Von FRANK OLBERT, 01.10.07, 22:07h, aktualisiert 11.10.07, 11:37h
„Ratatouille“ ist der erste große Spielfilm nach der Fusion des bereits zu Legendenstatus aufgestiegenen Studios Pixar mit dem Giganten Disney. Was vielleicht das Erstaunlichste dabei ist: nicht der Moloch Disney hat sich den (relativen) Zwerg Pixar einverleibt - es ist ganz und gar umgekehrt: John Lasseter und sein Team machen Disney die Hölle heiß. So einen Film hat es lange nicht gegeben, und schon gar nicht bei den Erben des guten, alten Walt.
Darauf hinzuweisen, dass Pixar und insbesondere der Regisseur Brad Bird in animationstechnischer Hinsicht einen perfekten Job abliefern, ist ungefähr so originell wie die Aussage, dass Alfred Hitchcock sehr spannende Filme gedreht hat. Und doch muss man einmal feststellen: es scheint nahezu gleichgültig zu sein, dass Rémy und alle anderen Figuren, der Chefkoch Gusteau, der Restaurantkritiker Ego, die Rattenfamilie und der Waisenjunge Linguini, allesamt Computergeburten sind - digitale Zahlengeschöpfe aus irgendeiner Software, die sich bewegen. Hauptsache, sie bewegen sich so, wie sie es in „Ratatouille“ tun - wie richtige Menschen und Ratten.
Die Meisterschaft der Animation, also der Belebung künstlicher Bilder hin zu Illusionen eines realen Geschehens, ist freilich nur ein Teil der Virtuosität dieses Films. Dieser Part könnte in steriler Könnerschaft enden, in festplattengestützten Muskelspielen: Sehr her, wir animieren noch viel besser als die von „Ice Age“! Und ganz abgesehen davon - bei aller Nachahmung der Realität ist und bleibt „Ratatouille“ ein Animationsfilm, denn etwas anderes will er gar nicht sein.
Nein, was uns anrührt an diesem Film, ist in erster Linie die Geschichte selbst. Es ist eine Krisen-, Selbstfindungs- und Selbstverlust-Geschichte - mit einer Ratte, die der bessere Mensch und erst recht der bessere Koch ist: Rémy, ausgestattet mit einem formidablen Geruchs- und Geschmackssinn, verschlägt es in die Küche eines Pariser Nobelrestaurants, und nicht anders ergeht es dem Menschenkind Linguini, das hier als Putzhilfe anfangen soll. Welcher Aufstieg zum Küchenolymp, welche Seilschaft wäre ergreifender und spannender als das Drama dieser beiden Figuren, und welcher Clou wäre dabei umwerfender als die Tatsache, dass Rémy unter der Kochhaube Linguinis sitzt und ihn am Haarschopf dirigiert - immer an den Gewürzen und Kochtöpfen entlang, auf dass die schmackhaftesten Gerichte entstehen?
Natürlich ist Rémy den Menschen ebenso unheimlich wie seinen Artgenossen, vor allem dem eigenen Vater. Auch einen solchen Konflikt, der bis in kleinste Hakeleien durchgespielt wird, scheut „Ratatouille“ nicht. Diese psychologische Wahrhaftigkeit macht dieses neue, achte Pixar-Werk zu einem großen, beachtlichen Film, und es ist gleichgültig, dass seine Charaktere nur gezeichnet sind. So wie Nemo von seinem Vater forderte, dass dieser seiner Vater-Rolle gerecht werde, so wie die Unbeschreiblichen mit ihrer Heldenrolle nicht zurechtkommen und zu sich selber finden wollen, so sucht Rémy seinen Platz in der Welt. Und übrigens auch sein schärfster Kritiker.
Zu einer der großartigsten (und für Kritiker aller Couleur und Disziplinen ergreifendsten) Szenen kommt es, wenn der große Geschmacksnerventester Ego Rémys Meisterstück beurteilt - man kann es sich denken: ein raffiniert zubereitetes Ratatouille, ein vermeintlich einfaches Gemüsegericht mithin. Hier erfährt der Film eine der erstaunlichsten Wendungen, hier gewinnt er eine der schönsten Erkenntnisse, die sich vielleicht in der ganzen Geschichte des Animationsfilms denken lässt. Am besten, man feiert am Ende innerlich mit Ratten und Menschen mit. Hauptsache, es gibt was zu fressen - nein, das würde Rémy ganz und gar nicht gefallen: Hauptsache, es gibt etwas Feines zu essen, und wir wissen es zu schätzen.
Ratatouille, so glaubten wir immer, sei eine matschige Gemüsepampe. Nicht, wenn es von Rémy zubereitet wird. Dann schmilzt sogar der Kritiker Ego dahin.
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