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„Eine Verbesserung ist überlebensnotwendig“

Erstellt 18.09.07, 20:31h, aktualisiert 19.09.07, 07:21h

Der Soziologe Klaus Hurrelmann ist Professor an der Universität Bielefeld und leitet die Shell-Jugendstudie. Er schlägt eine Veränderung des deutschen Schulsystems vor.

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Prof. Klaus Hurrelmann
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Prof. Klaus Hurrelmann
Der Soziologe Klaus Hurrelmann ist Professor an der Universität Bielefeld und leitet die Shell-Jugendstudie. Er schlägt eine Veränderung des deutschen Schulsystems vor.

KÖLNER STADT-ANZEIGER: Herr Hurrelmann, können die Erkenntnisse des OECD-Bildungsberichts überraschen?

KLAUS HURRELMANN: Die Probleme sind seit langem bekannt. Deshalb ist es ärgerlich, dass die Politik nur langsam und hinhaltend reagiert. Der aktuelle Befund ist aufrüttelnd: Viele andere Länder haben in den letzten Jahren in ihre Bildungssysteme investiert und sich beständig verbessert. Deutschland entwickelt sich dagegen nur in kleinen Schritten. Wenn in den Schulministerien der Länder und im Bundesbildungsministerium jetzt nicht die Alarmglocken läuten, dann weiß ich es auch nicht mehr.

Warum hat Deutschland zu wenige Hochschulabsolventen?

HURRELMANN: Das hat viele Gründe - die Probleme beginnen bereits sehr früh. Im deutschen Bildungssystem werden die Kinder schnell in die unterschiedlichen Schulformen vom Gymnasium bis zur Hauptschule eingeteilt. Dadurch werden bei vielen Kindern, die in der Grundschule nicht so erfolgreich sind, die Begabungsreserven nicht voll ausgeschöpft.

Was schlagen Sie also vor?

HURRELMANN: Eine Schulform, die alle Kinder bis zur achten oder neunten Klasse gemeinsam besuchen, ist derzeit politisch nicht durchsetzbar. Deshalb schlage ich vor, das System zumindest auf zwei Schulformen nach der vierten Klasse zu beschränken. Das Gymnasium würde erhalten bleiben, alle anderen Schulformen würden zu einer zusammengefasst. Auch diese Schule müsste den Zugang zu Fachhochschulen und Universitäten ermöglichen - und sie sollte finanziell mindestens so gut ausgestattet sein wie die Gymnasien. Das wäre eine große Chance für Schüler aus bildungsfernen Schichten, die viel zu häufig auf der Strecke bleiben.

In Deutschland brechen aber auch überdurchschnittlich viele, die es an die Uni schaffen, ihr Studium ab.

HURRELMANN: Das stimmt. Aber dieses Problem ist hausgemacht. Viel zu oft werden Studenten an den Universitäten nicht gut genug betreut. Häufig sind die Lehrpläne schlecht und machen es den jungen Männern und Frauen unnötig schwer, ihr Studium zu organisieren. Es werden für die Hochschullehrer die falschen Anreize gesetzt. Der Einzelne hat nichts davon, wenn er eine gute Lehre bietet. Es schadet ihm auch nichts, wenn er die Studenten nicht ans Ziel bringt. In den USA zum Beispiel ist das anders. Dort verlieren Fachbereiche Geld, wenn sie ihren Studenten nicht das bieten, was ihnen zusteht.

Braucht Deutschland denn so viele Akademiker? Immerhin gibt es ein gutes Berufsbildungssystem . . .

HURRELMANN: Das System der beruflichen Bildung in Deutschland arbeitet hervorragend und ist international anerkannt - es läuft aber auch dem internationalen Trend entgegen, hoch qualifizierte Berufsausbildung immer stärker an die Hochschulen zu bringen. Es gibt für Deutschland keinen Anlass, das gute System der Berufsausbildung zu zerschlagen. Aber um international Schritt halten zu können, sollte es stärker mit der Ausbildung an der Universität verzahnt werden.

Sind Sie optimistisch, dass sich die Situation in den nächsten zehn Jahren deutlich verbessert?

HURRELMANN: Sollte es nicht so kommen, hätte dies verheerende Auswirkungen. Es ist für Deutschland im internationalen Wettbewerb überlebensnotwendig, dass wir uns verbessern - und zwar schneller als bisher. Wir können es uns nicht leisten, das Potenzial so vieler junger Menschen nur unzureichend auszuschöpfen. Die meisten anderen Länder haben das längst verstanden. Die deutsche Politik arbeitet noch immer nicht mit der nötigen Ernsthaftigkeit an der Lösung der Probleme in unserem Bildungssystem. Und angesichts der Erfahrungen der Vergangenheit sehe ich die Gefahr, dass es so bleibt.

Das Gespräch führte Tobias Peter



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