Von JESSICA DÜSTER, 26.07.07, 10:44h, aktualisiert 02.08.07, 10:37h
In ihrem ersten Spielfilm sind die Simpsons konsequenterweise in einem Kinosaal versammelt, doch bevor wir die gelbe Familie Popcorn essend in den Klappsesseln sitzen sehen, gehören die ersten Szenen „Itchy & Scratchy“. Die blutrünstigen Begegnungen von Katz und Maus - eine Splatter-Version von „Tom & Jerry“ - laufen sonst im TV-Programm innerhalb des Simpsons-Kosmos, werden aber hier in Form eines Weltraum-Abenteuers auf die große Leinwand gebracht.
Während sich die Kinder kugeln, murrt Vater Simpson und lässt den ersten herrlich doppelbödigen Satz eines an knackigen Einzeilern überreichen Films fallen: „Warum soll ich eigentlich eine Kinokarte für etwas kaufen, das ich ständig umsonst im Fernsehen gucken kann?“
Homers Verhältnis zum Kino war seit Beginn der Serie sehr speziell. So benimmt er sich zwar beim Besuch im „Googolplex“ genannten Großraumkino seines Heimatortes Springfield lautstark daneben, wenn ihn ein Film langweilt, doch ist er erpicht darauf, beim „Springfield Film Festival“ (Folge 121) sein Urteil abzugeben - woraufhin die Festivalleiterin, Gattin Marge, kurzerhand Martin Scorsese aus der Jury streicht.
Dass die Kreativen um Simpsons-Schöpfer Matt Groening und Produzent James L. Brooks in ihrer Serie nicht nur realen Alltag spiegeln, sondern bereits vor ihrem ersten gemeinsamen Kinoprojekt Filmfreaks waren, zeigen sie seit 18 Staffeln in den Verhaltensweisen ihrer Figuren, hollywoodesken Versatzstücken auf der Handlungsebene und unzähligen Querverweisen - von Titeln wie „Natural Born Kissers“ über wiederkehrende „2001: Odyssee im Weltraum“-Zitate bis zu liebevollen Adaptionen wie „Das Shining“ in der Halloween-Folge von 1994, wo Homer aufgrund von Bier- und Fernsehentzug den Amoklauf Jack Nicholsons nachvollzieht.
Doch auch mit der Rolle des Actionhelden wurde der Phlegmatiker vertraut gemacht. Dass Homer schon Mel Gibson in der Folge „Beyond Blunderdome“ (Staffel 11) als entsprechender Berater zur Seite gestellt wurde und als Superheld „Tortenmann“ einem gewissen spinnerten Kollegen Konkurrenz machte, bereitete gewissermaßen den Boden. Denn nachdem es der gelbe Inbegriff eines Versagers in „Die Simsons - Der Film“ erwartungsgemäß zunächst einmal gründlich vermasselt, bleibt an ihm nicht weniger hängen als die Aufgabe, ganz Springfield vor dem Untergang zu retten. Während Homer parallel seine erboste Marge besänftigen und den Familienfrieden wiederherstellen muss, hat er mit einem perfiden Komplott der US-Umweltschutzbehörde unter der planlosen Führung Präsident Schwarzeneggers - einer der wunderbar süffisanten, obligatorischen Gastauftritte - zu kämpfen.
Soweit der Hauptspannungsbogen, der nach den Mustern großer Katastrophenszenarien angelegt ist und diese nach Art des Hauses gleichzeitig persifliert. Erstmals standen die Simpsons-Macher damit vor der Herausforderung, eine über knapp 90 Minuten tragfähige Geschichte zu erzählen und nicht einfach drei Folgen aneinanderzuhängen - was ihnen einwandfrei gelingt.
Geplant war der Film schon langeDer Wunsch, einen Simpsons-Film zu drehen, habe schon lange im Raum gestanden, doch wie Matt Groening verlauten ließ, war das Team lange Zeit nicht groß genug, um gleichzeitig die fortlaufende Fernsehshow und ein Kinoprojekt umzusetzen. Erst mit der Etablierung einer zusätzlichen Autorenriege hatte eine Mannschaft von Simpsons-Veteranen den Rücken frei, über mehrere Jahre und kolportierte 100 Drehbuchfassungen hinweg daran zu arbeiten und ihre Geschöpfe leinwandtauglich zu machen.
Erklärte Absicht von Produzent Brooks dabei war, die Zuschauer so viel wie möglich zum Lachen zu bringen. Dass dieses Ziel erreicht wird, liegt an einem durchgängigen Bombardement mit perfekt sitzenden Pointen, Seitenhieben und Details, die natürlich umso mehr Spaß machen, wenn man mit den Eigenheiten ihrer Haupt- und Nebenfiguren und den Running Gags der Serie vertraut ist.
So schreibt beispielsweise Bart den etablierten „Tafelgag“ mit dem Satz „I must not download this movie“ fort und verweist so gleichzeitig auf die dem Film vorangegangene Geheimniskrämerei und Angst vor Internet-Piraterie. Wer bis zum Schluss sitzen bleibt, wird außerdem das - einzig folgerichtige - zweite Wort von Baby Maggie zu hören bekommen, deren erstes: „Daddy“ in der Serie 1992 immerhin von Elizabeth Taylor synchronisiert worden war.
Unter der Regie David Silvermans („Die Monster AG“) - seit 20 Jahren bei den „Simpsons“ - gelingt überdies eine Inszenierung, die dem Stil der Serie entspricht, aber mit einem gleichsam erweiterten Look auch im Breitwandformat funktioniert.
So setzten die Animatoren Farben und Schlagschatten ein, die im Fernsehen undenkbar gewesen wären, den Bildern hier jedoch eine größere Tiefe verleihen. Auch die Kameraperspektiven und -bewegungen - wie in Barts rasanter Skateboard-Sequenz, die köstlich mit dem klassischen Hollywood-Bildausschnitt spielt - haben eindeutig Kinoniveau.
Homers ketzerischer Eingangsfrage werden so innerhalb des Films schlagkräftige Argumente entgegengestellt. Ob dem ersten Kinoausflug der Simpsons damit ähnlicher Erfolg beschieden wird wie dem Debüt von Itchy und Scratchy bleibt abzuwarten. Diese Serienadaption in der Serie nämlich feierte in Folge Nr. 65 („Bart wird bestraft“) eine furiose Premiere und reizte auf Plotebene den ultimativen Traum jedes Filmemachers aus: So belegte „Itchy & Scratchy - The Movie“ (gleichzeitig der Originaltitel der US-Episode) in Springfield ganze 18 Monate lang das ansässige „Azteken-Kino“, heimste im fiktiven Paralleluniversum neun Oscars ein, wurde dort von Norman Mailer zum Bestseller verarbeitet und von der genialen Lisa Simpson als „Schlüsselereignis unserer Generation“ gelobt.
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