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Annes Wille geschah

Erstellt 17.09.07, 11:17h, aktualisiert 17.09.07, 11:20h

Nicht vor Ort und trotzdem live dabei: Martin Weber guckt „Anne Will“. Und findet vorab schon mal: Es ist allerhöchste Eisenbahn, dass Anne Will mit der nach ihr benannten neuen Talkshow loslegt.

Anne Will
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Anne Will im Studio ihrer neuen Sendung in Berlin-Adlershof.
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Anne Will im Studio ihrer neuen Sendung in Berlin-Adlershof.
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Moderatorin Anne Will zwischen SPD-Chef Kurt Beck (l) und Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von NRW (r).
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Nicht vor Ort und trotzdem live dabei: Martin Weber guckt „Anne Will“. Und findet vorab schon mal: Es ist allerhöchste Eisenbahn, dass Anne Will mit der nach ihr benannten Talkshow loslegt. Um kaum eine Premiere im deutschen Farbfernsehen wurde in den vergangenen Jahren im Vorfeld ein derart großes Bohei gemacht. „Politisch denken, persönlich fragen“ möchte Anne Will, und das ist auf alle Fälle löblich. Weil insbesondere der Teil vor dem Komma bei „Sabine Christiansen“ kein festes Zuhause hatte. Davon abgesehen war es aber ein bisschen viel, was man vorab über das neue Format reingereicht bekam. Gipfelpunkt der doch eher entbehrlichen Informationen: Die Info, wie das neue Studio aussieht. Da Fernsehen dann doch ein Medium ist, das über Bilder funktioniert, wird man spätestens nach dem „Tatort“ schon sehen, mit welchen Farben das Studio die Augen der Zuschauer umschmeicheln will. Okay, der Vollständigkeit halber seien sie hier schon respektive noch einmal genannt: Es dominieren Farbtöne in Beige, Braun und Rot. Und die Sitzmöbel sollen so gestaltet sein, dass ein gepflegtes Herumfläzen noch dem übellaunigsten Gast unmöglich ist.

Entworfen hat Anne Wills Studio der Münchner Florian Wieder. Der ist bestens etabliert in der Fernsehstudio-Einrichtungsbranche und gestaltete und anderem das „TV total“-Studio des ProSieben-Clowns Stefan Raab und das des ZDF-Sitzpredigers Johannes B. Kerner. Und auch für das Studio von „Sabine Christiansen“ zeichnete Herr Wieder verantwortlich. Womit sich die Frage aufdrängelt: Was macht eigentlich Sabine Christiansen an diesem Sonntagabend? Oder lässt sie machen? Und zwar sich selbst die Haare, aus alter Gewohnheit von Udo Walz? Man weiß es nicht, und wird es wohl auch nie erfahren. Ob es Anne Will allerdings gelingt, Fachsprache zu entschlüsseln, Floskeln zu entlarven, der Phrasendrescherei Einhalt zu gebieten und das große Ganze im Griff zu behalten, das wissen wir etwa um viertel vor elf. Gleich geht’s los…

20.14 Uhr Ellen Arnhold weist in der 20-Uhr-Sendung gerade auf die nächste Ausgabe der „Tagesschau“ hin und dann… nichts und. Es geschehen Zeichen und Wunder in der ARD. Kein Hinweis auf das Thema der Talkshow nach dem „Tatort“. Ob Anne Will das selbst nicht wollte? Ob es daran liegt, dass sie, anders als das Sonntagabend-Sedativum „Sabine Christiansen“, noch nicht deutsches Fernseh-Kulturgut ist? Wie auch immer: Erfreulich, dass man innerhalb einer Nachrichtensendung jetzt auf einen Programmhinweis verzichtet; hoffentlich bleibt das so.

21.41 Uhr „Er wird kommen, da bin ich mir sicher“, sagte Günter Struve am Samstag. Und meinte mit „er“ überraschenderweise nicht etwa den Messias, sondern Günther Jauch. Warum der ARD-Programmdirektor ausgerechnet am Tag vor dem Talkshow-Debüt von Anne Will einen solchen Satz sagt, weiß der Himmel. Oder wenigstens der ARD-Programmdirektor selbst.

21.43 Uhr Das Thema der Sendung: „Rendite statt Respekt: Wenn Arbeit ihren Wert verliert“. Klingt ganz danach, als würden sie in der Redaktion von „Anne Will“ einiges für eine knackige Alliteration tun. Die Diskutanten: Kurt Beck, Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz und SPD-Vorsitzender; Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von NRW; René Obermann, Telekom-Chef; Margot Käßmann, evangelische Landesbischöfin von Hannover. Durch die Bank alte Talkshow-Hasen also. Und niemand dabei, den man in den vergangenen zwei, drei, vier Jahren zu selten in einer Talkshow gesehen hat. Aber dafür kann Anne Will ja nichts; das Personal für solche Veranstaltungen ist nun einmal begrenzt.

21.46 Uhr Anne Will im Hosenanzug. In Grau. Die Beine übereinander geschlagen. Auch das konnte Sabine Christiansen keineswegs besser. Knappe, vollkommen schnörkellose Anmoderation. Die Großkopferten sitzen auf roten Sitzmöbeln, die weniger bekannten Gäste auf weißen Sofas, fernab der Runde. Erstes Interview: Kerstin Weser, arbeitet für fünf Euro die Stunde. Schneller kann man das Versprechen „Persönlich fragen“ nicht einlösen. So zeigt man der Politiker-Blase, was eine Harke ist. Fast denkt man: Da würde man so einen Wichtigheimer wie Westerwelle gerne in der Warteschleife sitzen sehen. Aber eben nur: fast.

21.48 Uhr 810 Euro netto bleiben Frau Weser. Bei voller Arbeitsleistung. Ein Wahnsinn, ein extrem unschöner. Anne Will vermittelt Frau Weser in jeder Sekunde das Gefühl, ein Gespräch auf Augenhöhe zu führen. Stark.

21.51 Uhr „Beruf ist mehr als Arbeit“, sagt Bischöfin Käßmann. Stimmt. Dann: „Manche Gaben der Menschen braucht die Gesellschaft nicht“. Das klingt, genau: arg protestantisch.

21.53 Uhr „Wer arbeitet, soll auch davon leben können“, konstatiert Jürgen Rüttgers. Ist der beste Sozialdemokrat in der CDU, der Herr Rüttgers, keine Frage. Aber: Hat man auch schon mal gehört, den Satz. Aber wie kann man’s realisieren?

21.55 Uhr Die ersten zehn Minuten sind rum. Bisher wurde noch nicht durcheinander gequasselt. Das wäre bei „Sabine Christiansen“ nie passiert. Ob die Diskutanten eine Höflichkeitsklausel im Vertrag haben? Oder gewähren die Gäste Anne Will bei ihrem Talkshow-Debüt eine Schonfrist? Wie auch immer: Wills Fragen sind klar, sehr klar sogar, kommen meist ohne Nebensatz aus. Alte „Tagesthemen“-Schule, da hatte sie ja nicht ewig Zeit für die Politiker.

21.57 Uhr René Obermann sondert neoliberales Geschwafel ab. Frau Weser staunt, Kurt Beck guckt wie ein ProblemBär. Schlägt sich auf die Seite von Frau Weser, der Herr Obermann. Sagt, dass der Lohn, der Frau Weser zugemutet wird, nicht in Ordnung ist. Frau Wesers Blick: erstaunt. Was die Telekom ihren Kunden zumutet, ist übrigens auch nicht in Ordnung.

22.03 Uhr Bis jetzt beharken sich nur Kurt Beck und Jürgen Rüttgers. Aber nur ein bisschen, sehr moderat und auf die softe Tour. Anne Will wird bisher ihrer Rolle als Moderatorin gerecht; Anne Wills Wille geschieht. Und: Man wusste ja vorher, dass Anne Will Beine hat. Trotzdem einigermaßen befremdlich und auf alle Fälle ungewohnt, die jetzt so lange im Bild zu sehen. Man kann aber getrost davon ausgehen, dass auch alle die, die noch im Nachrichtengeschäft tätig sind, Beine haben.

22.08 Uhr Das kann man beim ersten Mal nun wahrlich noch nicht beurteilen: Ist die Diskussion angenehm sachlich oder doch ein bisschen zu ruhig? Ist der handelsübliche Sonntagabend-Krimi-Zuschauer noch am Ball oder auf dem Sofa eingenickt? Das Plus an Ordnung könnte nicht nur an Anne Wills journalistischer Kompetenz liegen, sondern auch an der überschaubaren Gästezahl; bei „Sabine Christiansen“ plapperten bis zu acht Diskutanten durcheinander.

22.12 Uhr René Obermann platzt fast vor Stolz, als er verkündet, dass die Telekom jetzt betriebseigene Kindergärten hat. Betrüblich, dass da keiner dazwischen geht. Dass das bei einem Global Player und börsennotierten, schweinereichen Unternehmen nicht längst selbstverständlich ist, ist – jawohl: eine Schande.

22.15 Uhr Ist gerade ein bisschen wie im Konfirmationsunterricht: Alle warten brav, bis Anne Will, wiewohl keine Pastorin, sie der Reihe nach dran nimmt. In der Runde machen Schlagworte die Runde: Abstiegsangst, Leistungsdruck, Burnout-Syndrom. Dann kommt ein Einspieler. Über eine Frau, die vor dem Druck der Leistungsgesellschaft in die Knie gegangen ist.

22.19 Uhr Der nächste „Normalo“ auf der weißen Couch: Herr Sprenger, Arzt und Psychotherapeut. Mahnt an, dass der Mensch nicht nur als „Rohstoff“ gesehen werden sollte. Kann in aller Ruhe den Begriff der „Arbeit“ definieren. Anne Will hört zu – und weiß nach vier Fragen auch noch eine fünfte zu stellen. Was definitiv ein Unterschied zu ihrer Vorgängerin auf diesem Sendeplatz ist.

22.26 Uhr Die Diskutanten dürfen ihre Definition von „Hartz IV“ geben. Entlarvend ist vor allem das, was René Obermann von sich gibt. Er möchte, dass auch die (aktuell 3,8 Millionen) Arbeitslosen von heute wieder einen Job bekommen. „Da sollten wir uns auf allen vieren für anstrengen“, sagt er. Wie viele Menschen sein Unternehmen in den vergangenen Jahren „freigesetzt“ (Euphemismus für „entlassen“) hat, sagt er nicht. Betrüblich, dass ihm die Runde das so durchgehen lässt.

22.33 Uhr „Das Grundvertrauen in den Arbeitsmarkt ist durch die Shareholder-Value-Mentalität verloren gegangen“, sagt Kurt Beck. Nicht übel für einen gelernten Elektromechaniker. Bisschen schade, dass Anne Will den Mann nicht dazu auffordert, den Begriff verständlich zu erklären.

22.39 Uhr „Sollte man Hartz IV abschaffen?“, fragt Anne Will. „Das wäre wie den Mond blau anmalen“, antwortet Jürgen Rüttgers. Himmel hilf.

22.42 Uhr Herr Beck und Herr Rüttgers zanken wieder. Aber wieder nur ein bisschen. Rüttgers hat einen Vorschlag parat: „Ich rede morgen mit der Kanzlerin, Sie mit dem Vize-Kanzler“. Klingt arg danach, als ob sie das Ende der Sendung herbeisehnen. Eben das ist dann auch da. „Es war die erste Sendung, es sollen andere folgen“, sagt Anne Will. Enthusiasmus und Selbstbewusstsein klingen anders. Oder ist das ihre neue Form der Bescheidenheit, siehe auch: Kein Hinweis auf „Anne Will“ in den 20-Uhr-Nachrichten? Vorläufiges Zwischenergebnis: Anne Will ist eine bessere Journalistin und Fragestellerin als Sabine Christiansen. Das aber war auch bereits vor der Talkshow bekannt. Und ist vor allem: keine Kunst. Nach der Sendung wissen wir: Das ist noch viel Luft nach oben drin. Eine Diskussionsrunde, in der es gesitteter zugeht als bei „Sabine Christiansen“, ist das eine; eine Debatte, in der trotzdem etwas mehr Beef und Biss drinsteckt als an diesem Abend, ist dennoch erstrebenswert. Für die erste Sendung gilt: Annes Wille geschah, sie hatte die Sache weitgehend im Griff. Hoffen wir, dass ihre Sendung nicht zum Ersatzparlament mutiert. Und Westerwelle bitte frühestens in zwei Jahren einladen. Na dann: Bis dann.



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