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Großes Kino im Wilden Westen

Von KATRIN VOSS, 04.10.07, 15:37h

Die Rocky Mountains bilden eine gigantische Filmkulisse für den Western dieses Kino-Herbstes: „Die Ermordung des Jesse James“ vom neuseeländischen Regiesseur Andrew Dominik.

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Nahe dem Abraham Lake liegen die größten Eisfelder südlich des Nordpolarkreises.
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Nahe dem Abraham Lake liegen die größten Eisfelder südlich des Nordpolarkreises.
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Aussicht auf den meistfotografierten See der Welt - Lake Louise.
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Die Skyline von Calgary.
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Die Rockies bilden die gigantische Filmkulisse für den kommenden Herbst-Western „Die Ermordung des Jesse James“.

Es ist das beherrschende Thema im Calgary dieser Tage. Kanadas Boomtown Nummer eins ist der wachstumsstärkste Finanzplatz im Westen des Landes, eine der größten Öl-Metropolen Nordamerikas. Doch in den Banken und Büros von Downtown, in dieser Wolkenkratzerwelt inmitten der Graslands im Bow-River-Tal, reden die Calgarians über großes Kino. Das 8. Internationale Filmfestival von Calgary eröffnete just mit einem Streifen, den die Menschen hier nicht nur sehen wollen, weil er ein Western ist. Sondern weil er genau dort gedreht wurde, wo sie leben: Für „Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ verbrachten die Filmcrew um Regisseur Andrew Dominik und die beiden Titelhelden Brad Pitt und Casey Afflek viele Monate in Alberta.

Kanadas reichste Provinz, so groß wie Deutschland, aber gerade einmal drei Millionen Einwohner stark, hat sich bei aller Modernität viel vom Charme der Pionierzeit bewahrt. Es gibt einen Cowboy-Trail 640 Kilometer lang quer durch die Provinz, der im Nordwesten von Edmonton beginnt und ganz im Süden, kurz vor der Grenze zu Montana, endet. Rechts und links der Route weiden riesige Viehherden, es gibt Farmen und Salons am Wegesrand. Wer als Tourist das Leben auf einer Ranch hautnah erleben will, der kann sich ein Zimmer mieten, von den Cowboys anlernen lassen - und wird schnell merken, dass so eine Ranch kein Ponyhof ist.

Sie haben also in Alberta gedreht, weil dies der Wilde Westen ist. „Vielleicht die einzige Sache, die härter schuftet als ein Cowboy, sind seine Stiefel“, heißt hier eine Redensart. Die Original-Boots werden immer noch in Tim Gerwings kleiner Schuhfabrik am Rande von „Cowtown“, wie sie Calgary nennen, von Hand gefertigt. Die Leute vom Film haben sie angezogen. Wer sich abends im „Ranchman's“ auf ein Bier trifft, kommt in Boots, und erst recht, wer zur „Stampede“ geht. Zehn Tage währt das Western-Open-Air-Spektakel im Juli, bei dem die Stadt sich alljährlich im Ausnahmezustand befindet.

Die Filmemacher haben den Himmel über Alberta gelobt, und da war wohl niemand am Kamera-Set, der nicht jeden Tag aufs Neue von dieser Naturkulisse überwältigt gewesen wäre - großes Kino eben. Selbst die klirrende Winterkälte habe man irgendwie überlebt, unkte Regisseur Dominik. Das Wetter schlägt hier öfter Kapriolen, schon im September wehen heftige Schneestürme durch die schroffen Bergzüge der nahen Rocky Mountains, und Einheimische bringen meteorologische Fragen gerne auf die eine knappe Formel: „Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann warte einfach zehn Minuten.“

Der „Calgary Sun“ hat Brad Pitt in einem Interview verraten, es seien seine besten Monate gewesen, diese Drehtage in Alberta. Ein Landstrich von majestätischer Schönheit, den viele Nordamerika-Kenner als den wohl „am meisten amerikanischen“ unter den kanadischen bezeichnen. Dies ist das Land der Biber, der Bären und Berge, der Bisons und der stolzen Blackfoot-Indianer. Ein weites Land, „das dich zur Ruhe kommen lässt und zu dir selbst“, befand Brad Pitt. In Drehpausen ließ er die Familie kommen, um Ausflüge zu unternehmen in die unwirkliche Stille der Grashügel und Badlands von Drumheller, Kanadas „Dino-Hauptstadt“. Es ist eine Reise um 4,6 Millionen Jahre zurück in die Vergangenheit. Im Royal-Tyrrell-Museum haben Paläontologen Dutzende von urzeitlichen Funden aus der Gegend zu einer beachtlichen Sammlung von Skeletten zusammengefügt. Man kann den Wissenschaftlern bei der Arbeit zusehen und die alten Knochen eines kompletten Tyrannosaurus Rex in Augenschein nehmen, des größten seiner Art, das je gefunden wurde. Man kann sogar an Forscher-Camps teilnehmen und nach Fossilien schürfen. Man muss gar nicht so weit zurückblicken. Es reicht schon, sich vorzustellen, dass es keine 200 Jahre her ist, als noch bis zu 70 Millionen Bisons die Ebenen Nordamerikas durchwanderten. „Wenn es eine Lektion für uns gibt aus der Naturgeschichte dieses Landes“, sagen die Forscher von Drumheller, dann wohl diese: „Es ist der Wandel, der unsere Welt ausmacht.“

Kanada hat immerhin vier große Eiszeiten hinter sich. Und zum Glück sind sie noch da, die übrig gebliebenen Eisfelder und Gletscher in den zentralen Rocky Mountains. Es war einmal die Welt des David Thompson, Vorreiter aller kanadischen Outdoor-Freaks, der Mann, der den Saskatchewan und Clearwater im Kanu hinabgepaddelt ist, quer durch die Wildnis, und das Land auf Karten gezeichnet hat - ein Pionier des Westens. Heute ist es die Welt von Leuten wie Ralph Sliger (50). Unten am Cline River, nicht weit vom Ufer des riesigen Abraham

Lake, hat er die Basis für seine Helikopter-Touren über die schneebedeckten Columbia Icefields aufgeschlagen. Neun Jahre ist das nun her. Freunde winkten ab: „Keiner kommt so weit raus zu deinem Flugplatz.“ Inzwischen sind es 10 000 Fluggäste pro Saison, im Winter fliegt Ralph sie hinüber zu den Skihängen von British Columbia. Die sich auskennen in der Welt der Gletscher haben ihm gesagt, dass dies hier die großartigsten sind, die sie je gesehen haben. Ein kurzer Abstecher ist es nur zum Icefield Parkway, den viele für die spektakulärste Panoramastrecke der Welt halten: Jene 233 Kilometer Highway zwischen Banff und Jasper, vorbei am sagenhaften Lake Louise und nicht weniger als 200 Gletschern. Auch das ist ganz großes Kino.



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