Von THORSTEN KELLER, 25.09.07, 13:04h
Im deutschen Fußball ist der FC St. Pauli, unser heutiger Gegner, so etwas wie Jedermanns Zweitverein. Sogar Menschen, die ansonsten Bayer 04 Vizemeister anhängen, tragen wie selbstverständlich Pauli-T-Shirts mit dem geflügelten Wort „Weltpokalsiegerbesieger“ und jeder Fernseh- und Radioreporter, der seinen Ü-Wagen vor dem Hamburger Millerntor parken darf, faselt garantiert irgendwas vom „Freudenhaus der Liga“. Dem Club schlägt eine Sympathie entgegen, die unmöglich mit dem Fußball spielenden Personal zusammenhängen kann, sondern alleine mit den Fans, dem Alternativ-Image des Vereins und des ihn umgebenden Stadtviertels. Als der Club 2003 am Rande der Insolvenz stand, kamen in einer wundersamen Rettungsaktion in kurzer Zeit 1,95 Millionen Euro zusammen, so dass der Zwangsabstieg in die vierte Liga gerade noch abgewendet wurde. Sogar die bösen Bayern kamen für ein Benefizspiel vorbei. Maßgeblichen Anteil an der Rettung hatte die Kampagne „Saufen für St.Pauli“ – Wirte im Stadtteil kassierten einen Solidaritätszuschlag von 50 Cent auf jedes ausgeschenkte Bier. Meine persönliche Pauli-Lieblingsstory trug sich im Oktober 2001 zu, als Energie Cottbus (Trainer: Eduard Geyer, die Fleisch gewordene Ostzone) am Millerntor gastierte. Der Coach hatte die Arbeitsmoral seiner Spieler kurz zuvor mit jener der „Nutten auf Sankt Pauli“ verglichen, was ihm das Publikum (darunter eine Abordnung des horizontalen Gewerbes) mit lustigen Transparenten heimzahlte: „Der beste Freier – Ede Geyer“. Cottbus verlor das Spiel 0:4. So weit darf es heute um 17.30 Uhr natürlich nicht kommen.
Nach einer Siegesserie sondergleichen (dreimal hintereinander!) stand Borussia am Wochenende sogar anderthalb Tage lang auf einem Aufstiegsplatz. Und, fast noch schöner: Beim Sieg gegen Augsburg erzielte die Mannschaft vier Stürmertore, ein weiterer Treffer von Nando Rafael wurde versehentlich abseits gewunken. Solche Offensivwallungen hat der Gladbachfan nicht mehr erlebt, seit Martin Dahlin und Heiko Herrlich in der Saison 1994/95 Angst und Schrecken verbreiteten. Den Nullpunkt erreichte der Gladbacher Angriff in der Rückrunde 2006/07 – mit zehn Toren in 17 Spielen und Stürmer-Karikaturen namens Kahe und Mikkel Thygesen. Wie Sportdirektor Christian Ziege diese Figuren, nebst den Problembelgiern Sonck und Thijs, in ihre Heimatländer bzw. in die Türkei transferiert hat – da kann man, blödes Wortspiel, nicht meckern.
Nur eine Meckerei am Schluss: Anpfiff um 17.30 Uhr, was für ein Unsinn. Wer soll sich eigentlich an einem Dienstag oder Mittwoch um halb sechs ein Fußballspiel anschauen, von Lehrern, Journalisten, Studenten und ALG-II-Empfängern einmal abgesehen?
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