Von THORSTEN MOECK UND ARTON KRASNIQI, 17.08.07, 21:08h
Die Spurenlage nach einsamen und unentdeckten Todesfällen ist meist eindeutig. Im Treppenhaus quillt der Briefkasten über, die Blumen auf Balkon und Fensterbrett sind vertrocknet. Oft ereignen sich solche Dramen in großen Mehrfamilienhäusern, deren Bewohner so sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt sind, dass sie kein Gespür für solche subtilen Veränderungen haben. Beim Tod von Wilfried T. (56) war vieles anders. Sein Briefkasten war leer. Seine Mutter lebte ein Stockwerk unter ihm. Das Treppenhaus ist sauber, die Nachbarn freundlich. Trotzdem hat die Polizei Wilfried T. am Mittwochabend in seiner Wohnung entdeckt: völlig abgemagert, fast verhungert. Auch die Ärzte im Krankenhaus konnten ihm nicht mehr helfen. Er starb an multiplem Organversagen.
Es gibt eine ganze Reihe Fragen, auf die T.s Nachbarn keine Antwort finden. Vier Wochen lang soll der 56-Jährige in seiner Wohnung verbracht haben, ohne etwas gegessen zu haben. „Was da in den letzten Tagen abgelaufen ist, kann ich mir nicht erklären. Früher hat seine Mutter für ihn gekocht“, erzählt eine Nachbarin. Inzwischen benötigt die Mutter (80) selbst Hilfe und verlässt das Haus nur noch selten. Dass sie ihren Sohn wochenlang nicht gesehen hat, offenbart sich jedoch erst, als sie selbst Opfer eines Unglücks wird. Am vorvergangenen Freitag stürzt sie im Badezimmer und kann sich nicht mehr auf die Beine helfen.
Schleichender ProzessErst fünf Tage später hört eine Nachbarin ihre Hilferufe und verständigt die Polizei. Als die Beamten die Tür eintreten und einen Arzt rufen, berichtet Barbara T. von den Sorgen um ihren Sohn. Zu diesem Zeitpunkt kann Wilfried T. schon niemand mehr helfen.
Es ist offenbar ein schleichender Prozess, der Wilfried T. ins soziale Abseits treibt. Einen Job habe er nicht gehabt, berichtet eine Hausbewohnerin, zuletzt habe sie ihn nur noch selten gesehen. Den Mann sollen Schmerzen in der Wirbelsäule geplagt haben. Er sei groß gewachsen gewesen und habe fast schon hager gewirkt. Ein Nachbar habe kürzlich aus Sorge die Stadt um Hilfe gebeten. „Er hat das Sozialamt angeschrieben und auf den Zustand des Mannes aufmerksam gemacht. Eine Antwort habe er aber noch nicht erhalten“, erzählt eine Hausbewohnerin. Auch die Mutter habe den Kontakt zur Hausgemeinschaft nach und nach reduziert. „Anfangs sind wir gemeinsam spazieren gegangen. Zuletzt war die Frau sehr reserviert und teilweise ungehalten.“ Ihr Gesundheitszustand habe sie zu einem Leben in den eigenen vier Wänden gezwungen.
Der Fall ist bei der Polizei unter der Rubrik „Sozialdrama“ zu den Akten gelegt worden. Ermittlungen zieht der Tod von Wilfried T. nicht nach sich. Die Stadt hat ihre Datenbanken durchforstet und festgestellt, dass Mutter und Sohn „in keinerlei städtischem Hilfssystem registriert sind“, so ein Stadtsprecher. Immer wieder muss die Polizei in Köln Wohnungstüren öffnen, hinter denen verweste Leichen liegen. „In Großstädten ist das leider immer häufiger zu beobachten“, sagt ein Polizeisprecher. Der Tod des Wilfried T. reiht sich ein in die tragischen Fälle. Nur auf eine Feststellung legen die Nachbarn wert: „Wir sind keine gleichgültige Hausgemeinschaft.“
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