Von PAUL KREINER, 02.09.07, 21:28h, aktualisiert 03.09.07, 07:31h
San Luca - Wenn es Nacht wird in Polsi bei San Luca, geht das Fest erst richtig los. Dann drängen sich einige Tausend Leute auf dem engen Platz um Kirche und Kloster. Auf brüchigen Mauern und bröckelnden Balkonen stehen sie dicht an dicht, im Licht der Scheinwerfer sehen ihre Reihen aus wie Blumenkästen in voller Blüte. Sie tragen Kerzen und Fackeln, ihre Marienlieder im kalabrischen Dialekt verschmelzen zu einem einzigen großen Chor - und wenn dann endlich die „Madonna di la Muntagna“ aus der Kirche getragen wird, das steinerne, wundertätige, eher rustikale Gnadenbild, dann bricht Applaus auf wie im Stadion. Dann ziehen Männer vor ihr her mit Ziehharmonikas und Tamburinen. Sie spielen Tarantella für die Jungfrau Maria, so wie sie es seit Hunderten von Jahren tun.
Zur „Madonna vom Berge“ pilgert ganz Kalabrien, jedes Jahr am 2. September, manche zu Fuß und barfuß zwölf Stunden lang - auch wenn das raue Heiligtum von Polsi ganz hinten in seinem spaltähnlich engen, steilen Tal liegt. Von San Luca aus, dem Hauptort, führen nur zwei staubige, buckelige, steinige, 30 Kilometer lange Waldpisten ins Herz des Aspromonte-Gebirges; die Stoßdämpfer normaler Autos geben schon gleich zu Anfang auf, im Kiesbett des derzeit ausgetrockneten Flusses - und eigentlich ist die Straße wegen Steinschlags offiziell sowieso gesperrt.
„So viele Menschen haben mich angerufen, ob sie überhaupt kommen können dieses Jahr, nach all dem, was die Zeitungen über Duisburg und San Luca und die 'Ndrangheta geschrieben haben“, sagt Pino Strangio. Der quirlige, stämmige Priester managt seit neun Jahren die Wallfahrt nach Polsi. Ein verschwitztes T-Shirt von Nike trägt er und eine ebenso dunkelblaue Trainingshose; nur wenn der Bischof kommt, wirft er sich schnell eine helle Kutte über. Keine Spur mehr von dem, was er beim Begräbnis der Duisburger Mafia-Opfer gesagt hat: „In San Luca lebt man nicht mehr. Es ist ein Leben von Toten.“ Nein, versichert Don Pino jetzt, das Fest von Polsi sei nach all diesen Ereignissen „nur stärker, nur intensiver, nur dichter“. Die Leute seien zwar „mit zitterndem Herzen gekommen“, aber „sie fühlen sich befreiter“.
„Weißt du“, fragt Don Pino, „wie wir unsere nächtliche Marienprozession beenden? Wir lassen die Madonna von Polsi zu einem Gipfel hinaufschauen, in dem früher die Grotte einer Sibylle war, einer heidnischen, einer zauberischen, einer bösen Macht. So müssen wir es in allen Bereichen machen: Wir müssen dem Bösen das Gute entgegensetzen. Nur so bekämpfen wir es.“
Die Wallfahrt nach Polsi galt früher nicht nur als religiös gebotener Dankes-, Bitt- oder Bußgang zur Jungfrau Maria, sondern auch als Treffpunkt der 'Ndrangheta. Die Bosse, so heißt es, hätten dort ihre Konten gegenseitig abgeglichen. Zahlreiche fromme Bildchen mit der Madonna von Polsi sind auch im Hinterzimmer von „Da Bruno“ gefunden worden, jener Duisburger Pizzeria, die sich nach dem Massaker vom 15. August endgültig als eine Zelle der kalabrischen Mafia herausgestellt hat.
Aber wie passt glühende Marienverehrung zusammen mit Rachegelüsten und Mordplänen? Mit dem „normalen“ Geschäft der 'Ndrangheta wie Waffen- und Drogenhandel? Na ja, meint Don Pino zuerst, das sei „ein Volksglaube“, wohl eine Art Magie: „Die Leute fühlen sich mit den Heiligenbildchen einfach geschützter.“ Aber dann gibt er zu, dass diese Verwendung frommer Symbole durchaus „im Widerspruch zum Glauben“ stehe: „Für uns ist das absurd.“ Und dann das bittere Bekenntnis eines Pfarrers, der aus San Luca stammt und seit 27 Jahren jeden Sonntag dort das Evangelium predigt: „Es gibt hier eine Union zwischen Verbrechen und Glaube.“
Zur Madonna di Polsi sind dieses Jahr deutlich weniger Menschen gepilgert als üblich. Vor allem aber fehlen die Frauen aus San Luca. Gut, einige sind da, die alten in ihren traditionell schwarzen, knielangen Röcken; die Haare zu einem Zopf geflochten und diesen als Reif um den Kopf gebunden. Einige sind mit dem zweiten Geistlichen - einem Inder, denn Italiener reißen sich nicht um einen Posten in San Luca - zu Fuß heraufgekommen, in einer „Prozession für Frieden und Versöhnung“. Aber nach der großen Polizeiaktion, der Verhaftung von 32 „Sanluchesi“ am vergangenen Donnerstag, sind weniger da als üblich, und ihr Fehlen fällt auf. Dabei, sagt Don Pino, käme es „so stark“ auf die Frauen an. Sie gelten als das „Gedächtnis“ der 'Ndrangheta; sie hüten die Geheimnisse der Mafia, sie decken ihre Männer.
San Luca selbst sieht in diesen Tagen aus wie immer: ein graues, gesichtsloses Bergdorf, zwischen müllübersäten Hängen, rings umgeben von Betonskeletten angefangener, aber nie vollendeter Schwarzbauten. Viele Verkehrsschilder sind durchlöchert von Schüssen, auch die Abfallcontainer dienen offenbar als Übungsziele. Am Brunnen vor der Bar „Le Delizie“ zapfen die Bewohner ihr Trinkwasser in Kanister und Flaschen. Gelangweilte junge Männer fahren stundenlang im Kreis umher mit ihren Mopeds . „Wir kommen“, sagt der Metzger, der gerade seine Lammhälften und seine Würste für den Pilgerverpflegung in Polsi verlädt, „aus extremer Armut. ,»O briganti o migranti« hat man uns Kalabrier früher genannt: »Entweder Räuber oder Auswanderer«.“ Den Reichtum der 'Ndrangheta indes, der wahrscheinlich bestverdienenden Mafia der Welt, den sieht man in San Luca nirgendwo.
Die Händler aus San Luca, die ihre Stände unter der Wallfahrtskirche von Polsi aufgeschlagen haben, versichern, im Dorf sei alles wie immer. „Wenn es Zwist gibt, dann sieht man ihn nicht“, sagt der Metzger. Ein anderer gibt zu, „ein bisschen Schrecken“ habe sich durchaus verbreitet. Andere meinen, was denn, bitteschön, solle sich durch Duisburg oder die Verhaftungen ändern? „Absolut nichts, wir bleiben locker, wir leben ganz ruhig weiter.“
Es sind etwa 30 Bürgermeister aus der Region, die am Mittag vor der großen Wallfahrt in Polsi ein bitteres Fazit ziehen. „Was in Duisburg passiert ist“, sagt einer unter dem drückenden Schweigen seiner Kollegen, „das war für Deutschland ein Blutbad. Für uns ist es tägliche Normalität. Und bei uns gibt es keinen, der am Tatort ein Schild mit der Frage »Warum?« aufstellt.“ Die Bürgermeister haben sich um Bischof Giancarlo Bregantini versammelt, der in Kalabrien als Speerspitze im Kampf gegen die 'Ndrangheta gilt. „Wenn wir den nicht hätten“, sagt ein führender kalabrischer Industrieller: „Der Staat fehlt ja überall, der will sich mit der 'Ndrangheta in Wahrheit gar nicht beschäftigen. Nur jetzt, nach Duisburg, da haben sie zwei nagelneue Polizeiautos nach San Luca geschickt, aber eigens fürs Fernsehen.“
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