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„Wir sind nicht die Besitzer des Wassers“

Erstellt 17.08.07, 00:00h

Die Entwicklungsexpertin Danuta Sacher kritisiert das Vorgehen internationaler Wasser-Konzerne.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: In Stockholm wird diskutiert, wie Milliarden Menschen in Entwicklungsländern Zugang zu sauberem Trinkwasser erhalten können. Welche Rolle spielen internationale Getränke-Konzerne dabei?

DANUTA SACHER: Diese Konzerne sind zugleich Sponsoren der Weltwasserwoche. Das beobachten wir mit Sorge. Denn es gibt seit den 90er Jahren einen Richtungsstreit in der internationalen Politik. Die Frage ist: Soll man Wasser vor allem als Wirtschaftsgut betrachten und vermarkten? Hinter dieser Position finden wir die großen Wasserkonzerne. Oder soll man den Zugang zu Wasser als Menschenrecht auffassen? Diese Position vertreten soziale Bewegungen, die Vereinten Nationen und auch viele Kirchen.

Können Sie an einem Beispiel erläutern, wie ein Wasserkonzern Süßwasser-Vorkommen in einem Entwicklungsland ausbeutet und was das für Folgen hat?

SACHER: Im südindischen Plachimada hatte der Coca-Cola-Konzern Land erworben. Laut indischem Recht kann ein Landbesitzer so viel Wasser fördern, wie er will. Coca-Cola errichtete eine Abfüllanlage für sein McKinley-Tafelwasser und pumpte massiv Grundwasser ab. Bereits nach zehn Monaten war der Grundwasserspiegel dort so stark gesunken, dass die Bauern nicht mehr genügend Wasser hatten, um ihre Felder zu bewässern. Die Kokosnüsse, dort ein wichtiges Handelsgut, wuchsen wegen des Wassermangels nur noch klein heran.

Wie reagierte Coca-Cola?

SACHER: Coca-Cola machte zunächst weiter Schönwetterpolitik und gab den Bauern Schlämme, die bei der Tafelwasser-Förderung anfielen, als kostenlosen Dünger für ihre Felder. Dann stellte sich heraus, dass dieser Düngeschlamm mit Blei und Cadmium verseucht war. Die Landbevölkerung klagte gegen Coca-Cola. Das oberste Gericht des indischen Bundesstaates Kerala urteilte dann schließlich, dass das Recht des Landbesitzers auf Wasserförderung nicht höher steht als das Menschenrecht auf Wasser. Die Abfüllanlage ist inzwischen geschlossen, aber die grundsätzliche Politik des Konzerns hat sich nicht geändert.

Ist das Coca-Cola allein?

SACHER: Nein. Das ist ein prototypisches Verhalten. Es gibt Beispiele für Nestlé in Brasilien oder Pepsi-Cola im mexikanischen Chiapas. Das Vorgehen ist auch nicht begrenzt auf Entwicklungs- oder Schwellenländer. In Großbritannien füllte Coca-Cola für ein Tafelwasser schlicht Leitungswasser ab.

Internationale Konzerne drängen auch in die Trinkwasser-Versorgung von Millionenstädten.

SACHER: Ja, und überall, wo die öffentliche Wasserversorgung privatisiert wurde, wie in Djakarta, Manila oder Buenos Aires, sind die Preise schnell, und teils entgegen vereinbarten Fristen, gestiegen.

Was ist Ihr Lösungsvorschlag?

SACHER: Wir sagen: Wasserversorgung muss man lokal organisieren. Dann müssen die Bürger auch nur die Pflege der Infrastruktur, also der Wasserleitungen, Brunnen, Filteranlagen, und die Betriebskosten über den Preis bezahlen und nicht auch noch die Rendite des Besitzers von Aktien der Wasserkonzerne.

Was tut „Menschenrecht Wasser“, um das Bewusstsein für Wasser als einzigartiges Gut zu fördern?

SACHER: Wir haben uns von 2003 bis 2006 mit einer Kampagne für das Menschenrecht auf Wasser eingesetzt. Diese Kampagne ist von der Synode der evangelischen Kirche in Deutschland unterstützt worden. Als Folge wurde das Ökumenische Wassernetzwerk gegründet, dem alle internationalen Kirchenbünde angehören. In Uruguay hat die Arbeit eines Projektpartners dazu beigetragen, dass das Menschenrecht auf Wasser in der Verfassung verankert wurde. Auch in Bolivien und Südafrika steht es in der Verfassung.

Angesichts der Methoden der Wasserkonzerne - sehen Sie einen Wirtschaftskrieg ums Wasser?

SACHER: So weit würde ich nicht gehen. Aber das Konfliktpotenzial ist eine große Bedrohung, die über uns allen hängt. Wenn wir weiter Wasser verschwenden, sägen wir den Ast ab, auf dem wir sitzen. Es ist deshalb wichtig, die Idee von Wasser als Menschenrecht zu befördern. Wir sind nicht seine Besitzer, nur seine Treuhänder. Denn das Wasser, was wir heute verwenden, benötigen morgen unsere Kinder und Enkel.

Das Gespräch führte Peter Seidel



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