Von SUSANNE ISSIG, 14.09.07, 20:38h
Drei Minuten, 25 Sekunden. „Very good!“ lobt Sheila Heinze (Nachname geändert) ihre Tochter Marie. Die Neunjährige hat ein Mathe-Arbeitsblatt mit anspruchsvollen Multiplikationsaufgaben auf Zeit durchgearbeitet. Die Mutter, eine gebürtige Amerikanerin, die mit ihren vier Kindern meist Englisch spricht, kontrolliert die Ergebnisse - alles richtig. Vor ein paar Tagen brauchte Marie für dieselben Aufgaben noch vier Minuten, 15 Sekunden. Zufrieden trägt ihre Mutter die verbesserte Zeit in eine Tabelle ein, auf der sie die Lernfortschritte ihrer Ältesten dokumentiert.
Es ist Freitagvormittag, 10.30 Uhr. Wie ihre Altersgenossen hat Marie um diese Zeit Unterricht - nur nicht in der Schule, sondern zu Hause. Am Esstisch mit der bunt gemusterten Tischdecke sitzt auch ihr knapp zwei Jahre jüngerer Bruder Jacob, der eine Deutschaufgabe bearbeitet. Deutsch ist das einzige Fach, das Vater Jörn Heinze den Kindern vermittelt. Anderthalb Tage in der Woche arbeitet der Banker zu Hause, um seine beiden Ältesten in seiner Muttersprache anleiten zu können. Alle anderen Wissensgebiete unterrichtet die nicht berufstätige Mutter auf Englisch.
Jörn und Sheila Heinze sind Gesetzesbrecher. In Deutschland gilt in allen 16 Bundesländern die allgemeine Schulpflicht. Wer sein Kind nicht zur Schule schickt, muss damit rechnen, dass die Behörden Bußgelder verhängen und den Schulbesuch unter Androhung von Zwangsmaßnahmen einfordern. Das gesamte Spektrum der Druckmittel bis hin zu Erzwingungshaft und Sorgerechtsentzug wird zwar selten durchgezogen. Manche Bundesländer, wie etwa Niedersachsen, lassen zu Hause unterrichtende Eltern, so genannte Homeschooler, sogar stillschweigend gewähren. Doch andere, wie Nordrhein-Westfalen, Hamburg oder Bayern, gehen im Einzelfall unnachgiebig gegen sie vor.
Familie Heinze, die in einer Stadt im Ruhrgebiet lebt, kam bisher glimpflich davon. Als ihre älteste Tochter Marie nicht zur Einschulung antrat, geschah zunächst nichts. Erst nach Monaten lief ein Bußgeldverfahren an, dann wurde ein Zwangsgeld angedroht, unmittelbar bevor die Familie für mehrere Monate nach Amerika reisen wollte. Die Eltern meldeten ihre Kinder, die neben der deutschen auch die US-Staatsangehörigkeit besitzen, kurz- entschlossen beim Einwohnermeldeamt ab. Nach der Rückkehr besuchten die beiden Ältesten ein Halbjahr lang die örtliche Grundschule, um weiteren Ärger mit den Behörden zu vermeiden.
„Da hat es mir nicht so gut gefallen“, erzählt der achtjährige Jacob. „Ich glaube, die anderen Kinder mochten mich nicht.“ Der Unterricht sei „ganz o.k.“ gewesen, „aber ziemlich langweilig“. Der Junge konnte längst lesen und schreiben. „Er war in der ersten Klasse eindeutig unterfordert“, sagt Sheila Heinze. Marie war auf Drängen ihrer Mutter eine Klasse höher eingestuft worden, als es ihrem Alter entsprach. Auf ihrem ersten - und bisher einzigen - Schulzeugnis stehen trotzdem lauter Einsen. Nach einem erneuten USA-Aufenthalt behielten die Heinzes ihre beiden schulpflichtigen Kinder wieder zu Hause. „Wir waren einfach nicht überzeugt, dass sie in der Schule gut aufgehoben waren“, so der 42-jährige Vater. Zu große Klassen und zu wenig individuelle Förderung sind ihre Hauptkritikpunkte. „Letzten Endes ist es eine Gewissensentscheidung, ob ich das, was ich als richtig erkannt habe, auch lebe“, erklärt Jörn Heinze.
Vor wenigen Monaten standen unangemeldet städtische Mitarbeiter vor der Wohnungstür, die nach den Kindern und deren Schulbesuch fragten. Sheila Heinze erklärte ihnen, dass Marie und Jacob die meiste Zeit in den Vereinigten Staaten lebten und sich nur vorübergehend in Deutschland aufhielten. Sie seien an einer kalifornischen Privatschule eingeschrieben. Die Kontrolleure gaben sich damit zufrieden.
Sheila Heinze widerstrebt es eigentlich, solche halbwahren Erklärungen zu konstruieren. Sie zuckt jedes Mal zusammen, wenn es unerwartet an der Tür klingelt. Sie lässt die Kinder in der Woche nicht vor zwölf Uhr in den Garten oder auf die Straße, damit nicht auffällt, dass sie am Vormittag nicht im Klassenzimmer sitzen. Aber sie will ihre Kinder weiter zu Hause unterrichten, dafür nimmt sie all das in Kauf. „Ich sehe ja ein, dass der Staat eine Kontrolle darüber haben muss, was mit den Kindern geschieht“, sagt die 36-Jährige. „Schließlich gibt es auch die Fälle, in denen Kinder zu Hause verwahrlosen.“ Sie und ihr Mann seien jederzeit bereit, ihre kleine Heim-schule regelmäßig überprüfen zu lassen. „Aber diese Möglichkeit gibt man uns ja gar nicht.“
Heinzes zählen die Länder Europas auf, in denen Heimunterricht erlaubt sind, etwa Dänemark, Frankreich, Großbritannien und Österreich. In den USA, dem Mutterland des „Homeschooling“, lernen an die drei Millionen Kinder zu Hause. Der Bonner Erziehungswissenschaftler Professor Volker Ladenthin unterstützt die Forderung der Eltern nach einer kontrollierten Legalisierung des Heimunterrichts. „Die Kriminalisierung dieser Familien ist ein Skandal“, sagte er in einigen Interviews. Daraufhin bekam er eine „Flut von Mails und Briefen von Homeschool-Eltern, die sich bei mir bedankt oder mir ihre Nöte mit der Bürokratie geschildert haben“, berichtet der Professor. Aus Politik, Wissenschaft oder Schulverwaltung seien jedoch keinerlei Reaktionen gekommen. Es gebe in Deutschland große Vorbehalte gegen eine solche Freigabe, weil die Schule nicht nur als Bildungseinrichtung, sondern als „Sozialisierungsinstitution“ gesehen werde, so Ladenthin. Wer sein Kind nicht durch den Schulbesuch nach den gesellschaftlich akzeptierten Vorstellungen formen lassen wolle, werde reflexartig obskurer Absichten verdächtigt.
Diese Skepsis speist sich auch daraus, dass die deutsche Heimschulbewegung sich zunächst vor allem aus christlich-fundamentalistischen Eltern rekrutierte, die ihre Kinder von anderen Weltanschauungen als der eigenen abschirmen wollen. Ihnen geht es meist vor allem darum, dass ihr Nachwuchs nicht mit Sexualaufklärung und Evolutionstheorie in Berührung kommt. Mit Klagen gegen die Schulpflicht sind Familien aus diesem Umfeld aber schon mehrmals vor dem Bundesverfassungsgericht gescheitert. Inzwischen kommen jedoch immer mehr bildungsbeflissene Akademikerfamilien dazu, deren Ablehnung der Schule nicht oder jedenfalls nicht in erster Linie religiös motiviert ist. Diese Eltern trauen dem deutschen Schulsystem einfach nicht zu, ihre Kinder angemessen zu bilden und zu erziehen. Zumindest die Grundschulzeit wollen sie daher selbst in die Hand nehmen.
Auch wenn Volker Ladenthin dafür plädiert, Heimunterricht zuzulassen, sieht er ihn beileibe nicht als Allheilmittel für das viel gescholtene deutsche Bildungswesen. „Nur eine Minderheit der Eltern ist in der Lage, ihre Kinder fundiert und kundig zu unterrichten“, gibt er zu bedenken. Kritisch sieht er die Tendenz bei Heimschuleltern, ihre Kinder sehr eng an sich zu binden und ihnen wenig Gelegenheit zu geben, das in der Familie Gelebte draußen zu überprüfen. „Das kann den Erfahrungshorizont der Kinder doch deutlich einschränken. Auch soziales Lernen droht zu kurz zu kommen.“ Solchen Bedenken halten die Heinzes entgegen, dass ihre Kinder durchaus Kontakt zu anderen Kindern haben, etwa in der Musikschule oder in einer Freizeitgruppe. Allerdings seien sie vorsichtig, wem sie erzählen, dass die Kinder nicht zur Schule gehen. „Das macht es nicht leichter, einen offenen Umgang mit der Außenwelt zu pflegen“, sagt Jörn Heinze.
Anfang nächsten Jahres zieht die Familie für eine Weile nach Südafrika. Dort ist es kein Problem, Kinder zu Hause zu unterrichten.
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