Von ALEXANDER WISCHNEWSKI, 29.08.07, 15:23h, aktualisiert 29.08.07, 15:25h
Arturo da Silva Pereira wartet am Flughafen von Rio auf seinen verspäteten Flug nach Lissabon, liest gelangweilt Zeitung: Ehemalige Kaffeeplantage in der Nähe von Vassouras, etwa 180 Kilometer westlich von Rio de Janeiro, im Bundesstaat Rio, zu verkaufen. Der Portugiese hat „die“ Idee. Aus dieser alten Fazenda „Santo Antônio“, inmitten einer prallen Vegetation, die einst die sogenannten Kaffeebarone reich machte, könnte ein Hotel werden. Pereira kauft sofort, unbesehen. Mehr als 350 Hektar tropisches Gelände, dazu das Gutshaus mit Nebengebäuden, zusammen für 425 000 US-Dollar. Das war Ende 1995. „Verrückt“, sagt er.
Drei Stunden Autofahrt von Rio entfernt, nahe der Stadt Vassouras, die im 19. Jahrhundert einer der wichtigsten Kaffeehandelsplätze Brasiliens war, beginnen auf sandiger Piste die letzten 15 Kilometer zur Fazenda „Santo Antônio“, Schlaglöcher, ein Härtetest für jedes Fahrwerk. Man muss höllisch aufpassen, sonst riskiert man schmerzhaften Kopfkontakt mit dem Autodach. Besser ab und zu anhalten und den atemberaubenden Anblick der sattgrünen Landschaft genießen. Sie wird vom Rio Paraíba, dem zweitwichtigsten Strom Brasiliens, durchzogen. Es geht vorbei an Hütten und Häuschen, die sich hinter Büschen und Bäumen verstecken. Man sieht mehr Satellitenschüsseln als Menschen und muss schon mal einen dösenden Hund anhupen, damit der nicht unter die Räder kommt.
Anno 1865 hatte ein Commander Pinheiro auf der Fazenda „Santo Antônio“ mit 18 Sklaven den Kaffeeanbau begonnen. Das Haupthaus wurde komfortabel mit Luxusgegenständen aus Europa eingerichtet. Heute ist das Gutshaus der Fazenda originalgetreu und komplett renoviert. Sechs zauberhafte Gästezimmer, Speisesaal und Salons sind mit Antiquitäten möbliert und wurden nur durch elektrischen Strom und diskret verlegte Leitungen sowie neue Bäder modernisiert. Ein voll eingerichtetes Appartement befindet sich zudem im ehemaligen Sklavenhaus, der „senzala“. Umsäumt wird das Haupthaus von fast 40 Meter hohen schlanken Kaiserpalmen. Nur wer beim Kaiserhof die entsprechende Reputation hatte, der durfte die schlanken Bäume pflanzen. Als Kaffee in den aufstrebenden Metropolen Europas und Amerikas zum Modegetränk wurde, begann hier Brasiliens Kaffeeboom. Klima und Boden begünstigten das Wachstum der Pflanzen. Sklaven aus Westafrika waren billige Arbeitskräfte für die Ernte im überaus steilen Gelände.
Es dauerte nicht lange, da hatte auch Arturo Pereira einige Kaffeesträucher kultiviert. Als Bio-Souvenir für die Gäste und für den täglichen Eigenbedarf. „Grünes Gold“ nannte man den Kaffee früher, auch wenn die Beeren meist rot bis gelb sind bei der Ernte, je nach Sorte. Satt- grün glänzen die Blätter der Sträucher, die botanisch korrekt Bäume heißen, und die auch als Kulisse dienen, wenn junge Leute aus dem Dorf für Touristen in der Kleidung von damals als Baron und Baronesse auftreten. Die blässlichen Bohnen der eigenen Ernte röstet Arturos Köchin Santana in einem Topf auf dem Herd mit ein wenig Zucker so lange, bis er die kaffeebraune Farne hat.
Fünfzehn Fazendas haben sich in dieser Gegend auf Touristen eingestellt und neues Leben auf die alten Güter gebracht. Auf den Hügeln, die die Fazenda „Taquara“ in Barra do Piraí umgeben, wird wieder Kaffee angebaut. Und Besucher können dort auch mal selbst mit dem hölzernen Schieber die Bohnen zum Darren in der Sonne hin- und herschieben.
Die Fazenda „Cachoeira Grande“ - „Großer Wasserfall“ - ist vielleicht das imposanteste Anwesen der Region. Siebzig Meter in der Länge misst die „sala“, durch Flügeltüren in prachtvoll eingerichtete Salons aufgeteilt. Dort herrschte am 18. 9. 1884 garantiert Feststimmung. An jenem Tag besuchte Isabel, die Tochter des Kaisers von Brasilien, den Kaffeebaron. Doch auch seine opulente Bewirtung konnte nicht verhindern, dass die Prinzessin den Niedergang des Kaffeeanbaus auf den Hügeln auslöste. 1888 nutzte Isabel einen Europaaufenthalt ihres Vaters aus und beendete per Gesetz die Sklaverei. Die billigsten Arbeitskräfte, die die Sträucher in dem bergigen Gelände abernteten, wurden knapp, viele der Betriebe unrentabel. Der Anbau von Kaffee verlagerte sich in die Ebenen der Bundesstaaten São Paulo, Minas Gérais und Rio de Janeiro.
Beeindruckende Zeugnisse aus der Glanzzeit des Kaffeeanbaus liefert das „Museu Casa da Hera“ in Vassouras. Und es erzählt Geschichten. Wie die der Kaffeebaronesse Eufrasia Teixeria Leite, die beim New Yorker Börsencrash Unsummen verlor. Der karge Rest ihres Vermögens aus dem Kaffeeanbau, den sie noch in ihrer Privatschatulle hatte, reichte aus, um eine Schule und eine Bibliothek für die Bevölkerung zu stiften. Die Menschen hier verehren sie noch heute.
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