Von MARKUS SCHWERING, 19.09.07, 21:37h, aktualisiert 02.07.08, 13:22h
„Kaufen Sie dieses Buch nicht, wenn Sie Ihre Vorurteile über Amerika bestätigt sehen wollen“, rät der Klappentext. Das ist nicht nötig, denn Werner Peters - Philosoph, Politikberater, Kölner Hotelier und seit Jahrzehnten mit der amerikanischen Innenpolitik verdrahtet - malt in seiner Studie „Rätsel Amerika“ durchaus nicht alles rosa in rosa. Immer wieder ist von den Kehr- und Schattenseiten der US-Politik und des „American way of life“ die Rede. Aber Peters sitzt, aus seiner intimen Kenntnis der Materie heraus, eben auch nicht dem populären und in den Zeiten von George W. Bush erst recht grassierenden europäischen Antiamerikanismus auf. Insofern ist sein Essay ein willkommener Kontrapunkt im reich instrumentierten US-kritischen Konzert, das aktuell auf dieser Seite des Atlantiks angestimmt wird.
Grundiert wird Peters' gut lesbare und gedankenreiche Phänomenologie durch die wiederholte Mahnung, man könne dem Land und auch seinem gegenwärtigen Erscheinungsbild nur gerecht werden, wenn man es aus den Voraussetzungen seiner eigenen Geschichte heraus zu verstehen versuche. Das tut der Autor dann auch ausgiebig: Er rekonstruiert Politik und Gesellschaft der USA anhand der vier großen Felder Religion, Außenpolitik, Individualismus und Gemeinschaftsgeist sowie Popkultur, indem er zurückgeht auf die historischen Wurzeln einer Nation, die sich - im 18. Jahrhundert - gleichsam selbst erfinden musste; als erste Demokratie, konfrontiert mit der Weite eines Kontinents, der der Erschließung harrte, und versehen mit der Religion als einzigem kommunitären Bindemittel.
Das Pendel wird wieder zur Mitte schwingenNaheliegend kommt Peters dabei immer wieder auf Tocquevilles großes Werk über die Demokratie in Amerika zu sprechen - seine Arbeit ist streckenweise nicht weniger als eine Tocqueville-„Relecture“. Das Fazit ist auch ein ganz ähnliches wie das des französischen Aristokraten, der seinerzeit, im frühen 19. Jahrhundert, fasziniert und befremdet ein junges Gemeinwesen beobachtete, das mit
den Usancen der alt gewordenen europäischen Zivilisation nichts zu tun hatte: All den beschwörenden Formeln vom Wertekonsens zum Trotz, tickt Amerika „anders“. Und die Politik der Bush-Regierung ist nur eine extreme - aus europäischer Sicht: abstoßende - Form dieser Andersheit, der Ausschlag eines Pendels, das - so Peters' tröstliche Prognose - auch wieder zur Mitte hin schwingen wird.
Peters erläutert all dies am widerspruchsvollen Nebeneinander von brutal-sozialdarwinistischem Individualismus etwa im Wirtschaftsleben und jenem ausgeprägten Gemeinsinn und bürgerschaftlichem Engagement, die in den USA weithin jene Aufgaben übernehmen, die in Europa dem entwickelten Sozialstaat zufallen. Dass diese Gemeinschaftsorientierung skandalöse soziale Ungleichheit nicht verhindert - Peters streitet es durchaus nicht ab, geht dem Thema allerdings auch nicht weiter nach.
Überhaupt hätten einige noch kritischere Pointierungen dem Buch gutgetan - wohlgemerkt, es geht nicht um ein wohlfeiles Bush-Bashing. Die vier verschiedenen Strömungen der US-Außenpolitik zwischen Imperialismus und Isolationismus in Ehren, aber es hätte der Hinweis nicht geschadet, dass die Staaten oft genug gegenüber ihre eigenen politisch-moralischen Prinzipien verstoßen haben - indem sie etwa in ihrem lateinamerikanischen Hinterhof die widerwärtigsten Diktaturen installierten und / oder päppelten, wenn es nur ihren „Interessen“ zupasskam.
Und letztlich ist auch die Aufforderung, ein Phänomen strikt aus sich selbst heraus zu beurteilen, eine logische Unmöglichkeit: Wenn die Kriterien einer Kritik aus dem zu Kritisierenden selbst genommen werden, bleibt diese in einem leer laufenden Zirkel stecken. Zum Schluss erörtert Peters abwägend die Frage, ob und was Europa von Amerika lernen kann. Die umgekehrte Blickrichtung wäre aber ebenfalls legitim: Gibt es nicht vieles, das Amerika vom „alten“ Europa lernen könnte - oder müsste?
Werner Peters: „Rätsel Amerika. Warum Amerikaner ganz anders sind“ , Bouvier, 289 Seiten, 19,90 Euro
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