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Ökostromwechselpartys sollen die Welt retten

Von KATHARINA ECKSTEIN, 22.07.07, 20:55h

Ulla Gahn trifft mit ihrer Idee den Nerv der Zeit und hat bereits sechs Partys organisiert. Der private Atomausstieg muss nicht teuer sein: Strom aus erneuerbaren Energien kostet oft nur wenige Cent mehr.

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Für viele ist der Markt der Stromanbieter unübersichtlich.
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Für viele ist der Markt der Stromanbieter unübersichtlich.
Der private Atomausstieg muss nicht unbedingt teuer sein: Strom aus erneuerbaren Energien kostet oft nur wenige Cent mehr.

Düsseldorf - Auf der „Ökostromwechselparty“ wird Bionade getrunken. Es gibt Couscoussalat und gefüllte Weinblätter. Die Gesprächsthemen sind naheliegend: Stromeinspeisegesetz, Biomasse, CO-Ausstoß. Dass am Ende jeder Gast weiß, was damit gemeint ist und warum es sich lohnt, in Zukunft ganz auf sauberen Strom aus erneuerbaren Energien zu setzen, darum kümmert sich Ulla Gahn. Bislang ehrenamtlich.

In Düsseldorf hat sie in die Halle eines kleinen Medienhauses eingeladen. Es ist ihre sechste Veranstaltung in den vergangenen Monaten. Für die 33-Jährige sind die Partys „ein erster Schritt, die Welt zu retten“. Damit hat sie „aus einer Küchenlaune heraus“ den Nerv der Zeit getroffen. Anfang des Jahres ist Ulla Gahn selbst auf Ökostrom umgestiegen. Auslöser war der Störfall im schwedischen Atomkraftwerk Forsmark. Kurz darauf folgte der UN-Klimabericht und bei Ulla Gahn die Einsicht: „Hier brennt die Hütte, und keiner macht was.“ Sie wollte nicht länger zuschauen und kehrte dem Atomstrom nach mühsamen Recherchen den Rücken. Das provozierte Fragen bei ihren Freunden: Wie geht das? Ist das nicht teuer? Welche Anbieter gibt es? Ulla Gahn buk Kuchen und lud die vielen Frager zusammen mit Experten in ihre Leipziger Wohngemeinschaft zu einer „Naturstrom-Wechselparty“ ein. 40 Menschen kamen, zehn wechselten sofort.

Weil die freiberufliche Projektmanagerin und Kommunikationsexpertin gerade keinen Auftrag hatte, organisierte sie eine zweite Party. Und eine dritte. Mit den Teilnehmerzahlen wuchs das Medieninteresse. Bei der nächsten Party waren bereits Vertreter der vier bundesweit tätigen und zertifizierten Ökostromanbieter dabei: LichtBlick, NaturStrom, Greenpeace Energy und die Elektrizitätswerke Schönau. Nur diese erzeugen Strom komplett aus Sonnenenergie, Biomasse sowie Wind- und Wasserkraft.

Nach Leipzig folgten Partys in München und jetzt in Düsseldorf, wo auch die Grünen-Politikerin Bärbel Höhn vorbeischaute. Inzwischen hat Ulla Gahn über 40 Anfragen für Wechselpartys von Privatpersonen, Bürgerinitiativen und Parteien. Auch Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) ist unter den Interessenten. „Wir füllen eine Lücke, indem wir die Möglichkeit zur Tat bieten“, erklärt sich Ulla Gahn die Resonanz.

Vier Anbieter

Zur Düsseldorfer Party sind „überraschend viele ältere Menschen“ gekommen, freut sich die Veranstalterin. Viele haben ihre letzte Stromrechnung in einer Klarsichthülle dabei. Geduldig stehen sie Schlange am Preisrechner. Bernhard Schwandt errechnet, was der Wechsel zum Ökostrom kosten würde. Sieben Cent pro Monat sind es bei einer älteren Frau, bei einem jüngeren Mann „ein oder zwei Cappuccino pro Monat mehr“. Ulla Gahn erläutert: „Ökostrom ist nicht immer teurer. Das hängt davon ab, wo man wohnt und welchen Anbieter man vorher hatte.“

Die vier Ökostromanbieter verteilen Broschüren und diskutieren mit den etwa 100 Partygästen. Einige nutzen die Gelegenheit, „endlich zu machen, was man schon lange vorhatte“. Jetzt sei das Thema Stromanbieterwechsel „nicht mehr so abstrakt“, meint eine junge Frau. Eine andere pflichtet ihr bei: „Man wird hier nicht über den Tisch gezogen.“ Für diese Glaubwürdigkeit steht Ulla Gahn.

Sie gehört zu einer neuen Generation von Weltverbesserern: „Ich bin kein Ökofreak und bin nie auf Demos gewesen.“ Aber sie habe immer versucht, so zu leben, dass ihr Tun mehr nützt als schadet. Außerdem hasst sie Verschwendung. „Licht ausschalten, wenn man den Raum verlässt, so bin ich aufgewachsen.“ Mitglied bei den Grünen ist Ulla Gahn nicht. „Das würde ich gar nicht aushalten.“ Bei den etablierten Parteien werde ihr zu viel geredet und zu wenig getan.

Vier Wochen hat Gahn gebraucht, um die Düsseldorfer Veranstaltung vorzubereiten. Der Dank der Gäste ist ihr sicher. Wer geht, fühlt sich gut informiert - und schüttelt ihr die Hand. „Ich hoffe, Sie finden genug Sponsoren, und die Partys können weitergehen“, sagt ein Mann zum Abschied. Ulla Gahn hat sich jetzt erst einmal eine Sommerpause verordnet. Die Ökostromwechselpartys müssen auf eine solide finanzielle Basis gestellt werden. Und ein bezahlter Auftrag für die Projektmanagerin muss her. „Sonst kann ich meine Miete nicht mehr bezahlen.“ Ihre Ersparnisse sind fast aufgebraucht. Weitermachen will sie mit den Wechselpartys aber auf jeden Fall. Und dabei unabhängig bleiben.

Mitunter wird ihr unterstellt, sie stehe auf der Gehaltsliste der Ökostromanbieter. „Das ist Quatsch.“ Bislang tragen sich die Partys durch ehrenamtliche Hilfe und Sachspenden - die einen bedrucken für die Helfer T-Shirts, ein Freund hat in Düsseldorf den Raum zur Verfügung gestellt. Gerade wird der Verein „Weltverbesserung sofort und hausgemacht“ gegründet. Ulla Gahn hofft auf Spenden oder eine Projektförderung. „Am schnöden Mammon soll's nicht scheitern.“

 www.oekostrom-wechselparty.de



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