Von WILLI GERMUND, 26.09.07, 21:30h, aktualisiert 27.09.07, 08:17h
Am neunten Tag der Massendemonstrationen gegen das Militärregime von Birma zeigten die herrschenden Generäle ihre Krallen. Bereitschaftspolizei und Soldaten gingen am Nachmittag mit Tränengas und Schlagstöcken gegen rund 10 000 Mönche vor. Rund um die „City Hall“, das Rathaus im Zentrum der fünf Millionen Einwohner zählenden Stadt Rangun, schossen Sicherheitskräfte eine halbe Minute lang auf die protestierende Menge. Die Angaben der Zahl der Toten schwankt zwischen drei und acht. Es gab mehrere Verletzte. Das größte Krankenhaus der Stadt, Yangun General Hospital, hatte auf Anweisung der Militärs am Mittwochmorgen eigens einige Stationen räumen müssen, um Platz für Verletzte zu schaffen.
Tränengaswolken standen am späten Nachmittag in den Straßen der Stadt, als viele Mönche wieder in Richtung ihrer Klöster strebten. Hier und da hatten Passanten Feuer angesteckt, um das Gas zu vertreiben. Die Sicherheitskräfte transportierten ganze Lastwagen voll festgenommener Mönche in gelben und weinroten Roben ab.
Drohungen und VersammlungsverbotSchon am Mittwochmorgen war deutlich geworden, dass die Militärs nicht gewillt waren, weitere Demonstrationen hinzunehmen. In Birmas zweitgrößter Stadt Mandalay tauchten über Nacht Aushänge auf, in denen Streitkräfte drohten: „Nehmen Sie nicht an Demonstrationen teil. Die Soldaten werden schießen.“
Am Abend zuvor hatte das Regime ein Versammlungsverbot erlassen. Seither dürfen sich nicht mehr als fünf Personen treffen. Außerdem war eine nächtliche Ausgangsperre von neun Uhr Abends bis fünf Uhr morgens verkündet worden. Sie soll zwei Monate lang gelten.
Das Regime nutzte die Nachtstunden der Ausgangssperre für eine Verhaftungswelle. U Win Naing, ein 70-jähriger Politiker, wurde ebenso in der Dunkelheit abgeholt wie Za Ga Na, der bekannteste Komiker des Landes. Das Regime fand es offenbar überhaupt nicht lustig, dass der Star in aller Öffentlichkeit gemeinsam mit anderen Oppositionellen protestierende Mönche verköstigt hatte. Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi soll laut Medienberichten bereits am Sonntag aus ihrem Haus in der University Road geholt und in das berüchtigte Insein-Gefängnis am Stadtrand von Rangun gebracht worden sein.
Doch vor der mächtigen Shwedagon Pagode wirkten die Soldaten und Polizisten, die die Zufahrtsstraßen mit Stacheldrahtverhauen absperrten, wie kleine Zwerge. Den Eindruck hatten offenbar auch Hunderte von Mönchen. Sie zeigten sich alles andere als beeindruckt von dem Sicherheitsaufgebot und beschlossen, alle Warnungen in den Wind zu schlagen.
Fußmarsch der Mönche Richtung InnenstadtNach anfänglichen Rempeleien am Osteingang der Shwedagon Pagode - bei denen rund 30 Mönche und 50 „Zivilisten“ verhaftet wurden - marschierten die verbliebenen Bikkhus Richtung Innenstadt. Die Sicherheitskräfte hatten sechs Klöster umzingelt. Trotzdem konnten sie nicht verhindern, dass bald zwei Protestzüge von Mönchen mit zusammen etwa 10 000 Teilnehmer Richtung Stadtzentrum zogen. „Folgt uns nicht“, riefen einige von ihnen Passanten zu, „wir Mönche machen das alleine.“
Dennoch ließen sich viele Burmesen nicht davon abhalten, wie in den vergangenen Tagen Menschenketten entlang des Protestzuges zu bilden. Als Sicherheitskräfte gegen die Mönche vorgingen, ertönte ein ohrenbetäubendes Wutgeschrei. „Ihr Narren, ihr Narren!“, riefen manche Passanten den Polizisten zu.
Rund eineinhalb Monate nachdem Birmas Generäle die Krise mit der schockierenden Verdopplung der Treibstoffpreise selbst heraufbeschworen, und neun Tage nachdem aus den anfänglich zaghaften Protesten plötzlich eine Massenbewegung wurde, die insgesamt 25 Städte in dem 53 Millionen Einwohner zählenden Land erfasste, liegen in Rangun nun die Karten auf dem Tisch. Die mächtigste Institution des Landes, das 400 000 Mann umfassende Militär, bewies am Mittwoch, dass es nicht bereit ist, die Kontrolle aus der Hand zu geben. Die zweitmächtigste Instanz des Landes, der rund 400 000 Mönche und Nonnen umfassende buddhistische Klerus des Landes, zeigte am Mittwoch, dass die Mönche zur Konfrontation entschlossen sind.
„Eine der beiden Fronten muss Risse bekommen“, sagte am Mittwoch ein Diplomat. Noch ist unklar, wer den längeren Atem hat: Die bis an die Zähne bewaffneten Militärs oder die barfüßige Armee der Mönche.
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