Von DETLEF SCHMALENBERG, 09.08.07, 20:34h
Schule verkehrt: Pennäler bewerten Lehrer, und gute Noten lösen Entsetzen aus. Wenn die Internetseite Spickmich.de ins Spiel kommt, prallen die Meinungen frontal aufeinander. Recht auf freie Meinungsäußerung, betonen die einen. Maßlose Frechheit, sagen die anderen.
Erstaunen mag es kaum, wenn Lehrer, die auf Spickmich mit Mangelhaft bewertet wurden, nach einer Interview-Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ nicht zurückrufen. Denn selbst der Kollege, der von seinen Schülern mit der Traumnote 1,3 bedacht und damit zur Nummer eins in der Stadt gewählt wurde, will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. - „Bester Lehrer, das ist doch Blödsinn“, sagt der Mann, den wir Herrn Müller nennen wollen. Mit sinnvoller Beurteilung habe das Ganze doch „überhaupt nichts zu tun“. Außer den Rubriken „beliebt“, „motiviert“, „menschlich“, „gelassen“, „guter Unterricht“ und „faire Noten“, in denen Müller jeweils mit sehr gut abgeschnitten hat, gibt es noch die Wertungskriterien „cool und witzig“ sowie „sexy“. „Das ist reiner Klamauk“, sagt der Mann, der an seinem Gymnasium Deutsch unterrichtet.
Unter dem Punkt „leichte Prüfungen“ wurde er mit 1,4 bewertet. „Da könnte man ja denken, bei mir bekommt man alles geschenkt“, schimpft Müller. Die Benotung sei sicher „gut gemeint gewesen“. „Von Schülern, die mich eben mögen.“ Aber es gebe „bestimmt auch einige, denen das anders geht, die beispielsweise bei mir durchs Abitur gerasselt sind“, sagt Müller. „Doch die haben offensichtlich nicht mit abgestimmt.“ Andernfalls wäre es „doch ein Leichtes gewesen, mich schlecht zu bewerten und damit öffentlich abzuwatschen“.
Der Spieß wird umgedrehtDie Zeiten, in denen Lehrer allenfalls in der Abiturzeitung mal von Schülern ein Zeugnis erhielten, sind schon lange vorbei. Noten für die Notengeber: Der Spieß wird einfach umgekehrt. Seit März 2007 steht Spickmich im Netz - mit ständig wachsender Beliebtheit. Über 200 000 User haben mittlerweile knapp 150 000 Lehrer bewertet. Zumeist mit Wohlwollen: Die Durchschnittsnote beträgt 2,7, zwei Drittel der Lehrer haben „sehr gut“ oder „gut“ auf dem Zeugnis, lediglich 4,9 Prozent eine Fünf vor dem Komma.
Prominentes Vorbild für die Seite ist das Internetportal MeinProf.de, auf dem Studenten ihre Professoren bewerten können. Hier gab es schon reichlich Ärger. Immer wieder müssen sich die Betreiber gegen Dozenten, Rektoren und Datenschützer verteidigen. Zuletzt zog ein Marketing-Professor der Brandenburgischen Fachhochschule vor Gericht. In einem Forum der Website war er als „Psychopath“ und „echt das Letzte“ beschimpft worden. Die Betreiber löschten die Einträge sofort, als sie davon erfuhren. Aber der Anwalt des Professors forderte trotzdem eine sogenannte strafbewehrte Unterlassungserklärung. „Wir sollten 3000 Euro zahlen, wenn noch einmal etwas Vergleichbares auf unserer Seite steht, und die Anwaltskosten übernehmen“, so einer der fünf Gründer der Website.
In erster Instanz entschied das Amtsgericht Tiergarten zugunsten des Wissenschaftlers, das Landgericht Berlin wies die Forderung in zweiter Instanz jedoch zurück. Hochschuldozenten müssten sich der öffentliche Kritik stellen, hieß es. Eine „pauschale Unterlassungserklärung“, um kritische Kommentare zu verhindern, sei unverhältnismäßig. Abgesehen davon, dass die vom Professor beanstandeten Kommentare noch nicht die „Grenze zur unzulässigen Schmähkritik“ überschreiten würden, könne den Betreibern grundsätzlich auch keine „Vorab-Prüfungspflicht aller Einträge anheimfallen“, meinten die Richter. Dies bedeutet, die Seite muss nicht ständig überwacht werden, um kritische Beiträge sofort zu löschen.
Betreiber haben viel GegenwindEin Urteil, das für Spickmich interessant sein dürfte. Denn auch die Betreiber der Schüler-Homepage, drei Kölner BWL-Studenten, haben mit reichlich Gegenwind zu kämpfen. An vorderster Front streitet der Deutsche Philologenverband (DPhV). Dessen Vertreter beklagen „zunehmende Diffamierung“ des Berufsstandes, eine „öffentliche Beschämung und medienwirksame Knalleffekte“. „Lehrer sind kein digitales Freiwild“, mahnt der DPhV-Bundesvorsitzende Peter Meidinger. Es gebe Beispiele, „wo sich ganze Klassen absprechen, um bestimmte Lehrer fertigzumachen“. Die „Zurschaustellung im Internet“ vergifte nur das Klima an den Schulen und trage nichts dazu bei, den Unterricht zu verbessern.
Am städtischen Gymnasium Köln-Porz wandte sich der Rektor morgens während der dritten Unterrichtsstunde sogar in einer Lautsprecher-Durchsage an die Schüler: „Aus gegebenem Anlass muss ich darauf hinweisen, dass Eintragungen auf dieser Seite das Lehrer-Schüler-Verhältnis erheblich belasten und sowohl disziplinarische wie auch strafrechtliche Konsequenzen haben können.“ In einem Rundschreiben vom März 2007 an alle Eltern hieß es: „Viele Schüler neigen dazu, diese Seite als Spaßseite misszuverstehen.“ Oft würden Kommentare beigefügt, „die möglicherweise den Tatbestand der Beleidigung erfüllen“. Man müsse die Kinder vor „unüberlegtem Umgang“ mit dem Internet „schützen“.
Eine Kollegin sei damals auf der Website „mit dem Hinweis auf körperliche Gegebenheiten aufs Übelste verunglimpft worden“, so ein Schulsprecher. Man habe den Kreis der Verdächtigen zwar eingrenzen, die Angelegenheit aber nie „abschließend aufklären“ können. „Die Kollegin hat es schließlich auf sich beruhen lassen.“
Entgleisungen nur während der AnfangsphaseEntgleisungen wie diese seien, wenn überhaupt, nur in der Anfangsphase möglich gewesen, betont Spickmich-Sprecher Bernd Dicks. Kommentare oder Lehrerzitate könnten heute nicht mehr unbemerkt auf die Noten-Seite gelangen, sondern müssten vorher von einem der Betreiber freigeschaltet werden.
Das Landgericht Köln jedenfalls verpasste den Kritikern der Homepage einen deutlichen Dämpfer. Nachdem eine Gymnasiallehrerin aus Moers, die mit 4,3 benotet worden war, eine einstweilige Verfügung gegen ihren Spickmich-Eintrag erwirkt hatte, hob das Gericht die Verfügung wieder auf. Die Veröffentlichung des Notenprofils sei durch das im Grundgesetz verbürgte Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt, heißt es im Urteil. „Im Bereich der Berufsausübung muss sich jeder der Kritik stellen“, meinte die Vorsitzende Richterin Margarete Reske. Dies fange beim „Flurfunk“ an und reiche heutzutage nun einmal bis ins Internet.
Vor Gericht unterlegen, versucht es der Pädagogen-Widerstand jetzt mit Raffinesse. Michael Rahte, ein Kunstlehrer aus Hemmingen bei Hannover, und drei Verbündete legten sich insgesamt 97 E-Mail-Adressen mit Fantasienamen zu. Mit diesen „Tarnadressen“ wurden die Kollegen der eigenen Schule in die Top-Ten der bundesweiten Lehrerliste gewählt. Drei Tage dauerte das. Als die gesamte Liste erobert war, wurde der Gag schon nach drei Stunden von den Spickmich-Betreibern entdeckt und die Lehrer von der Homepage genommen. Er würde die Geschichte jetzt „ein bisschen sacken“ lassen, um dann „mit neuen Ideen“ heimlich wieder zum Angriff zu blasen, sagt Rahte: „Wir haben das Ganze gestartet, um die Sache ad absurdum zu führen. Vielleicht gründen wir eine fiktive Schule und voten das Phantomkollegium dann ganz nach vorn.“
Blick fest nach vornBei Spickmich jedoch ist der Blick fest nach vorne gerichtet. In den nächsten Tagen würden neue Bewertungskategorien zur Abstimmung ins Netz gestellt werden, so Sprecher Dicks. Falls die Schüler mehrheitlich dafür sind, gibt es weitere Noten im Lehrerzeugnis: Sind sie im Unterricht gut vorbereitet? Sind sie fit in ihrem Fach oder haben sie bei differenzierten Nachfragen keinen Plan? Helfen die Hausaufgaben beim Verständnis des Unterrichtsstoffs?
Auch die neuen Kriterien werden im Pädagogenkreis wohl nicht für Feierstimmung sorgen. Gegen eine „Rückmeldung für Lehrer“ sei natürlich nichts einzuwenden, betont der Philologen-Vorsitzende Meininger. „Aber bitte doch durch schulinterne, differenzierte Befragungen.“ Der Kölner Lehrer-Primus Müller fragt seine Schüler sogar vierteljährig, was sie unter gutem Unterricht verstehen. „Ich schreibe ständig Kommentare und Noten unter deren Arbeiten, das müssen die schlucken“, sagt er. „Aber dann muss ich eben ab und zu auch mal akzeptieren, dass ich eventuell kritisiert werde.“
Schließlich könnten die Schüler nur lernen, wenn „ich als Vermittler des Stoffes auch funktioniere“, sagt Müller. Schon als Jugendlicher hätten ihn zynische Lehrer genervt, die keinen Respekt vor ihren Schülern haben. „Ich habe gedacht, das muss man besser machen. Auch deshalb habe ich meinen Beruf gewählt.“
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22. April 2012,
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