Von JÜRGEN KISTERS, 01.08.07, 21:39h
Dass diese Sehnsucht trotz zwischenzeitlicher Kritik am deutschen Heimatfilm, an Schrebergarten-Romantik und dem röhrenden Hirsch auf Wohnzimmergemälden in den letzten Jahren noch stärker geworden ist, steht allemal fest. So jedenfalls zeigt es uns eine Foto-Ausstellung in der Melanchthon-Akademie. Zehn Fotografen wurden im Rahmen eines Seminars in der evangelischen Bildungseinrichtung von der Künstlerin Andrea Theis zur Auseinandersetzung mit dem Thema angeleitet. Sie zeigen ihre Sicht vom „Idyll“ in Zeiten, in denen immer mehr Billigflieger den Himmel durchschneiden, Millionen Autos auf perfekt ausgebauten Asphalt-Schneisen mitten in der Landschaft die Motoren aufheulen lassen und immer mehr Flussufer mit gigantischen Baukomplexen aus Beton, Glas und Stahl die offene Sicht aufs Wasser versperren.
Die kritische Sicht kommt in den farbigen Aufnahmen ebenso zum Tragen wie die sehnsüchtige Suche der Fotografen, die letzten Orte des Idylls in der Großstadt aufzuspüren. Gunthard Staches Fotos vom „gebrochenen Idyll des Barmer Viertels“ in Deutz machen sichtbar, wie die moderne Stadtentwicklung Stadtzonen von historisch gewachsenen Idyllen neuen Bauprojekten opfert. Wo die alte, 1915 errichtete Siedlung über kleine Zeichen in Gestalt von baulichen Ornamenten oder altem Pflanzenbestand im Alltag zur relativen Idylle geworden war, sorgen Abbruch und radikale Neubaumaßnahmen zum Verlust von Idyllen. Andere Fotos, wie die von Birgit Havemann und Petra Krubeck, erfassen die kleinen und großen Orte, an denen Menschen in der Unruhe ihrer zerrissenen Lebenserfahrung für einen Moment ein Idyll der Besänftigung erleben: auf der Sitzbank unter Bäumen oder auf einer Düne am Meer, vor dem großen Fenster im Wohnzimmer mit Blick in den eigenen Garten. Vom Abendspaziergang im Wald bis zum Ausruhen im grünen Eckchen in einem Hinterhof kennt die Empfindung von Idylle viele Ausprägungen.
Es zeigt sich, dass ein Idyll keineswegs für alle Menschen das gleiche bedeutet. Das zeigen schließlich die Fotos vom legendären röhrenden Hirsch, der vor allem in der deutschen Nachkriegszeit nach dem Zeiten Weltkrieg zum Symbol für ein mit der Natur verbundenes Harmoniebedürfnis wurde. Zwei Jahrzehnte später war der gleiche Hirsch auf der Waldlichtung zum Symbol für Spießigkeit und Verlogenheit geworden. In Julia Schos Fotoserie erscheint das Gemälde des röhrenden Hirsches, abgelichtet in Telefonzellen und vor Supermarktregalen, dagegen nur noch als kurioser Gag. Somit steht fest: die Idealbilder und Fantasien, die mit dem Idyll verbunden sind, wechseln im Kulturlauf der Zeiten, während die zugrunde liegende Sehnsucht vermutlich die gleiche bleibt.
Melanchthon-Akademie, Kartäuserwall 24 b, Mo-Fr 10-21 Uhr, bis 28. September.
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