Erstellt 17.09.07, 14:53h
KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Sternberg, sprechen wir nicht über Kardinal Meisners Wortwahl . . .
THOMAS STERNBERG: . . . die ist ja auch indiskutabel!
Sprechen wir über das, was er nach eigenem anschließenden Bekunden gesagt haben wollte: Kunst ohne Kult leidet Schaden. Stimmt das?
STERNBERG: Nein. Das ist eine Kunstauffassung, mit der Kardinal Meisner auch in der katholischen Kirche isoliert ist. Deshalb sollte niemand diese Einzelmeinung zum Anlass für einen Kulturkampf gegen die angeblich rückständige katholische Kirche als Ganze nehmen. Die Autonomie der Kunst ist in unserer Kirche theologisch völlig unbestritten. Niemand wird ernsthaft die Indienstnahme der Kunst für Glaube und Kult fordern. Eine ganz andere Frage ist, ob Kunst nicht immer auf die transzendente Sphäre verweist.
Eingemeindung der nichtreligiösen Kunst statt Ausgrenzung. Ist das denn redlich?
STERNBERG: Ich komme gerade aus einer Aufführung von Beethovens 5. Klavierkonzert. Das ist natürlich keine religiöse Musik, aber sie weist über sich hinaus. Und der religiöse Mensch wird das auch religiös deuten dürfen. Ich glaube, der Kardinal hat sich geärgert über das abstrakte Gerhard-Richter-Fenster im Dom. Aber eine Kunst, die immer genau sagt, was sie meint, verkommt zur bloßen Illustration. Der Kardinal hat da wohl etwas schlichte Vorstellungen. Er hat immer wieder gesagt, er könne sich nicht mehr an die Predigten seiner Kindheit erinnern, aber an die Bilder. Das ist ein religionspädagogisches Konzept von Kunst. Meisner versteht nicht, was der Mehrwert von Kunst ist.
Was denn?
STERNBERG: Kunst hat seit ihren Anfängen mehr gekonnt, als bloß Inhalte zu bebildern. Nehmen Sie das Richter-Fenster. Diesem abstrakten Kunstwerk wächst im Dom eine ganz andere Bedeutung zu als etwa in einem Rathaus. Wenn es ein urchristliches Thema gibt, dann das Licht. Eben dieses Licht macht Richter zum Thema - und nicht den Inhalt biblischer Geschichten. Aus der Freiheit der künstlerischen Aussage kommt so durch den Kontext eine Art thematischer Fassung zustande. Das ist eine großartige Sache!
Es heißt immer, Kardinal Meisner habe durchaus Sinn auch für moderne Kunst.
STERNBERG: Das ist es ja, was mich wundert. Da hat er nun seine ganze Zeit in Köln damit zugebracht, mit Engagement und ja, auch mit Mut diesen wunderbaren Neubau des Diözesanmuseums Kolumba durchzusetzen. Und dann begeht er kurz vor der Altersgrenze solche Torheiten. Ich kann mich des Mitleids mit einem Mann nicht erwehren, der in jedes Fettnäpfchen tritt. Das größere Problem ist seine Art, wie er diejenigen bekämpft, die anderer Meinung sind - zum Beispiel die überzeugten Katholiken , die sich bei Donum vitae für den Schutz des ungeborenen Lebens engagieren.
Gibt es gerade hier ein Muster? Meisner hat die Abtreibungspille Mifegyne mit Zyklon B verglichen, dem zur Vernichtung der Juden eingesetzten Gas. Er hat Abtreibung und Holocaust in einem Atemzug genannt. Und jetzt spricht er von entarteter Kunst.
STERNBERG: Es wäre unangemessen, den Kardinal in die rechtsradikale Ecke zu stellen. Ich glaube, das hat mit seinem Alter zu tun, und ich will ihm zugute halten, dass er schlechte Berater hat - oder gar keine. Er versteht das nicht und ist sich über die Folgen solcher Aussagen nicht im Klaren. Man sieht daran, wie gut es ist, dass Bischöfe mit 75 ihr Rücktrittsgesuch einreichen müssen.
Das Gespräch führte
Joachim Frank
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