Erste-Hilfe-Kurs“, so die Jugendschützerin. Dass der Weg bis zu einer professionellen Missbrauchs-Prävention jedoch noch weit ist, zeigt die Tatsache, dass es vorbestraften Tätern immer wieder gelingt, sich in Vereinen oder Institutionen des Jugendbereichs einzuschleichen. Schon in den neunziger Jahren wurde deshalb gefordert, von Trainern und Betreuern ein polizeiliches Führungszeugnis zu verlangen. Zwar wurde die Vorlage dieses Dokuments im Oktober 2005 zumindest für die fest angestellten Pädagogen bei anerkannten Trägern der öffentlichen Jugendhilfe gesetzlich vorgeschrieben. „Alle anderen Mitarbeiter oder Ehrenamtler sind davon jedoch nicht betroffen“, beklagt Enders.

Um weiteres Bewusstsein für die Problematik zu schaffen, entwickelt der Arbeitskreis „Rote Karte“ des Kölner Stadtsportbundes, unter anderem mit Unterstützung der Polizei, derzeit ein Zertifikat für Sportvereine. Für die Verleihung des Gütesiegels müssen die Vereine unter anderem ein polizeiliches Führungszeugnis aller Trainer und Ehrenamtler vorweisen.

Vorbestraft ist der jetzt beschuldigte Reiseunternehmer nach Informationen des „Kölner Stadt-Anzeigers“ nicht. Als er Philipps Zimmer verließ, hat der Junge alle seine Freunde aufgeweckt. „Ich war total schockiert.“ Die Jugendlichen wussten nicht, wie sie die Situation einordnen sollten. Tagsüber hatte der Mann noch mit ihnen gescherzt, war wie immer gut drauf gewesen. „Für uns war er wie ein Kumpel, zu dem man mit allen Problemen kommen kann“, sagt einer der Jugendlichen. „Jetzt hatten wir Angst und fragten uns, was er noch vorhat“, ergänzt Philipp.

Mit seinen Freunden habe er sich einer jungen Betreuerin anvertraut. Die habe ihnen dann versprochen, dass sie darauf achten wird, dass der Mann nie wieder in ihr Zimmer kommt. „Erst danach waren wir damit einverstanden, weiter in dem Raum zu schlafen.“



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