Von ANJA MUSICK, 20.08.07, 07:13h
Jetzt erstmal ein „German Bier“. Neben ihm sitzt seine deutsche Freundin, eine Redakteurin aus dem Frankenland. Bei einem Telefoninterview hätten sie sich kennen gelernt, erzählt sie. Auf dem Schoß wiegt sie die gemeinsame, neun Monate alte Tochter Christine. Das Baby, das das Konzert verschlafen hat, patscht nun munter in Papas Gesicht herum, findet seine Nase, gluckst zufrieden. „Daddy's Nose“, sagt der Sänger der englischen Kultband „Barclay James Harvest“ lächelnd.
Der Weltstar, der 1966 die Gruppe mit gründete, wirkt äußerst sympathisch, beantwortet geduldig alle Fragen. Ja, er mag das deutsche Publikum. „It's very loyal“, so treu. Nein, es sei gefühlsmäßig kein großer Unterschied, vor 175 000 Zuschauern zu spielen, wie bei dem legendären Konzert 1980 in Berlin, oder nun vor 1000 Menschen in Zons. Er gebe immer alles.
Die Menschen dankten es ihm. Es war ein großes Fest, das sie gemeinsam feierten. Fasziniert und zufrieden stand Veranstalter Jorgos Flamboraris von der Dormagener City-Buchhandlung vor der Bühne. „Barclay James Harvest ist eine der spektakulärsten Nummern in der über 70-jährigen Geschichte der Zonser Freilichtbühne“, hatte er zuvor mitgeteilt. „Ja, und das stimmt wirklich“, wird er gedacht haben.
Neue FormationSeit 1998 die Gründungsmitglieder John Lees und Woolly Wolstenholme eigene Projekte verfolgen, und 2004 Drummer Mel Pritchard an einem Herzinfarkt starb, tourt Les Holroyd mit einer neuen Formation durch Europa. Doch der unverwechselbare „BJH-Sound“ hat dank seiner hellen und markanten Stimme, die irgendwo zwischen Barry Gibb und Neil Young angesiedelt ist, überlebt. In Zons spielte die oft als Softrock-Band gehandelte Combo Hits wie „Mocking Bird“, „Berlin“, „Wings of Love“ und „Play to the World“.
Richtig fit war Holroyd nicht. Er habe „Halsprobleme“, hieß es. Es hörte sich dennoch gut an. Vielleicht nicht so dynamisch, nicht so jung wie vor 30 Jahren. Er ist ja auch älter geworden. Optisch hat er mit dem schmalen Kerl, der auf dem Plattencover von „Early Morning Onwards“ von 1972 zu sehen ist, nicht mehr viel gemeinsam. Aber an vielen Fans ist die Zeit ja auch nicht spurlos vorbei gegangen. Doch das hielt die Zuschauer nicht davon ab, sich so zu verhalten, wie man das eben bei Rockkonzerten macht: selbstvergessen feiern, mit Feuerzeugen und Wunderkerzen winken, glücklich sein.
Als die Band, darunter etwa Michael Byron-Hehir (Gitarre), Jan Wilson (Gitarre), Colin Browne (Keyboards) und Steve Butler (Percussion), den fröhlich melodischen Welthit „Life is for Living“ anstimmte, gab es kein Halten mehr: Die Menschen standen auf, sangen mit, forderten eine Zugabe. „Hymn“ wurde gespielt. „Valley's deep and the mountains so high“, tönte es aus 1000 Kehlen.
„Die sind immer anders, und trotzdem bleiben sie sich treu“, schwärmte Guido Meyer aus Bielefeld, der schon bei mehreren Konzerten dabei war. Vor 30 Jahren seien sie schon Fans gewesen, erzählte ein Paar um die 50. „Wären wir jetzt 20, würden wir uns an den Rhein setzen, Wein aus Pappbechern trinken und auf den Morgen warten.“ Und heute? Ein kurzer, fragender Blick. Dann Kopfschütteln. „Nein, jetzt geht es nach Hause.“
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