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„Den Elternwillen ernster nehmen“

Erstellt 31.08.07, 10:34h

Das geplante Kinderbildungsgesetz der Landesregierung hat eine heftige Debatte ausgelöst. In unserem Streitgespräch diskutiert NRW-Familienminister Laschet mit der Dortmunder Erzieherin Kathrin Giesbert.

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Hitziges Gefecht: Die bei Verdi engagierte Erzieherin Kathrin Giesbert und NRW-Familienminister Armin Laschet von der CDU.
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Hitziges Gefecht: Die bei Verdi engagierte Erzieherin Kathrin Giesbert und NRW-Familienminister Armin Laschet von der CDU.
DIE GESPRÄCHSPARTNER:

Kathrin Giesbert ist Leiterin einer städtischen Kindertageseinrichtung in Dortmund, in der 85 Kinder betreut werden. Die Erzieherin ist seit 20 Jahren im Beruf und engagiert sich auch in der Gewerkschaft Verdi.

Armin Laschet ist Minister für Generationen, Familien, Frauen und Integration im Düsseldorfer Landeskabinett. Der CDU-Politiker und dreifache Vater aus Aachen war zuvor Mitglied des Europaparlamentes und des Bundestages. (gmw)

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Erzieherinnen und Erzieher wollen am 6. September aus Protest gegen das Kinderbildungsgesetz Kindergärten schließen. Ihr Vorwurf?

KATHRIN GIESBERT: Das Gesetz legt mit Pauschalen die Zahl von Fachkraftstunden fest. Eine Steigerung von Qualität wird es nicht geben, sondern einen Abbau.

Was heißt das konkret?

GIESBERT: Durch die neuen Pauschalen werden wir in unserer Einrichtung mit 85 Kindern eine von elf Vollzeitstellen verlieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir dann noch vernünftig arbeiten können bei all den Aufgaben.

ARMIN LASCHET: Ich sehe das nicht so. Die Fachkraftstunden sind im Konsens mit allen Trägern ins „Kibiz“ eingebaut worden. Ein Vergleich mit dem alten Gesetz zeigt auch, dass damit die fachliche Arbeit gesi chert ist. Im Übrigen können nur Träger ihre Einrichtungen schließen, nicht Erzieherinnen. Und wie wollen Sie Eltern erklären, dass sie die Einrichtung aus Protest gegen ein Gesetz schließen, das den Eltern mehr Flexibilität bringt und den Kindern mehr Bildung?

Wir haben gerade ein konkretes Beispiel von Personalabbau gehört...

LASCHET: Ich kenne die Zahlen von Dortmund jetzt nicht im Detail. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Beispiel richtig ist. Das Gegenteil ist eher der Fall. Wir brauchen mehr Erzieherinnen, weil wir den Ausbau der Plätze für Kinder unter drei Jahren vorantreiben. Wieso ausgerechnet in Ihrer Einrichtung weniger Kinder landen sollen, ist mir nicht erklärlich. Für die Zusatzaufgabe Sprachförderung, die Sie bisher schon geleistet haben, bekommen Sie jetzt zusätzliches Geld. Deshalb erschließt sich mir nicht, wieso es am Ende zu Entlassungen kommen soll. Wir geben schon 2008 150 Millionen Euro mehr aus.

GIESBERT: Wir werden mehr Kinder unter drei Jahren betreuen, das ist richtig. Aber fünf Kinder kosten auch mehr Geld als drei. Wenn wir mit der gleichen Gruppengröße fahren wie heute, sind es am Ende weniger Erzieherinnen. Auch in den Gruppen für die Zeit von sieben bis 14 Uhr fehlt mir künftig eine Fachkraft, weil Kinder bis zum Ende da sein werden, was heute nicht so ist.

LASCHET: Das ist entlarvend, was Sie sagen: Mit dem alten Gesetz haben Eltern bezahlt, obwohl Kinder nicht die ganze Zeit da waren - das war der Kern Ihrer Aussage. Mit dem neuen Gesetz können Eltern ihre Betreuungszeiten zwischen drei verschiedenen Angeboten wählen. So ist dies ein Gesetz auch für Eltern. Wir müssen den Elternwillen schon ernster nehmen.

GIESBERT: Bei der Betreuung der Kinder unter drei Jahren setzen Sie auch auf Tagesmütter. Wissen Sie, was die verdienen? Sie bekommen ein bis drei Euro Aufwandsentschädigung, von der sie Nahrung, Windeln, Spielzeug kaufen müssen. Den Job machen in der Regel Frauen. Die werden wieder für eine gesellschaftlich notwendige Arbeit herangezogen, aber wieder nicht angemessen bezahlt.

LASCHET: Also . . .

GIESBERT: . . . Moment, ich bin noch nicht fertig. Wenn dann im nächsten Jahr auch noch die Besteuerung der Aufwandsentschädigung kommt, dann bin ich gespannt, wer diesen anspruchsvollen Job noch machen möchte.

LASCHET: Tagesmütter sind nicht unsere Hauptsäule beim Ausbau der U-3-Betreuung. Unser Schwerpunkt liegt in der Betreuung im Kindergarten. Tagesmütter gab es schon bisher. Über den Betrag, den eine Tagesmutter erhält, wird auch weiterhin in der Kommune entschieden. Jetzt gibt das Land erstmals eigenes Geld für Versicherung und Qualifizierung von Tagesvätern und Tagesmüttern. Das entlastet die Kommunen. Was Sie zur Steuerpflicht gesagt haben, teile ich. Aber wir tun mit dem neuen Gesetz mehr, als bisher für Tagesmütter und Tagesväter getan worden ist. Insofern also auch hier eine Verbesserung.

Sprachförderung ist eine wichtige Aufgabe der Kindergärten. Hilft das Kibiz den Erzieherinnen dabei?

GIESBERT: In dem Gesetz ist die Sprachstandsfeststellung Delphin 4 festgeschrieben. Herr Laschet, lassen Sie sich das Wort mal auf der Zunge zergehen. Das sprüht vor Fantasielosigkeit, das Wort klebt fast an der Zunge.

LASCHET: Sprachstandsfeststellung steht im Schulgesetz, nicht im Kibiz.

GIESBERT: Die Kinder sind ein halbes Jahr im Kindergarten, haben sich an ein ganz neues Umfeld gewöhnt, eine enorme Leistung. Dann kommt dieser Test, eine für sie vollkommen fremde Situation. Diese Tests haben 600 000 Stunden von Fachkräften gekostet, das sind 7000 Arbeitstage. Ich kenne meine Kinder sehr genau. Ich weiß, was für einen Sprachschatz sie haben. Da brauche ich keine teuren Tests.

Warum waren die Ergebnisse so schlecht?

GIESBERT: Viele Kinder haben sich verweigert, weil sie die Erzieherin ganz anders erlebt haben.

LASCHET: Wo ich war, haben die Kinder locker mitgemacht. Das sind Erfahrungen im ganzen Land

GIESBERT: Das ist so nicht richtig. Man muss auch dies bedenken: Die Betreuungszeiten sind in den letzten Jahren ausgebaut worden. Die Kinder sind sieben Stunden am Stück in der Einrichtung. Keine Erzieherin kann sieben Stunden am Stück arbeiten. Also ist zeitweise nur eine in der Gruppe. Darunter leidet der Umgang mit Sprache.

LASCHET: Das war die Beschreibung der heutigen Situation. Kurz vor der Einschulung gab es dann Crash-kurse. Aber Kinder lernen nicht in Crashkursen. Deshalb fördern wir früher. Sprachförderung war schon immer Aufgabe der Kindergärten. Für die Crashkurse gab es sieben Millionen Euro beim Regierungswechsel 2005. Jetzt geben wir 28 Millionen Euro individuell bezogen auf jedes Kind, das zusätzlich sprachgefördert werden muss. Das ist die Philosophie des „Kibiz“: kindbezogen denken.

GIESBERT: Wir hatten schon früher bewährte Beobachtungsverfahren. Die neuen Tests sind völlig überflüssig.

LASCHET: Geben Sie doch mal zu, dass sie jetzt dafür Geld bekommen, vorher haben Sie das ohne Geld gemacht.

GIESBERT: Ich sage noch einmal, in meiner Einrichtung brauche ich diese teuren Testverfahren nicht. Die verwirren die Kinder nur.

Gibt Ihnen das neue Verfahren nicht bessere Möglichkeiten zur Förderung?

GIESBERT: Wir haben durch die permanente Ausweitung der Öffnungszeiten immer schlechtere Bedingungen für die Kinder. Dass wir jetzt Geld dafür bekommen, ist prima. Aber auf der anderen Seite: Warum setzen Sie das Geld nicht dafür ein, dass wir kleinere Gruppen bekommen? Das wäre sinnvoller.

LASCHET: Ich wünsche mir auch kleinere Gruppen. Aber man kann nicht alles gleichzeitig machen. In drei, vier Jahren kann man darüber nachdenken, wenn die Kinderzahl weiter sinkt. Jetzt sind meine Priorität U-3-Ausbau, Sprachförderung, Familienzentren. Das bringt das Gesetz mit mehr Geld.

GIESBERT: Wenn Sie das in drei Jahren umsetzen, bin ich einverstanden. Geben Sie das Geld, was die Sprachförderung kostet, für mehr Personal in den einzelnen Gruppen aus. Das hilft Eltern, Kindern und Erzieherinnen.

Das Gespräch moderierten Heinz Tutt und Günther M. Wiedemann



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