Von Tobias Kaufmann, 03.08.07, 22:52h, aktualisiert 31.08.08, 19:36h
Barino ist nicht als Moslem geboren. Er ist Sohn eines ägyptischen Kopten und einer deutschen Katholikin. Auf seiner Suche nach einem Glauben, der zu ihm passt, findet er als Teenager zum Islam. Was ihn mit seinen „Brüdern“ verbindet, ist die Überzeugung, ein „vollkommener Moslem“ werden zu wollen - keiner, der in die Moschee geht, aber trotzdem in einer Bank arbeitet. Barino vertieft sich in die Quellen, sucht Rat in den Sendungen saudi-arabischer Imame, die per Satellit oder übers Internet in Deutschland empfangbar sind. Kann er mit Christen und Juden befreundet bleiben? Solche Fragen bespricht er auch in der Abu-Bakr-Moschee in Köln-Zollstock, die als ein Treffpunkt der hiesigen Muslimbruderschaft gilt und zu einem Zentrum von Barinos Leben wird. „Wer auch nur einen Buchstaben aus dem Koran weglässt“, erklärt der junge Prediger Khalid, der Barino prägen wird, „der hört auf, ein Moslem zu sein.“
Der Film beginnt mit einem zweifelnden jungen Mann und endet mit einem, der sich sicher ist. „Darüber muss man nicht diskutieren“ ist sein Credo geworden. Unstrittig ist für ihn, dass die Scharia das einzige legitime Recht ist, dass der Koran Wort für Wort von Gott gegebene Wahrheit ist, dass Töten im Namen des Islam erlaubt ist.
Barino fühlt sich von dem Film korrekt widergegeben. Unzufrieden ist er damit, dass Cascais deutliche Aussagen zu Themen wie dem „Heiligen Krieg“ herausgeschnitten hat, um Barino zu schützen. Er selbst hält das für überflüssig, er hat keine Angst davor, ins Visier der Staatsanwaltschaft zu geraten. „Ich vertraue ganz auf Gott“, sagt er im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“. Mit offenen Worten möchte er die Muslime „aufwecken“, anstacheln, mehr zu tun, um dem Willen Allahs zu entsprechen. „Alles, was dem Islam zum Sieg verhilft, ist legitim. In der gegenwärtigen Gesellschaft sind Anschläge wie die Kofferbomben aber kontraproduktiv.“
Cascais möchte Menschen aufweckenAuch Cascais möchte Menschen aufwecken. Sie sollen nicht die Augen verschließen vor dem, was in deutschen Moscheen vor sich geht. Auch nicht aus Toleranz. Cascais ist nicht islamfeindlich. Er ist in Portugal geboren, spricht sechs Sprachen, hat sich über Jahre ebenso mit dem Leben von Migranten beschäftigt wie mit Rechtsextremismus. Dem Islamismus konnte er nicht ausweichen.
Cascais nähert sich dem Thema als geduldiger Reporter. Unangemeldet in Schuhen in eine Moschee zu stürmen und sich die Kamera kaputtmachen zu lassen, ist seine Sache nicht. Unzählige Stunden hat er in der Abu-Bakr-Moschee gesessen. Seine Gesprächspartner respektieren ihn. „Es ist ein Vorurteil, dass diese Menschen sich in Hinterhofmoscheen abschotten und nicht mit uns reden wollen“, sagt Cascais. „Sie sind sehr daran interessiert, sich zu erklären.“ So wie Barino.
Die Erklärungen junger Islamisten sind nichts, was man sich gerne ansieht. Aber nur, wer die Nahaufnahme an sich heranlässt, kann falsche Schlüsse vermeiden - wie jenen, dass es Wut über politische Entscheidungen ist, die Menschen wie Barino B. radikalisiert hat. „Sie wurden nicht unterdrückt oder angegriffen. Ihnen geht es nicht um den Irak oder Afghanistan“, sagt Cascais. „Sie haben einen theologischen Anspruch und religiöse Motive.“ Was verdeutlicht, wie sehr die jungen Radikalen eine theologische Herausforderung für die muslimische Gemeinschaft sind. Denn die Vertreter der großen Migrantenorganisationen haben Barino nichts zu sagen. „Für die ist der Islam eine rein kulturelle Angelegenheit“, sagt der 22-Jährige. „Die haben keine Quelle auch nur annähernd studiert.“
Cascais gibt zu, rat- und fassungslos zu sein angesichts der Entwicklung, die sein Film dokumentiert. Barino hat dieses Problem nicht. Er hat seine Antwort auf alle Fragen gefunden. Sie kommt, da ist er sicher, von Allah.
Koran im Kopf, WDR, Montag, 6. August, 22.45 Uhr
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